Archive for the ‘einst’ Category

Mein Züribasel

Thursday, March 19th, 2009

18uhr10. Ich hole unsre Tochter aus der Krippe ab. In den Strassen des Sihlfelds erste Fangrüppchen. Zwölfjährige Jungs in Südkurvenkluft. Eine Studentinnengruppe im Fanshoplook. Spürbare Vorfreude. 

1990. Erste Fahrt nach Basel. Mein Freund und ich haben schauen uns das Spiel mit seinem Basler Vater an. Natürlich provozieren wir leichtsinnigen Jugendlichen ihn gerne. Mitte der zweiten Halbzeit weitet sich unser Streit aus auf den halben Block („Stön’doch üübärä zu eune Schiisziircher“). Das 3:3 kurz vor Schluss durch Basels Uwe Dittis rettet unsere Haut.

19uhr30. Nur noch schnell den Sohn ins Bett und dann ab. FCZ-Songs steigern seine Weinkrämpfe, beim einzigen Basellied, das ich kenne, döst er friedlich ein. Ein gutes Omen? 

1994. Im Joggeli mit 42‘000 weiteren Zuschauern. In der Halbzeitpause besucht eine Basler Fangruppierung in orangen Bomberjacken die Zürcher Ecke und es kommt zu einer Rauferei. Sektorentrennung, damals noch ein Fremdwort. Haris Skoros 1:1 verhindert vorerst Basels Aufstieg in die NLA.

19uhr46. Auch die 37jährigen Familienväter ziehen nun zum Stadion. Schnell noch einen Kebab und zwei Bier am Lochergut. Ich hoffe auf ein überlanges Spiel bis zum 18. Penalty. Träumer. 

1998. Heimspiel im Letzigrund. Vor dem Spiel prügeln FCB-eigene Security-Kräfte die Basler Fans der Osttribüne entlang in Richtung Auswärtssektor. Die Clubordner haben verdächtige Ähnlichkeiten mit den Typen in den orangen Jacken. Shorunmu, Huber und Bartlett gewinnen gegen Potocianu, Ceccaroni und Rychkov mit 2:1.

20uhr07. Schon drin. Sie haben was gelernt im neuen Letzi und endlich zusätzliche Eingänge geöffnet. Laute Antibasel-Gesänge vor dem Spiel und schöne Pyroshow der Basler.  

2004. Humor im St. Jakob. Auf den Rängen duellieren sich zwei Fangruppen mit ausgefeilten Ideen. Die Südkurve verlegt den ersten Teil der Choreografie kurzerhand ausserhalb des Stadions an ein Brückengeländer. Die Muttenzerkurve ihrerseits entrollt über dem FCZ-Block ein Transparent mit der Aufschrift „Fusion, da laufts“. Was sich liebt, das neckt sich.

21uhr40. Scheissspiel. Scheisspenalty. Passt. Einsamer Höhepunkt ist das neue Lied der Südkurve. Eine Adaption des Friedenslieds Hevenu Shalom Alechem. Passt eher nicht. Ausserdem scheint mir der Text ‚Mir gäbet alles für dä FCZ‘ nicht ganz astreines Züridütsch.

2007. Bomber im Hardturm. Bei Spielende besucht die Crème de la crème der Basler Ehemaligen-Hooliganszene (ja, die in den vormals orangen Jacken) den Eingang der FCZ-Fankurve und haut auf alles ein, was sich bewegt. Stadionsicherheit und Polizei haben vom Aufmarsch wieder einmal nichts mitbekommen.

22uhr15. Es knallt an der Schlachthofecke. Wie seit jeher. Wir ziehen uns auf ein Mineralwasser ins Lokal zurück, Bier gibt‘s erst ab Mitternacht. Selten so entnervtes Servierpersonal gesehen. Später dann noch Steinbocksalsiz aus Brigels und Zürcher Pils in einer netten Bar. Diskussionen mit Zlaty und Theo über Uniformität und Radikalität der Kurve, über Stromlinienförmigkeit und Totalitarismus. So wird es schnell einmal spät.

Ennetbürger Wandmalereien

Friday, December 5th, 2008

Der treue Leser und Sportsmann Fabian C. hat bei einem Besuch des altehrwürdigen, ehemaligen und  vielleicht dereinst wieder zum Leben erweckten Hotels Honegg oberhalb Ennetbürgen NW ganz erstaunliche Wandmalereien entdeckt und diese für die interessierte Nachwelt festgehalten. Es handelt sich um kurze Aufzeichnungen eines Fussballfreundes aus den 20er Jahren. Der anonyme Chronist hat anhand der Spieltage vom 9. und 16. Juni 1929 den Punktestand der Grasshoppers, der Young Boys und von Urania Genf ausgerechnet. Was sich aufgrund der Kritzeleien noch nicht hatte erahnen lassen: Die Berner wurden 1929 Meister, nachdem sie den Cupfinal im selben Jahr gegen Urania 0:1 verloren hatten.

Rund um die “Tabelle” sind die Namen M. Bettex (Lausanne), Jean Füllemann (Romanshorn) und Hans Peter Odermatt zu lesen. Es handelt sich bei ihnen vermutlich um Teilnehmer von militärischen Weiterbildungskursen oder Klassenlagern, die ihre Spuren hinterlassen wollten. Hans Peter Odermatt kommt – anders als Bettex und Füllemann – als Urheber der Aufzeichnungen nicht in Frage. Er hat an anderer Stelle – und versehen mit der Jahreszahl 1967 – in einer Art Cluster-Diagramm von seinem Leben erzählt. Rund um einen Kasten mit seiner Adresse und über den Satz “Für das alles intressiere ich mich” schreibt er unter anderem “Essen, Fischen, Naturkunde, Kriminalistik, Beat Music, Skilager, Fussball, Abfahren, Abmachen, Zirkus, Sprachen, Fernsehen”. Bei diesem Reichtum an Interessen dürfte es im Folgenden nur so gepoltert haben in Hans Peter Odermatts Briefkasten.

Beim wiederholten Studium der Tabelle ist mir nun mit reichlicher Verspätung aufgefallen, dass es sich dabei wohl um die ersten beiden Spieltage der neuen Saison, also 1929/30, handeln muss und nicht etwa um die letzten der Saison 1928/29. Das würde dann aber heissen, dass nicht YB, sondern Servette den späteren Meister stellte, natürlich sehr zum Ärger von Urania und wohl auch zum Leidwesen des Kritzlers, dem die Grenats damals keine Spalte wert waren.

Chrigel und Litti

Thursday, November 20th, 2008

Als sie diesen Pierre Littbarski nach Vaduz holten, wurde ich ein bisschen nostalgisch. Ich hatte dem einen Brief geschrieben, damals Anfang 80er Jahre, wollte ein Autogramm. Die Adressen auf meinen Briefen lauteten damals so: Pierre Littbarski, Fussballer, 1. FC Köln, Köln, Deutschland. Oder: Ian Rush, FC Liverpool, Liverpool, England. Erstaunlich vieles kam an bzw. zurück. Auch wenns manchmal eine Weile dauerte. Trevor Steven vom damals grossen Everton war einer der letzten, dem ich schrieb. 1985 warf ich den Brief ein, 1987 kam die Autogrammkarte.

Es war eine aufregende Zeit damals und ein aufregendes Hobby. Es ging zwar alles Sackgeld für Briefmarken drauf, dafür kam die Post damals noch zweimal am Tag. Das hiess zweimal Hochspannung, am Morgen nach der Schule, am Nachmittag nach der Schule. Erstaunlich vieles hab ich noch in wacher Erinnerung. Bernd Nickel von YB kam zum Beispiel mit der Nachmittagspost.

Und also eben Litti. Gestern holte ich meinen alten grünen Ordner “Autogramme” aus der Versenkung. Und dann fand ich ihn, den Pierre Littbarski, mit “Doppel Dusch” auf dem Bauch, und wer sekundiert ihn? Der Chrigel Gross im Bochum-Dress. Hat wohl auch eine Weile gebraucht mit antworten. Als ich ihn einklebte, spielte er auf jeden Fall schon für St. Gallen.

The Kop: She loves you

Friday, November 14th, 2008

Es geht auf ein kaltes Wochenende zu, und da tun ein paar Minuten Herzwärme sicherlich gut: Dieser Ausschnitt einer BBC-Reportage aus den 60er Jahren über den alten Kop in der Liverpooler Anfield Road hat die erzählerische Dichte einer ganzen Fussballenzyklopädie. Ich habe den Beitrag 2001 im Football Museum der FA in Preston gesehen und konnte mich damals kaum mehr davon lösen. Erst vor wenigen Wochen ist mir in den Sinn gekommen, ihn auf Youtube zu suchen – und siehe da! Erstaunlich, dass den noch nicht mehr als 12’300 sehen wollten. Recht viel Vergnügen und ein schönes Wochenende.

Split – Ancona 1:1

Friday, October 24th, 2008

Während der Überfahrt  mit der Fähre von Italien Richtung Kroatien fällt mir im Reiseführer eine Passage über Split auf: „ Besuchen Sie unbedingt ein Heimspiel von Hajduk.“  Nicht gerade üblich, dass kulturell und historisch ausgerichtete Reisebücher Fussballspiele empfehlen. Spätestens nach der Ankunft in der kroatischen Hafenstadt wird klar, dass Hajduk weit mehr ist als ein Fussballklub.  Jeder Souvenirstand verkauft Klubtrikots und -andenken. An Hauswänden haben sich die Fanklubs verewigt: Torcida nennen sich die einzelnen Fraktionen, denn egal wohin wir auch fahren, überall an der Küste tauchen weitere Hajduk-Fanklubs auf, selbst im kleinen Küstendorf auf Korcula  hat jemand mit schwarzem Klebband „Torcida Lumbarda“ auf ein Fenster geschrieben. Auf einem Schulhof ist in der Mitte des Spielfelds  das Hajduk-Emblem aufgemalt, ein rotweisses Schachbrettmuster in blauem Kreis. Ich lese in  Miljenko Jergovics „Walnusshaus“, aber auch dort  komme ich nicht an Hajduk vorbei, denn der Autor skizziert mit wenigen Sätzen eine ganze jugoslawische Fussballtradition: „Statt das Radio einzuschalten, wirbelten in seinem Kopf alle Begegnungen zwischen Hajduk und Roter Stern durcheinander, die er in er in einer langen Reihe von dreissig Jahren bewusst erlebt hatte, Jahre, in denen sich Fussballergenerationen abgelöst hatten.  Talente wurden geboren, die mit dem ersten Rausch in sich zusammenfielen, die grössten Spieler trugen die Neun oder Zehn auf dem Rücken, bei Hajduk Split Jurica Jerkovic, beim Roten Stern Jovan Acimovic….“ – Jerkovic? Spricht Autor Jergovic in seinem Roman etwa vom  ehemaligen FCZ-Star Jure Jerkovic, dem unvergesslich herausragenden Fussballer? – Nach einer Woche Strandfussball  geht’s zurück Richtung Italien. In Ancona stärken wir uns am Montag Morgen in einer Bar mit Kaffee und lesen die Schlagzeilen. Ancona hat in Treviso vor 1368 Zuschauern nur 1:1 gespielt. Aber die Zeitung berichtet vor allem von den Zwischenfällen vor dem Anpfiff, drei der fünfzig Ancona-Ultras wurden festgenommen. Ziemlich trostlos, der Fussball scheint in der bedeutendsten Hafenstadt an der italienischen Adria weit weniger zu beschäftigen als auf der anderen Seite des Meers. Dann fällt mir in der Bar per Zufall ein kleines Heftchen der „Associazione Clubs Forza Ancona“  in die Hände, das mein Interesse weckt. Mittendrin in der Werbung verbirgt sich ein Juwel: Auf der einen Seite ist Johannes der 23. abgebildet, gegenüber Franz von Assisi. Offenbar liegt dem freiwilligen Kulturverein „Quadro Di Giovanni XXIII“, der sich der Aufwertung der Stadt Ancona und der Unterstützung von Personen in Schwierigkeiten verschrieben hat, gerade auch der Fussball am Herzen. Einzigartig und Split ebenbürtig ist zumindest der Einfallsreichtum Anconas:  Politiker, Showstars und  Wirtschaftsgrössen sonnen sich überall auf der Welt gerne im Erfolg der Fussballklubs.  Päpste und Heilige habe ich aber ausser in Ancona noch in keiner Klubzeitschrift angetroffen.

Fredy Bickel: Nein zum modernen Fussball!

Thursday, October 23rd, 2008

Was ein wirklicher “Vollblutstürmer” ist, das wissen wir heute ja gar nicht mehr. Denn wir leben in einer furchtbaren Zeit: stürmende Verteidiger, verteidigende Stürmer – die einen nennen es Total Football, doch letztlich ist es Total Beliebig. Einer, der noch wusste, wo er hingehörte, war die treue GC-Seele Fredy Bickel (1918-1999). Der Mann, der 21 Jahre lang im selben Team spielte, über 200 NLA-Tore schoss und an zwei Weltmeisterschaften dabei war, erklärt sein Verständnis von Rollenteilung:

Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.

(Gefunden auf der LP “Die grosse Sportparade” von 1975. Der unsaubere Schnitt gegen Ende der Sequenz stammt vom Original)

Mit Regenschirmen und Leuchtmunition

Friday, October 17th, 2008

Und nun endlich wieder ein Auszug aus dem “Fanbuch” von 1988. Nach der Tessinreise der Aarauer Adler hier ein Blick in den Zürcher Hooliganalltag Ende 80er Jahre. Ohne viel vorweg nehmen zu wollen: Bemerkenswert ist sicherlich der offenbar selbstverständliche Einsatz diverser Waffen und Schlaginstrumente – wo wir doch meinen, so schlimm wie heute sei es jetzt aber ganz sicher noch nie gewesen. Gleichzeitig fällt die sehr neutrale Nennung der Polizei als ordnende dritte Kraft auf, hier hat sich das Autoritätsverständnis wohl etwas verschoben in den letzten zwanzig Jahren. Und zuletzt verdient die absolut objektive Berichterstattung des involvierten Hooligans John eine Erwähnung, schreibt er doch unverblümt von der eingesteckten Niederlage – sowas wäre heute, im Zeitalter des realen und virtuellen Max’, schlicht undenkbar. Jetzt aber heisst es: Regenschirme aufspannen und rein ins Gewitter!

 

FC Zürich – FC Basel

Noch in den letzten Eishockey-Spielen des Zürcher SC wurde darüber gesprochen, während der Fussballsaison den Baslern eins auszuwischen. Dafür bot das obengenannte Spiel eine ausgezeichnete Gelegenheit.

Bereits am Nachmittag warteten etliche Zürcher auf die Baseler «Breakers». Aus Dortmund kamen extra 4 Kumpel, weil wir auch schon mehrmals mit ihnen zusammen in der Bundesliga waren. Das Spiel war erst auf 20 Uhr angesetzt. Um 18 Uhr sammelten wir uns. «Eagles», «Regensdorfer», «Ultras», einige FCZ- und GC-Fans (Grasshopper Zürich), insgesamt waren mehrere Dutzend für «den Kampf bereit».

Als wir erfuhren, dass die Baseler in Zürich angekommen wären und sich vor dem Letzigrund-Stadion befänden, zog unser Mob in Richtung Stadion. Dort stürmten wir mit Gebrüll, Leuchtmunition abfeuernd, auf das Kommando eines «Regensburgers» in Richtung Restaurant «Eber» (hinter der Gästekurve), wovor der Baseler Mob versammelt war. Überrascht über unseren Angriff, ergriffen etliche «Breakers» die Flucht. Die anderen versuchten, sich mit Messern un Tränengas zu wehren. Einige von ihnen wurden regelrecht vermöbelt. Die Polizei schritt ein. Um Verhaftungen zu vermeiden, verzogen wir uns. Doch nicht für lange. Kaum verschwunden, folgte der nächste Angriff von der anderen Seite. Ein Zürcher wurde mit dem Messer verletzt, ein Baseler musste ebenfalls mit Schnittwunden ins Spital eingeliefert werden. Nun mussten wir uns aber ganz zurückziehen, weil die Polizeigrenadiere rigoros mit Tränengas und Gummigeschossen eingriffen. Während des Spiels kam es zu kleineren Auseinandersetzungen zwischen den Zürcher Fans aus der Kurve und den Baselern; doch davon bekamen wir nicht viel mit, weil wir uns für den Schlussakt beim Zürcher Hauptbahnhof vorbereiteten. Wir hatten Glück, dass die Polizei von unserer Ansammlung beim Hauptbahnhof nichts mitbekam. Kurz vor 22 Uhr sahen wir die Tram vom Stadion her in den Bahnhof einfahren.

Die Baseler stürmten sofort aus der Tram und griffen uns an, wovon wir sehr überrascht waren, einige ergriffen die Flucht. Die Übriggebliebenen wehrten sich vehement mit Schirmen, Baseballschlägern und sonstigen Schlagstöcken. Trotzdem war wenig später, zugegebenermassen, die Stadt in Baseler Hand. Bedingt durch Einzelaktionen sah man neben blutigen Zürcher Köpfen auch noch Baseler, die etwas abbekamen. Ruhe herrschte in Zürich erst wieder, als der letzte Zug den Bahnhof in Richtung Basel verlassen hatte.

John, Zürcher SC-Hooligan

“Ragazzi di stadio”, Torino 1979

Saturday, September 27th, 2008

Das Buch hab ich vor ein paar Jahren geschenkt bekommen, aber erst diese Woche gelesen. Es kommt wie ein Bildband daher, deshalb hab ich die Texte bis vor kurzem vernachlässigt. Die Rede ist von “Ragazzi di stadio” von Daniele Segre, herausgegeben 1979 von der Edition Gabriele Mazzotta.

Das Buch enthält Schwarzweissfotos der Fanszene Turins (viel Juve, wenig Toro) Ende 70er Jahre, meist Portraitaufnahmen wie auf dem Umschlag, aber auch Graffitis, Transparente, Gruppenfotos; ein grossartiges Werk. Die Bilder zeigen die extreme Überschneidung politischer mit Fan- Subkulturen, die die Anfangszeit der italienischen Fan- und Ultra-Kultur prägte. Ein Grossteil der damaligen Gruppierungen ordnete sich dem linken Spektrum zu – ein heute nahezu vollständig verschüttetes Erbe.

Wie ich jetzt erfahren habe, sind die Buchtexte ebenso wertvoll wie die Aufnahmen. Daniele Segre hat sich für “Ragazzi di stadio” mit jungen Männern und Frauen aus der Turiner Fanszene unterhalten: lange Gespräche in einer aus heutiger Sicht unvorstellbaren Direktheit und Offenheit. Herausragend hier das Gespräch mit Beppe, einem der Gründer und erstem Capo der “Fighters” von Juventus. Beppe erzählt hier vom Verhältnis zu seinen Eltern, die ihn schon als Kind verstossen hätten, von der Beziehung zu seiner Freundin Teresa (die beim Gespräch ebenfalls anwesend ist), von seiner Liebe zu Juventus und seinen Vorstellungen von “tifo”. Beppes Aussagen sind insofern ein interessantes Dokument, als der junge Capo Ende 70er Themen anspricht, die wir heute gerne als neuzeitliche Phänomene und Auswirkungen einer überbordenden Kommerzialisierung des Fussballs verstehen, wie etwa die fehlende Unterstützung seitens des Tribünenpublikums oder die Arroganz überbezahlter Spieler.

Geradezu rührend sind die Passagen, wo Beppe von einer Fankultur wie in England, speziell in Liverpool, träumt, nur mit Schals, Klatschen und Gesängen, ohne Trommeln. Um dem Interviewer Segre verständlich zu machen, was er meint, legt er die Pink-Floyd-LP “Meddle” auf, in deren Song “Fearless” ein Sample des Liverpooler Kop zu hören ist. Offenbar ist dies Beppes einziges Tondokument englischer Fangesänge. Per Zufall entdeckte ich genau diese Gesprächssequenz auf Youtube. Es ist dort zu sehen, dass Beppe dem Interviewer den ganzen Song vorspielt, bis am Schluss endlich “You’ll never walk alone” ertönt. Dass der Interviewer Daniele Segre ist, nehme ich an, denn gemäss seiner Homepage hat er unter dem selben Titel “Ragazzi di Stadio” 1980 auch einen Dokumentarfilm veröffentlicht. Daraus stammt wohl die Sequenz mit Beppe.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, was es bringt, ein vermutlich seit Ewigkeiten vergriffenes Buch vorzustellen. Ich weiss es auch nicht. Ausser dass ich ohne das Buch nicht auf den Youtube-Clip gekommen wäre, und den zu schauen lohnt sich auf jeden Fall. Was die Bilder angeht, so stell ich vielleicht irgendwann noch das eine oder andere hier rein. Wobei ich etwas Skrupel habe bei so guten Arbeiten. Die sollten nicht einfach so im Netz landen.

Danke, Fabio, für das Geschenk.

Oh wie schön war es einst (4)

Thursday, September 25th, 2008



Oh wie schön – und wie übersichtlich! Die drei identischen Wappen aus der ehemaligen Sowjetunion erzählen von einer Zeit, als Russland, Georgien und die Ukraine noch etwas weniger Probleme hatten miteinander. Oder eher: noch etwas weniger Probleme haben durften.

Oh wie schön war es einst (3)

Sunday, September 14th, 2008

 

Und gleich noch eine kleine Einstimmung auf das Cup-Wochenende. Das doppelseitige Bild stammt aus “Schweizer Illustrierte/Sie+Er” vom 9. Oktober 1978. Es zeigt eine Szene aus dem Cupspiel des Gastarbeiterklubs La Rondinella gegen Servette in La Neuveville am Neuenburgersee. Die Nähe der Zuschauerinnen und Zuschauer zum Geschehen ist beeindruckend, ebenso sind es Schnitt und Design der Servette-Trikots (Marke Admiral). Der lange Servette-Fan im Vordergrund links trägt Adidas-Rom und hält in der rechten Hand einen Plastiksack und eine Gashupe. An Gashupen erinnert sich heute fast niemand mehr, dabei waren sie bis in die späten 80er Jahre das beliebteste Fan-Utensil. Heute würden sie als Flammenwerfer gelten, was sie streng genommen ja auch sind, wenn auch in untergeordneter Funktion. Der hier zum Corner antritt, ist Didi Andrey, später als FCB-Trainer auch unter dem despektierlichen Namen Didi Mutlos bekannt. Andrey war Linksfuss (ist er vermutlich immer noch, spielt in seinem jetzigen Leben aber wohl keine Rolle mehr, deshalb Präteritum). Deshalb und aufgrund der Position des Balles kann davon ausgegangen werden, dass das Tor nicht rechts, sondern am verlängerten unteren Bildrand steht. Das wiederum rückt die Position des Fotografen (Matthias Werder) in den Fokus, steht er doch praktisch auf der Grundlinie und dürfte dem ohnehin schon reichlich bedrängten Andrey die Arbeit zusätzlich erschweren. 

Ein weiteres Bild zeigt die Pausenpredigt von Servette-Trainer Pazmandy. Während er seine Spieler abkanzelt, sitzen diese zusammengekauert auf der Bühne im Festzelt, das für die Feier nach dem Spiel aufgebaut wurde. Nationalspieler wie Pfister, Barberis, Engel oder Trinchero müssen es sich zwischen Gitarrenverstärkern, Basspauken und Mikrofonständern bequem machen. 

Das Spiel endete 1:4. La Rondinella hatte bis zur 93. Minute mit 1:0 geführt, dann wurde Servette ein Elfmeter geschenkt. Die Verlängerung rückte das verschobene Bild dann wieder zurecht.