Mein Gott, Vladimir!

Während man im Westen halblaut darüber nachdenkt, die Fussball-WM in Russland zu boykottieren, gaukelt Präsident Vladimir Putin seinen Bürgern vor, alles sei in Ordnung. Mitte letzter Woche eröffnete er das neue Stadion von Spartak Moskau – eine von 12 Arenen der Endrunde 2018. Am Freitag dann wurde dort erstmals Fussball gespielt. Das Match zwischen Spartak Moskau und Roter Stern Belgrad schaffte es in kaum eine westliche Zeitung. Dabei war die Inszenierung ein Lehrstück darüber, dass Fussball manchmal die Fortsetzung der geistigen Mobilmachung mit andern Mitteln ist.

Eingeladen hatte Spartak Moskau (Trainer: Yakin der Ältere), ein Klub aus der kommunistischen Gründerzeit, der die Spartakiade in seinem Namen trägt: eine sowjetische Sportveranstaltung für den sozialistischen Fortschritt. Der Gast war Roter Stern aus Belgrad, ein Verein ebenfalls aus kommunistischer Gründerzeit, der die „Brüderlichkeit und Einheit“ der jugoslawischen Völker symbolisierte.

Mit sozialistischem Fortschritt respektive „Brüderlichkeit und Einheit“ haben die beiden Vereine heute gar nichts mehr zu tun. Die Namen und Klubembleme haben den Fall der Berliner Mauer nur überdauert, weil sie nicht mehr aus dem kollektiven Gedächtnis herauszulösen sind. Im Falle einer Namensänderung würde sich das Publikum erheben – nicht aber gegen die Machthaber in beiden Ländern. 

Das sozialistische Branding dient heute nationalistischen Anliegen. „Orthodox Brothers“ war auf den Schals zu lesen, welche die aus Belgrad herbeigekarrten Fans in die Höhe hielten. Sie liessen sich nicht davon irritieren, dass daneben ein sozialistischer Stern eingestickt war. Das Moskowiter Publikum dankte es mit „Kosovo ist Serbien“-Rufen.

Vor dem Spiel erhielt die Belgrader Delegation ein Gemälde überreicht, das Vladimir den Heiligen (960-1015) zeigt. Er war so etwas wie Konstantin der Grosse des Ostens: Vladimir der Heilige liess sich als erster Machthaber in diesem Raum taufen und christianisierte seine Untertanen.

Dem Vladimir im Kreml („Wenn ich will, kann ich Kiew in zwei Wochen einnehmen“) wird das Geschenk an die Serben gefallen haben. Sein Namensvetter war Herrscher der Kiewer Rus: ein mittelalterliches Gebilde, das die grossrussischen Gläubigen als Anbeginn der russischen Staatlichkeit sehen. Aus ihrer Sicht kann es in der Ukraine daher gar keine Invasion russischer Truppen geben. Das Land gehört ihnen bereits.

Das Eröffnungsmatch wurde geplant, als es in dieser Gegend Europas friedlich war. Nicht Roter Stern Belgrad sollte ursprünglich kommen. Sondern Dynamo Kiew. 

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