Die Abbruch GmbH

Vor einem Jahr dreissig Jahren wurde in der Schweiz erstmals auch schon mal ein Spiel der obersten Spielklasse abgebrochen. Bei St. Gallen gegen YB stürmte am 3. April 1982 ein junger Jeansjacken-Träger in der 60. Minute aufs Feld und schlug den Schiedsrichter nieder. Die Stadion-Security liess daraufhin ihre Hunde auf den Angreifer los (siehe Bild), der Schiri seinerseits brach die Partie umgehend ab. Die Zeitung “Sport” mutmasste auf ihrer Frontseite: “Fall St. Gallen: Forfait oder Wiederholung?” Die Liga suchte eine “sportliche Lösung” und wollte das Spiel zuerst mit 1:0 für YB werten (Stand bei Spielabbruch).  Weil aber am kommenden Wochenende Xamax-Fans, als ihr Team in Führung lag, das Feld stürmten und einen Spielabbruch provozieren wollten, änderte die Nationalliga ihre Meinung und setzte ein Wiederholgunsspiel an.

Als vor genau einem Jahr also, am 2. Oktober 2011, das Zürcher Derby wegen Fackelwürfen abgebrochen wurde, war dies für viele Medien ein Skandal, gerade weil es “der erste Spielabbruch in der obersten Schweizer Liga” war, quasi der Beweis dafür, dass alles den Bach runter geht in den Stadien, dass es früher wirklich besser war und die heutige Jugend eh verroht. SF fiel ebenso auf diese Falschmeldung rein wie 20minuten. Woher die Fehlinfo kam, ist schwer zu eruieren. Klar ist nur, dass man sich im Journalismus heute nicht mehr erinnert (und natürlich keine Zeit hat zum Recherchieren, jaja, immer dieser Zeitdruck). Es wurden übrigens auch 1967 (St. Gallen – Chiasso) und 1976 (Chiasso – Carouge) Nationalliga-Spiele abgebrochen.

Früher ist eben auch ganz viel Mist passiert in den Stadien. Man schmiss Raketen und Flaschen und Steine auf’s Feld. Mehr Details dazu in Kürze mal an dieser Stelle. Jetzt freue ich mich erstmal auf die Medienberichte zu “Ein Jahr Derbyabbruch!”. Vielleicht auch mit drei Ausrufezeichen.

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5 Responses to Die Abbruch GmbH

  1. Dr. Gonzo says:

    Nicht zu vergessen der Helikopter! 1985 musste Walter Nussbaumer mit Rega-Helikopter vom Espenmoos ausgeflogen werden.

    http://nationofswine.ch/2011/01/03/sudkurven-gesang/

  2. FCB-Archiv says:

    Ein paar Schmankerl aus der Saison 71/72:

    FC Sion – FC Basel vom 11.09.71

    “Nicht enden wollendes Pfeifkonzert mit Flaschenwürfen wegen des gegen den Platzklub verhängten Penaltys. Nach Ausgleichstreffer Wampflers Terrain durch Hunderte von jungen Zuschauern überflutet, daher 2 Minuten Nachspielzeit.”

    FC Biel-Bienne – FC Basel vom 02.10.71

    “Schiedsrichter unterbrach die Partie weil ein Stein auf den Platz geflogen war.”

    Ja, früher war alles besser…

  3. admin says:

    Der Vollständigkeit halber möchte ich noch anfügen, dass SF und 20minuten nicht die einzigen waren, die vom erste Spielabbruch in der höchsten Schweizer Fussball-Liga geschrieben haben:

    http://www.woz.ch/1140/fussball-und-gewalt/die-sogenannte-loesung

    Asche auf mein Haupt, Dank an Peroni, unser historisches Gewissen, und einen schönen Jahrestag allerseits.

  4. Warhol says:

    Am 25. Juni 1922 kann in Basel die Finalissima um den Schweizermeistertitel zwischen Servette Genf und dem FC Luzern nicht zu Ende gespielt werden, weil ein Grossteil der 6’000 Zuschauer eine Handbewegung des Schiedsrichters falsch interpretiert, den Platz stürmt und nicht mehr bereit ist, diesen zu verlassen.

    In der Saison 35/36 kann sich beim Gastspiel des FC Schaffhausen beim FC Luzern ein Ostschweizer Spieler nur noch mittels Flucht auf die angrenzenden Tennisplätze vor wütenden, aufs Spielfeld stürmenden Zuschauern retten, die auf Rache sinnen. Der FC Luzern muss aus disziplinarischen Gründen mit 5 Auswärtsspielen in die darauffolgende Saison starten.

    Im Dezember 1973 endet das für den NLB-Wintermeister entscheidende Spiel zwischen dem FC Luzern und Vevey Sport in einem Platzsturm von über Hundert Zuschauern, die mit Schneebällen auf den Schiedsrichter losgehen. Der FC Luzern wird daraufhin vom Verband verknurrt, den Platz einzuzäunen.

  5. Don says:

    Ende Dezember [1931] beschliesst der SFAV, dass der FC Lugano alle seine Spiele in einem mindestens 100 km vom Camp Marzio entfernten Stadion zu absolvieren habe. Am 21. November musste der Schiedsrichter und der FC Basel ihr Heil auf einem Motorboot Richtung Paradiso suchen! Ein ausgebliebender Penaltypfiff kurz vor Schluss (89.) hatte im Publikum die Wut entfacht.

    Quelle: Jaques Ducret – Das Goldene Buch des Schweizer Fussballs – S. 79

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