Ossie Ardiles war ein gern gesehener Gast in Londons Tonstudios. Immer wenn sich Tottenham wieder einmal für einen Final qualifizierte und dafür eine neue Platte aufnahm, liessen sie Ossie ans Mikrofon und lachten herzhaft, wenn er sein “Dottingham” sang. Er ist ein feiner Mensch, heisst es, und er war ein feiner Fussballer, und so war ihm dieses “Tottenham” mit drei “t” einfach zu hart. Sehr wahrscheinlich.
Ich wanderte einfach einmal los in Huttwil, das Ossie wohl auch anders nennen würde. Kaum zu glauben, aber nach 500 Metern links ist man schon in diesem Emmental, das sie einem via Käsewerbung weismachen wollen. Ich hätte nicht
gedacht, dass es das so wirklich gibt. Also so in echt. Mit all diesen gigantischen Höfen mit ihren wahnsinnigen Gärten vorne dran wo das Zeug nur so aus dem Boden knallt, Sonnenblumen höher als Ben Roethlisberger, Krautstielblätter grösser als “Die Wochenzeitung für das Emmental und Entlebuch”. Der eine Bauer lässt seinen Stier auf der Weide, ein beachtliches Vieh mit einem Gehänge bis hart an die Grasnarbe, der andere lässt auf seinen Feldern Kräuter für die Firma Ricola wachsen, hunderte von Metern Holunder, Pfefferminzlegionen in Reih und Glied. Und ich habe eigentlich immer gedacht, die stellen das alles im Labor her. Also diese Kräuternoten.
In der Sonne ist noch ein gäbiges Zimmer frei. Die Schweizer, die slowakische und
die deutsche Eishockeynationalmannschaft waren auch schon hier zu Gast. Ob vielleicht der Satan schon in meinem Bett geschlafen hat oder gar der Krüger Ralph? Der Krüger Ralph. Der Aeschbacher Koni. Der Horak Hansjürg. Der Stettler Toni. Einen Tag vor dem YB-Spiel redet am Stammtisch keiner von Fussball. Alle nur vom Eidgenössischen. Aber alle. Und immer der Nachname zuerst. Aber immer. Der Hofer Martin. Vor dem Einschlafen blättere ich noch “Ansichten einer Region” durch. Und staune nicht schlecht, als ich auf Seite 35 sehe, dass Lothar Matthäus nach seinen Engagements in New York, Belgrad und Budapest jetzt im Emmental die Liebhaberbühne leitet. Das Stück heisst denn aber auch “Der schwarze Hecht”.
Es lacht einem laut das Herz, Meter für Meter, den man abspult in dieser Landschaft. Hier kreutz ein Reh den Weg, da hämmert ein Schwarzspecht auf eine Buche ein, und oben kreist ein Dutzend Milane. Wäre ich eine Maus, ich würde rufen “Milan, Milan, vaffanculo”, aber ich bin nur ein Wanderer. Unterwegs esse ich den Hefenussgipfel aus der kleinen Bäckerei, denn wenn die Dörfer auch winzig sind und es nicht mehr viel an Öffentlichem gibt, eine Bäckerei hat es immer. Oder auch zwei. Mit Meränggä gross wie Krautstielblätter. Emmentaler Krautstielblätter wohlverstanden. Die Postkarte habe ich leider schon eingeworfen, als ich sehe, dass der Briefkasten schon um acht geleert wurde. Sakerment. Was will man denn da mit A-Post? Wenn ich aufwache, mich anziehe, frühstücke, dann sofort einen wichtigen Brief schreibe, dann muss ich mit dem Velo zehn Kilometer weit fahren bis zur nächsten Poststelle, wenn ich will, dass der Brief am nächsten Tag ankommt. Oder ich muss um halb fünf aufstehen. Dicke Post. Gut, man muss auch sagen, die immer früheren Leerungen kompensieren sie wenigstens mit immer späteren Zustellungen.
Irgendwann komme ich in Bern an. Es hat schon ein paar englische Nester in der Stadt. Immer wenn ein YB-Fan an ihnen vorbeigeht, rufen die Engländer den Namen eines Chinesen, ich weiss nicht warum. “Hu A Ja, Hu A Ja”. Im Anker essen am Nebentisch vier ältere Semester aus London, drei Männer und eine Frau. Die Frau bestellt eine Speckrösti mit Spiegeleiern, dazu ein Bier. Die drei Männer bestellen alle Spaghetti Bolognese, dazu je eine Portion Pommes frites. Und auch Bier. Ausser einem, der bestellt ein Diet Coke. Er sieht aber so aus, als lege er sein Schwergewicht ernährungstechnisch auch sonst eher aufs Essen als aufs Trinken.
Im Stadion hauen sie einem die Tore nur so um die Ohren. Die oft gestellte Sinnfrage im Zusammenhang mit für Fussball aufgewendete Zeit beantwortet Moreno Costanzo mit seinem Pass auf Hochstrasser. Ich spaziere lange nach
Schlusspfiff noch am Stadion-TV-Studio vorbei zum Grillstand, wo Marcel Koller nicht weiss, was er nehmen soll und sich am Ende für einen Hotdog entscheidet, mit Senf. Ich nehme die letzte, lauwarme YB-Wurst. Ein Fehler. Ich werde sie später der Stadt Bern zurückgeben müssen. Dass die heutigen Eventcaterer die Würste nicht mehr durchbraten, weiss man ja. Aber bei einem Schüblig fällt das halt anders ins Gewicht als bei einer Kalbsbratwurst. Gopferteli.
Wie meistens in Bern endet der Abend in ausgesprochen netter Gesellschaft, diesmal mit ein paar Urtrüben. Ich höre noch von einem, der mit dem Velo losgefahren ist nach London, fürs Rückspiel. Vielleicht gewinnen sie ja auch dort. Ich weiss es nicht. Niemand weiss es. Die Antwort kennt nur der Wind, der über den Grat bläst, der zum Ahorn führt. Ein Most, und runter nach Huttwil. Oder Hudwu.