Split – Ancona 1:1

Während der Überfahrt  mit der Fähre von Italien Richtung Kroatien fällt mir im Reiseführer eine Passage über Split auf: „ Besuchen Sie unbedingt ein Heimspiel von Hajduk.“  Nicht gerade üblich, dass kulturell und historisch ausgerichtete Reisebücher Fussballspiele empfehlen. Spätestens nach der Ankunft in der kroatischen Hafenstadt wird klar, dass Hajduk weit mehr ist als ein Fussballklub.  Jeder Souvenirstand verkauft Klubtrikots und -andenken. An Hauswänden haben sich die Fanklubs verewigt: Torcida nennen sich die einzelnen Fraktionen, denn egal wohin wir auch fahren, überall an der Küste tauchen weitere Hajduk-Fanklubs auf, selbst im kleinen Küstendorf auf Korcula  hat jemand mit schwarzem Klebband „Torcida Lumbarda“ auf ein Fenster geschrieben. Auf einem Schulhof ist in der Mitte des Spielfelds  das Hajduk-Emblem aufgemalt, ein rotweisses Schachbrettmuster in blauem Kreis. Ich lese in  Miljenko Jergovics „Walnusshaus“, aber auch dort  komme ich nicht an Hajduk vorbei, denn der Autor skizziert mit wenigen Sätzen eine ganze jugoslawische Fussballtradition: „Statt das Radio einzuschalten, wirbelten in seinem Kopf alle Begegnungen zwischen Hajduk und Roter Stern durcheinander, die er in er in einer langen Reihe von dreissig Jahren bewusst erlebt hatte, Jahre, in denen sich Fussballergenerationen abgelöst hatten.  Talente wurden geboren, die mit dem ersten Rausch in sich zusammenfielen, die grössten Spieler trugen die Neun oder Zehn auf dem Rücken, bei Hajduk Split Jurica Jerkovic, beim Roten Stern Jovan Acimovic….“ – Jerkovic? Spricht Autor Jergovic in seinem Roman etwa vom  ehemaligen FCZ-Star Jure Jerkovic, dem unvergesslich herausragenden Fussballer? – Nach einer Woche Strandfussball  geht’s zurück Richtung Italien. In Ancona stärken wir uns am Montag Morgen in einer Bar mit Kaffee und lesen die Schlagzeilen. Ancona hat in Treviso vor 1368 Zuschauern nur 1:1 gespielt. Aber die Zeitung berichtet vor allem von den Zwischenfällen vor dem Anpfiff, drei der fünfzig Ancona-Ultras wurden festgenommen. Ziemlich trostlos, der Fussball scheint in der bedeutendsten Hafenstadt an der italienischen Adria weit weniger zu beschäftigen als auf der anderen Seite des Meers. Dann fällt mir in der Bar per Zufall ein kleines Heftchen der „Associazione Clubs Forza Ancona“  in die Hände, das mein Interesse weckt. Mittendrin in der Werbung verbirgt sich ein Juwel: Auf der einen Seite ist Johannes der 23. abgebildet, gegenüber Franz von Assisi. Offenbar liegt dem freiwilligen Kulturverein „Quadro Di Giovanni XXIII“, der sich der Aufwertung der Stadt Ancona und der Unterstützung von Personen in Schwierigkeiten verschrieben hat, gerade auch der Fussball am Herzen. Einzigartig und Split ebenbürtig ist zumindest der Einfallsreichtum Anconas:  Politiker, Showstars und  Wirtschaftsgrössen sonnen sich überall auf der Welt gerne im Erfolg der Fussballklubs.  Päpste und Heilige habe ich aber ausser in Ancona noch in keiner Klubzeitschrift angetroffen.

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