Morcheln, Schwämme und andere Köstlichkeiten

Es ist uns hier in diesen Spalten ein besonderes Anliegen, dem Fussballbuch seinen Platz einzuräumen und damit den Umstand zu würdigen, dass es seit wenigen Jahren auch in diesem Lande zu Publikationen kommt, die sich lesen lassen, lesen lassen mit grossem Vergnügen und Erkenntnisgewinn. Seit wenigen Tagen ist der Schweizer Fussballbuchindex nun um einen Titel reicher, und diesmal halten wir einen kleinen Schatz in den Händen. Es ist die Rede von “Das Spiel meines Lebens” der Autoren Benedikt Widmer und David Mugglin, erschienen im Basler Rotweiss-Verlag.

50 Schweizer Fussballer mit Geburtsjahr 1925 bis 1986 wurden zur wichtigsten, erinnerungsträchtigsten Partie ihrer Karriere befragt, die Gespräche in Ich-Form auf 3-4 Buchseiten festgehalten. Die Wahl dieser Erzählform liegt dem grossen Charme dieser Sammlung zugrunde: Man wähnt sich als Leser am Küchentisch des Spielers, es entsteht eine Nähe, dank der das grenzenlose Selbstlob eines Kudi Müller sympathisch und die entwaffnende Nüchternheit eines Patrick Müller noch erstaunlicher wirkt. Einige der Rückblicke mögen für sich stehend banal daherkommen, in Begleitung der andern erhalten aber auch sie ihren Wert. So wird der jugendliche Überschwang eines Blerim Dzemaili, der vom 13. Mai 2006 erzählt, von der monotonen Abgeklärtheit eines Diego Benaglio aufgewertet und umgekehrt. Ein grosses Verdienst der Autoren ist die Zutageförderung bisher kaum bekannter Details aus den Profikarrieren der Nationalspieler. So führt Erich Burgener seinen Karrierestart auf Frankie Séchehayes Vorliebe für Speisepilze zurück: Weil der frühere Nationalgoalie Séchehaye im Wallis auf Morchel- und Schwämmesuche war, lag ein Abstecher nach Raron zum Aufstiegsspiel nahe. Dort entdeckte er den jungen Burgener, den er fortan förderte.

Ein weiterer “leidenschaftlicher Pilzesammler”, Ely Tachella, steuert eines der rührendsten Kapitel bei. So erzählt er, wie er 1961 nach dem gewonnen Entscheidungsspiel in der WM-Qualifikation 1961 gegen Schweden in Berlin nach dem Schlusspfiff einen Strauss Rosen geschenkt bekommen habe. Diesen überliess er noch auf dem Rasen einem Unbekannten, der den Nationalspieler später an seinem Arbeitsort in Neuenburg aufsuchte – mit dem Rosenstrauss. “Seither sind wir dicke Freunde”, erzählt Tachella. “Das Spiel meines Lebens” bietet aber auch zeithistorischen und erinnerungskulturellen Anschauungsunterricht. So hält Roger Vonlanthen zur WM 1954 fest: “Die Zuschauer respektierten die eigene Elf, aber auch den Gegner. (…) Es gab keine Gewalt. Das war noch Fussball.” Und drei Seiten weiter erzählt Torhüter Antonio Permunian zur Partie gegen Ungarn in Lausanne 1955: “Junge Herren im Sonntagsanzug mit Hut und Mantel tobten, fluchten und warfen Flaschen nach dem Schiedsrichter.”

Es müssten hier noch zahlreiche weitere Auszüge folgen, um den Wert dieses Buches angemessen zu würdigen, doch ist zu befürchten, dass sich dann bald ein Kauf nicht mehr lohnt. Nur so viel: Den Autoren ist es gelungen, mit “Das Spiel meines Lebens” 50 Schweizer Fussballgrössen zu 50 unterschiedlichen Formen der Reflexion und des Erinnerns zu führen, die noch eine lange Zeit Bestand haben werden. Die inhaltliche Schönheit dieses Buches lässt auch über die eher lieblose und austauschbare Gestaltung hinwegsehen und darüber, dass einige erzählte Spiele nicht mit den entsprechenden Fotos bebildert sind, was nicht immer klar gekennzeichnet ist. Es geht für dieses Buch, das für unter 30 Franken zu haben ist, eine absolute und unbedingte Kaufempfehlung. Wo auch immer man es liest, ob im Bett, im Zug oder auf der Schüssel, man wird bedauern, wie schnell man damit durch ist.

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