Ein Tröpfchen Werbung in eigener Sache: Diesen Donnerstag lege ich in der Zone5 in Luzern (Bundesplatz 9) ein paar schöne und viele weniger schöne Fussballschallplatten auf und sage etwas dazu. Was es halt so zu sagen gibt zu Fussballschallplatten. Der Anlass läuft wie immer unter dem Titel “Singende Beine”. Zu hören sein wird unter anderem diese Zeile: “Oh oh Friedel, Friedel, oh Friedel Rausch, mit Ine hed me eifach de grööschti Plausch.” Allen, die sich das antun wollen, danke ich jetzt schon ganz herzlich. Pascal
“Lärmige Laufställe für die erregungswillige und rudelbildende Fussballgemeinde, die unter den Namen ‘Fanzone’ und ‘Public Viewing’ die Städte verschandeln, ein rechtlich bedenkliches Regime der ‘Sicherheitsfirmen’ mit sich bringen, öffentlichen Raum unbegehbar und auch Privatwohnungen unbenutzbar machen - sie werden von der Euro 08 in Erinnerung bleiben.”
Schöner hätten wir es nicht sagen können. Gefunden (und diesmal unverändert übernommen!) im NZZ-Feuilleton-Jahresrückblick am 31.12.2008, Sparte “Philosophie und Gesellschaft”, Rubrik “Das Letzte”.
Hey Schalke, wie fühlt sich das eigentlich an mit so einem Hauptsponsor? Schläft man da gut in diesen kalten Tagen? Aber natürlich: Fussball und Politik - das hat nichts miteinander zu tun. Entschuldigung, vergessen.
Die SVP arbeitet mit ihrer gewohnt zuspitzenden bis bösartigen Bildsprache: Dieses Mal attackieren auf den Plakaten finster dreinblickende Toggenburger die Schweiz. Der Toggenburger sei aggressiv, verschlagen und hinterhältig und er nehme den anderen Leuten das Futter weg, erläuterte Parteipräsident Brunner.
Die Journalistin Helen Hürlimann und der Journalist Jürgmeier haben ein ausgesprochen interessantes, leider aber bisher ziemlich unbeachtetes Buch geschrieben: “Tatort, Fussball und andere Gendereien”. Dabei werden zwei der wichtigsten Dinge im Leben, der Sonntagabendkrimi in der ARD und, eben, der Fussball, auf Rollenbilder und Geschlechterfragen untersucht. Richard Reich hat dazu in der NZZ geschrieben: “Wie Tabu-vermint dieses Terrain ist, belegt die Tatsache, dass einerseits Spitzenfussballer vor einem TV-Millionenpublikum ohne weiteres eine latente Homosexualität ausleben können (Stichwort Jubelszenen), während andererseits schwule Sportler ausgegrenzt, Fussballerinnen generell als Lesben verdächtigt werden.”
Die deutsche Kulturanthropologin Tatjana Eggeling, die zum Thema Homophobie im Sport ihre Habilitation schreibt, sagt im Interview: “Als Fussballer kann man sich (…) nicht hinstellen und sagen ‘Ich bin schwul’, weil man sich nicht sicher sein kann, ob man danach weiterspielen kann.” Das ist, auch in dieser Deutlichkeit, sicher richtig. Für Josef Zindel, Medienchef des FC Basel, haben dennoch “andere Probleme Priorität”, wie er im Buch erklärt. “Ich weiss, wir sollten mehr tun (…); in einem späteren Zeitpunkt müssen wir die Homophobie auch wegkriegen, das ist klar.”
Man (sic!) kann über diese Prioritätensetzung denken, wie man will: Das inhaltliche Niveau, auf dem sich das dreiseitige Interview mit Zindel bewegt, ist beachtlich und wäre so noch vor fünf Jahren undenkbar gewesen. Es ist ein Verdienst von ”Tatort, Fussball und andere Gendereien”, diesen Ansätzen von Progressivität Platz einzuräumen. Die Interviews sind für die rein Fussballinteressierten ohnehin der ergiebigste Teil des Buches. Neben Zindel und Eggeling werden Gespräche geführt mit Nati-Trainerin Béatrice von Siebenthal, FC-Winterthur-Geschäftsführer Andreas Mösli und FCZ-Südkurven-Aktivist Luca Salomon. Letzterer verneint die Existenz homophober oder sexistischer Gesänge in der Zürcher Südkurve und entgegnet rhetorisch: “Es fragt sich auch, was sexistisch ist; wenn man die Mutter eines andern als Nutte bezeichnet - ist das sexistisch oder nicht?”
“Tatort, Fussball und andere Gendereien” ist ein gescheites Buch, voll mit Verweisen, Zitaten und Querbezügen. Es ist die bis jetzt vermutlich kritischste Annäherung an den Fussball, die in der Schweiz je publiziert worden ist; daran ändert auch der sehr spezifische Ansatz nichts. Über die wenigen Ungenauigkeiten - Deutschland hat nicht, wie erwähnt wird, von Steh- auf reine Sitzplatzstadien umgestellt - lässt sich hinwegsehen, und die fussballfremden Seiten zu Gewalt, Gleichheit und Geschlecht lohnen die anstrengende Lektüre. Einzig die Kapitel zu den Tatort-Folgen setzen ein etwas gar spezielles Interesse voraus. Wenn ”Tatort, Fussball und andere Gendereien” auch die Ehre gebührt, den unsäglichen Hamburger Kommissar und overactenden Softie Casstorff (Robert Atzorn) entlarvt zu haben.
Der Musikjournalist Colin Irwin wollte ein Buch schreiben über die Gesänge in englischen Fussballstadien. Herausgekommen ist eine Bestandesaufnahme britischer Fussballkultur zwischen Plymouth und Wick, ein überaus lesenswertes Oszillieren zwischen Premierleague-Snobismus und unterklassigen Leidensgeschichten.
Gleich vorweg: Wer sich das Werk mit dem Titel “Sing when you’re winning” gönnen möchte, sollte unbedingt zum Original greifen. Die deutsche Übersetzung ist leider an vielen Stellen ein Ärgernis. Dass bei einem Buch, das als zentrales Element die Gesänge behandelt, die englischen Original-Chants bisweilen fehlen, dafür haarsträubende deutsche Übersetzungen geboten werden, ist das eine. Dass aber aus der im Englischen nun mal gängigen ing-Form konsequent das überhaupt nicht gängige deutsche Partizip I gemacht wird, ist schwer zu ignorieren. Was da wohl alles an Sprachwitz verloren ging, ach herrje. Nun denn, der Inhalt ist zum Glück reichlich und üppig und Irwin ein selbstironischer Erzähler, sodass die 300 Seiten auch mit etwas leer Schlucken zu schaffen sind.
Leer schlucken musste Irwin übrigens selten. Oft genug begoss er seine neuen Freundschaften ausgiebig, im Klublokal, im nahen Pub oder mit einer Flasche Whiskey aus dem Off-Licence gegenüber des Stadions. Irwin schildert auf plausible Art die Entfremdungstendenzen im englischen Spitzenfussball und stellt Menschen vor, die der unsäglichen Abzockerei und Arroganz in der Premierleague etwas entgegensetzen wollen. Dabei singt er mit Stockport County und Colchester United, redet mit Leuten des AFC Wimbledon und dem United FC of Manchester und erinnert sich an seine eigene Kindheit, an der Hand des Vaters beim Woking FC. Was “Sing when you’re winning” von anderen Fussball-Fanbüchern abhebt, ist Irwins Beschlagenheit in musikalischen Fragen. Er seziert Gesänge nach Tonalität und Ursprung, kennt dazu eine Unmenge unnötiger, aber grossartiger Details und amtet gleichzeitig - deformation professionelle - als harter, aber fairer Kritiker. So attestiert er ManUtd, entgegen landläufiger Meinung, eine intakte Gesangeskultur und (u.a. dank seines Gesprächspartners, dem ManUtd-Poeten Pete Boyle) eine reiche Vielfalt.
Beim häufigsten aller Gesänge, der Hommage “There’s only one XY” zur Melodie von “Guantanamera”, erzählt Irwin, womit der an Schizophrenie leidende ehemalige schottische Nationalgoalie Andy Goram von den Fans bedacht wurde: “Two Andy Gorams, there’s only two Andy Gorams.” Wer sich mit dieser Art Humor schwer tut, kann sich “Sing when you’re winning” sparen. Allen andern sei das Buch sehr nahe gelegt.
Ausser Schlittschuhlaufen in Wil kann man über die Festtage auch andere schöne Ausflüge machen. Zum Beispiel einen Spaziergang der Glatt entlang. Dafür muss man mit der S-Bahn nach Glattfelden fahren, und das lohnt sich sowieso. Der Bahnhof Glattfelden ist nämlich einer jener Bahnhöfe, die sehr sehr weit entfernt liegen von jenem Dorf, nach dem sie benannt sind. Im Falle Glattfeldens heisst das laut Wanderwegweiser 40 Minuten. Versam in Graubünden ist auch so ein Fall. Da wandert der Zugfahrer oder die Zugfahrerin sehr lange den Hang hoch, bis er oder sie vom Bahnhof bis ins Dorf gelangt ist. Nun aber zurück zu Glattfelden: In der Bahnhofsunterführung ist das hier abgebildete, liebevolle Wandgemälde zu bewundern, das im Frühling 1996 von einer Zürcher Unterländer Oberstufenklasse erstellt wurde: EM 96. Das Werk wurde in den vergangenen 12 Jahren nur geringfügig verunstaltet, was einmal mehr die weltumspannende Popularität von Fussball-Grossturnieren beweist - sie reicht bis an den Bahnhof Glattfelden. Begibt man sich von der Unterführung aufs Perron, bietet ein Wartesaal alter Schule Schutz vor der Bise. Die einzige nicht verglaste Wand ist auf eine fast kunstvolle Weise verziert mit hunderten von Kritzeleien. Wenn das so weiter geht, findet die Art Basel bald nicht mehr in Basel und Miami statt, sondern am Bahnhof Glattfelden. Herausragendster Eintrag an der Wartesaalwand: “With Power. King Town Eglisau.” Umgeben von Hakenkreuz und SS-Runen. With Power ist grossartig. Neben dem “Nationalen Wiederstand” mit ie eigentlich das Beste, was ich bisher aus dieser Ecke gelesen habe. With Power. Und dann King Town Eglisau. Fucking hell, Glattfelden: the place to be!
Gestern war ich hinter dem Wiler Bergholz Schlittschuhlaufen, in einer schönen, kleinen, kalten Halle. Auf dem Heimweg liess ich noch kurz das Stadion auf mich wirken. Es ist schon etwas Schönes, so ein Provinzplatz in der Winterstarre. Allein die Pressetribüne: Klappstühle, Holztische und ein Aschenbecher - für den Fall, dass einer auch im Winter noch schnell herkommen will, um ein paar Zeilen zu schreiben. Hoffentlich brennt die Tribüne nie ab.
An der Aussenwand derselben hängt Wils Goalie und Captain Davide Taini. Und wie er einen da so anschaut, allein, isoliert, blossgestellt durch die Kälte der Winterpause und ohne Publikum an Gewaltlosigkeit appellierend, wurde mir endlich klar, an wen er mich immer erinnert hat: an den Gotthard-Sänger Steve Lee.
Irgendwie kann ich ja noch nachvollziehen, weshalb man das Kürzel seines Lieblingsvereins oder Ähnliches an eine Hauswand sprayt. Aber wer ist Fan von Gerhard Mayer Vorfelder und Reiner Calmund? Entweder wurde die entsprechende Person überrascht, bevor sie das Kunstwerk beenden konnte, oder aber da läuft irgendwo ein ganz Irrer mit einem dicken Stift herum…