Der Fangesang als Zeitdokument

    

Der Fangesang ist ein unterschätztes Kulturgut. Dass er in gewissen Fällen sogar Zeugnis ablegt von wichtigen gesellschaftlichen Veränderungen, beweist ein Lied, das von den Anhängern des FC Zürich seit bald zehn Jahren (und leider immer seltener) gesungen wird. Es stammt aus aus der Feder eines Dichters, der sich im alten, völlig verwilderten Parsimony-FCZ-Forum als “baldbaldsunntig” einen Namen gemacht hat. Das Lied wird gesungen zur Melodie von “Oh my darling Clementine” und geht so:  

Anorthosis, Schachtjor Donezk

Celtic Glasgow schlugen wir

die AS Roma lag im Koma

nur die Mafia die half ihr  

Der Text erzählt die Geschichte des FCZ in der Uefacup-Saison 98/99. Nacheinander schaltete der FCZ damals Schachtjor Donezk (4:0, 2:3, Eintritt Heimspiel 20 Franken), Anorthosis Famagusta (4:0, 3:2, 20 Franken) und Celtic Glasgow (1:1, 4:2, 60 Franken) aus. Im bitterkalten Dezember 1998 schliesslich traf er auf die AS Roma des jungen Francesco Totti und schied nach einem geschenkten Elfmeter im Hin- und einem sozusagen geschenkten Freistoss im Rückspiel aus (0:1, 2:2, 60 Franken).

Was das Lied von “baldbaldsunntig” heute so aktuell macht, ist der Umstand, dass alle vier damaligen Kontrahenten in dieser Saison in der Champions League spielen. Anorthosis qualifizierte sich über die Stationen Pjunik Eriwan, Rapid Wien und Olympiakos Piräus und trotzte im ersten Gruppenspiel Werder Bremen auswärts einen Punkt ab. Schachtjor ist als Metropole der russlandtreuen Ostukraine einer der Profiteure der postsowjetischen Kapitalkonzentration (um es so neutral wie möglich zu sagen), spielt mit einem vermutlich dreistelligen Millionenbudget und liess dem FC Basel entsprechend den Kräfteverhältnissen im ersten Gruppenspiel keine Chance. Celtic und Roma sind seit ein paar Jahren in der Champions League fast durchgehend vertreten.

Das Lied, das im Letzigrund in der Rückrunde 98/99 zum ersten Mal zu hören war und sowohl der Glorifizierung eigener Erfolge als auch der kollektiven Verarbeitungen eines erlittenen Schmerzes diente, wirkt heute, nur zehn Jahre später, wie aus einer völlig andern Zeit. Vereine, die man damals noch mit vier zu null nach Hause geschickt hat, scheinen heute uneinholbar entrückt. Es wäre theoretisch möglich, dass der FC Basel in dieser Champions-League-Saison nebst Donezk auch auf die andern drei damaligen FCZ-Kontrahenten trifft. Theoretisch möglich, aber praktisch unwahrscheinlich. Und dass er sie alle schlägt, daran wagt schon gar niemand zu glauben.

Mir hat das Lied immer gefallen: die altmodische Melodie und zwei sich reimende Zeilen, die an reale Ereignisse anknüpfen. Heute, beim Lesen der Match-Telegramme, ist es mir wieder in den Sinn gekommen. Dabei hat es “baldbaldsunntig” damals einfach mal in den Abendhimmel gesungen, und die um ihn herum fanden es gut. Vielleicht singen sie es ja, wenn der FCZ in Mailand spielt.

 

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