Sachschäden an Extrazügen, Teil 3

January 9th, 2012 by admin

Was tun, wenn einem die Argumente in Gestalt von aussagekräftigen Zahlen fehlen? Man schiesst zurück, wild und planlos. Das scheint das Kommunikationsprinzip der SBB in der Frage nach den tatsächlichen Sachschäden an Fan-Extrazügen.

Kurz zur Erinnerung: Ein internes SBB-Papier belegt, dass die von Fussballfans verursachten Sachschäden an Extrazügen nicht 3 Millionen Franken, sondern weniger als ein Zehntel davon ausmachen. Zahlreiche Medien hatten diese Falschmeldung verbreitet, die SBB haben nie widersprochen. Das tun sie dafür jetzt, umso heftiger. Nur in eine seltsame Richtung.

Der St. Galler Ruben hat in seinem Blog erwähnt, dass die in der WOZ publik gemachte tatsächliche Schadenssumme der Saison 2009/2010 einen ausgebrannten und verschrotteten Waggon enthält. Kostenpunkt laut SBB-Papier: 69’700 Franken – und damit fast ein Drittel der Gesamtsumme 2009/2010 von 225’503.65 Franken. Nur: War das tatsächlich von Fans verursachter Sachschaden? Diese Frage wirft Blogger Ruben auf. Er verweist auf ein Communiqué der Kapo Aargau, die abgeklärt haben will, dass die Fans des FC St. Gallen den Brand vorsätzlich gelegt hätten. Lassen wir die Frage, wie lebensmüde man sein muss, den Eisenbahnwagen, in dem man gerade fährt, absichtlich anzuzünden, mal beiseite. Hatte die Kapo Aargau eine andere Möglichkeit, als die Brandursache bei den Fans zu finden? Kaum. Ihr Sprecher hatte nämlich bereits unmittelbar nach dem Brand gegenüber dem Blick die Schuldigen klar ausgemacht.

Die SBB wollen nie von “3 Millionen Franken Schäden” gesprochen haben, wie Medienchef Reto Kormann einem Newsnetz-User vorhält:

 

Die im eigenen, internen Papier festgehaltenen Zahlen können die SBB aber aus politischen Gründen auch nicht so stehen lassen. Und so wird mit versteckten Schäden, buchhalterischen Werten und Aufklebern an Bahnhöfen argumentiert – Kosten, die nicht erfasst seien. Was zur nächsten Frage führt: Wie wissen die SBB, wie viele ungedeckte Kosten anfallen, wenn tatsächlich nicht alle Kosten erfasst werden? Und wäre es hier nicht am einfachsten, dem guten Beispiel des obersten Bähnlers Ulrich Gygi zu folgen und nach den Schadenszahlen für YB (13’000 Franken in der Saison 2010/2011, “nicht viel”, laut Gygi) auch die aller anderen Vereine zu nennen? Dann wüssten wir nämlich alle genau, wovon wir sprechen, ist doch davon auszugehen, dass Gygis Zahl der tatsächlichen und alles umfassenden Schadenssumme entspricht. Alles andere wäre ja aus dem Munde des SBB-Präsidenten unseriös.

Nein, Transparenz zu schaffen, wie das Gygi vormacht, das möchten die SBB offensichtlich nicht. Wie würde sich ein Schadenstotal von mutmasslich weniger als 100’000 Franken für 2010/2011 machen, wenn in der Diskussion um die von den SBB angestrebte Aufhebung der Transportpflicht bisher nützlicherweise immer von 3 Millionen die Rede war?

Das alles ist schwer auszuhalten und noch schwerer zu kommunizieren. Und so schiesst man halt, eben, wild drauflos. Wie SBB-Sprecher Christian Ginsig, der gegenüber Blogger Ruben via Twitter ein Youtube-Filmchen auspackt. Als Antwort auf Rubens wirklich unerhörte Feststellung, es bestehe ein Unterschied zwischen einem mutwillig gelegten und einem durch einen Defekt verursachten Brand:

 

Stille Profiteure

January 7th, 2012 by admin

Wer auch noch ganz froh sein kann um das Hildebrand-Blocher-Weltwoche-Theater, diese Pest-gegen-Cholera-Inszenierung zum Jahresauftakt, ist die NZZ. Dank dem Getöse um die SNB geht nämlich unter, was sich im Hause der Alten Dame gerade für ein unwürdiges Stück abspielt.

Da werden in den USA drei Angestellte der Bank Wegelin angeklagt, der Bank des NZZ-Präsidenten Konrad Hummler, weil Wegelin laut Anklageschrift im grossen Stil US-Kunden bei der Steuerhinterziehung geholfen hat: Zwischen 2005 und 2010, also im Zeitraum, als US-Kunden massenweise die UBS verlassen und eine neue, sichere Bank zum Verstecken ihrer Millionen suchen mussten, hat sich das von Wegelin verwaltete US-Vermögen von 240 Mio $ auf 1,2 Mrd verfünffacht. Hummler, von der NZZ netterweise immerhin dazu befragt, möchte gern festhalten, dass es sich hier um ganz normale Vorgänge gehandelt habe. Es sei eben die Zeit vor dem “Paradigmawechsel” gewesen. Damals seien die Banken noch nicht mitverantwortlich gewesen, “dass ihre Kunden die Steuerpflicht einhalten.” Man braucht nicht zwischen den Zeilen zu lesen, um hier Hummlers tiefe Trauer über diese Zeitenwende zu spüren.

Ganz hart wird es aber erst in der Kommentarspalte, die den Artikel begleitet und ganz offensichtlich dessen Inhalt abfedern soll. 26,8 cm ist er lang, der Kommentar mit dem herzigen Titel “Zielscheibe Wegelin”, davon handeln 19,7 cm von “Uncle Sam”, der mit seinem “Furcht-System” Wegelin-Mitarbeiter “peinigt”. Yeah! 7,1 cm, die bescheidene Länge des Schlussabschnitts, stehen dann immerhin noch für Journalismus zur Verfügung und werden eingeleitet mit “Allerdings ist auch festzuhalten, dass …”

Vielleicht stimmt es ja, was im Kommentar steht. Vielleicht entspricht er der tiefen Überzeugung des Verfassers. Nur: Wer soll das noch glauben? Pferdenarren, die als Journalisten über den eigenen, grössenwahnsinnigen Pferdevereinspräsidenten schreiben; Wirtschaftsredaktoren, die in Kommentarspalten den eigenen Chef aus der Schusslinie nehmen müssen; ein Chefredaktor, der Gerhard Blochers Bruder für den Ständerat empfiehlt – NZZ, alles Gute für die Zukunft!

 

Die SBB, die Sachschäden und die Motive

January 6th, 2012 by admin

Gestern Donnerstag veröffentlichte die WOZ einen Artikel, in dem die bisher zirkulierenden Zahlen zu Sachbeschädigungen an Fan-Extrazügen massiv nach unten korrigiert wurden: Statt 3 Millionen Franken jährlich, wie Tagesschau, Tages-Anzeiger und zahlreiche andere Medien behaupteten, sind es gemäss einem internen Papier der SBB nicht einmal 10% davon: 225’503.65 Franken.

Die SBB haben die Echtheit des Dokumentes nie bestritten. Sie wählen dafür eine andere Strategie: Sie relativieren die eigenen Zahlen. Sowohl in der WOZ als auch bei Newsnetz, das die Geschichte aufgegriffen hat, ist von “buchhalterischen Werten” die Rede. Viele weitere Schäden und Verunreinigungen seien da nicht mitgerechnet. Das sind erstaunliche Aussagen.

Fassen wir zusammen: Die für die Extrazüge verantwortlichen SBB-Mitarbeiter erstellen eine Bilanz der Exrazugsaison 2009/2010. Detailliert wird darin aufgelistet und mit Balkendiagrammen dargestellt, wie viele Fans von welchem Klub wie viele Züge benutzt, Billette gekauft und Schäden angerichtet haben. Auf weiteren 8 Seiten ist jedes Spiel einzeln aufgelistet, mit Zugnummer, Anzahl Reisender, Anzahl Sicherheitspersonal, Schadenszahl usw. Diese Papiere sind die Grundlage der regelmässigen Sitzungen der SBB-Regionalverantwortlichen mit der Transportpolizei, den Klubs und den Fanarbeitern. Und nun wollen die SBB behaupten, diese detaillierte Auflistung, erstellt durch ihre eigenen Angestellten, sei Makulatur? Was wirft denn das für ein Licht auf den Bundesbetrieb?

Ohnehin ist offen, inwieweit in der Frage der Extrazüge bei den SBB die rechte Hand weiss, was die linke tut. Da wird das Versteckspiel um die wahren Schadenszahlen verteidigt, weil sonst die Gefahr bestünde, dass die Fans einen “Hooligan-Sachschaden-Wettbewerb” anzetteln. Wer sich dann aber um diese scheinbare Gefahr foutiert und allen SBB-Kommunikationsregeln trotzt, ist ausgerechnet der Bahn-Chef selbst, Ulrich Gygi, Beirat der Young Boys. Um zu betonen, dass “seine” Fans mit Extrazügen ganz gut unterwegs seien, plaudert er die entsprechenden Zahlen für 2010/2011 in der Zeitung aus – und bringt seine eigene Medienstelle damit in Nöte. Ein starkes Stück, ganz abgesehen davon, dass YB mit der von Gygi genannten Schadenssumme von 13’000 Franken (übrigens: brutto oder netto?) bei weitem nicht den Primus stellt.

Die SBB sagen explizit, es störe sie nicht, wenn in den Medien von “3 Millionen Sachschäden” anstatt, wie es korrekt heissen müsste, “3 Millionen ungedeckten Kosten” die Rede sei. Es ist ihr egal, dass sie damit all jene vor den Kopf stösst, die sich um einen geordneten Ablauf der Auswärtsfahrten bemühen. Es ist ihr auch egal, dass sie ihre Mitarbeiter verprellt, die an den regionalen Treffen den Unmut der Vereins-, Liga- und Fanvertreter zu spüren bekommen und die jetzt, neu, auch noch erfahren müssen, dass die von ihnen erstellten Schadensbilanzen nichts taugen.

Die SBB wollen ganz offensichtlich partout, dass sich an den medial transportierten 3 Millionen Franken Sachschaden nichts ändert. Dafür scheuen sie weder argumentative noch kommunikative Kapriolen. Die Aufhebung der Transportpflicht als Motiv ist offensichtlich. Es ist ein politisches Manöver der Bundesbahnen, auf Kosten jener, die ohnehin bei niemandem Kredit haben. Willkommen im neuen Jahr.

Pascal Claude

Saufen mit Standard

January 4th, 2012 by admin

Wem regelmässig die Messlatte fehlt bei der Zufuhr von Alkohol, kann jetzt nach Standard saufen. Obs hilft?

Wegelin und die NZZ

January 4th, 2012 by admin

Was macht eine Zeitung, wenn die Bank ihres Chefs Dreck am Stecken hat? An dieser Stelle war Anfang September davon die Rede (“Wohin des Wegeleins?“), heute doppeln die Kollegen von nationofswine aus aktuellem Anlass kurz nach. Und die NZZ ergänzt im Hummelflug ihre Einträge. Also vergleichsweise rasend schnell. “Total spannend, total spannend”, singt dazu Stahlberger.

Was ist Gegenkultur?

January 4th, 2012 by admin

Wann wird aus einer Bewegung eine Kultur und wann eine Gegenkultur? Domenico Mungos Roman “Cani sciolti”, der seit Ende 2011 auf Deutsch vorliegt, bietet Gelegenheit, sich dieser Frage anzunehmen.

Die Geschichte: Im Zuge der Ermittlungen und Massnahmen nach dem sizilianischen Derby 2007, bei dem der Polizist Filippo Raciti ums Leben kam, geraten zahlreiche Exponenten der italienischen Ultra-Bewegung ins Visier von Polizei und Staatsanwaltschaft. So auch die Hauptfigur des Romans, ein Chronist der Bewegung. Auf seiner Flucht nach Lugano (das kurzerhand zur Hauptstadt des Kantons Tessin erklärt wird), sammelt er eiligst Berichte und Erinnerungen seiner Kampfgenossen, um das Erbe der Ultras vor deren Zerschlagung zu retten und zu konservieren. Reise und Roman enden in einer ausgelassenen Feier in der Südschweiz, zu der auch “die Jungs der Banda Basel und viele andere, die zwischenzeitlich aus Italien zu uns gestossen waren”, eingeladen sind.

Der Hauptteil von “Streunende Köter”, so der deutsche Titel, besteht aus den erwähnten Berichten sowie Schilderungen des Erzählers, eines Viola-Ultras wie Mungo selbst, was eine stark autobiografische Prägung der Geschichte nahelegt. Zu lesen sind knapp 300 Seiten über reflexartig geschwungene Gürtelschnallen (zu seiner eigenen mit dem Union Jack scheint der Protagonist ein fast libidinöses Verhältnis zu haben), Kämpfe auf Brücken und in Tunnels von Genua, Brandanschläge auf Extrazüge gegnerischer Fans und das Durchbrechen von Polizeisperren. Dazwischen: zwanzig Jahre italienischer Fussball aus der Kurvenperspektive, die einzige Stärke des Buches und eine Antwort auf das Vorurteil, wonach sich Ultras nie für das Spiel interessiert hätten.

“Cani sciolti” kommt in keinem Moment an zitierte Vorgänger und Vorbilder wie Balestrinis “I Furiosi” oder Kings “Football Factory” heran. Dafür fehlt es einerseits dem Roman an Spannung, Witz und überzeugender Komposition, andererseits wird der dokumentarische Wert der Berichtesammlung durch mangelnde Einordnung und Reflexion, übertriebenen Pathos und, da als Roman deklariert, Fiktionsverdacht verspielt. Der Hinweis auf die Widersprüchlichkeit einer Bewegung, die Gegner (und damit Gleichgesinnte) ins Koma prügelt oder mit Brandsätzen verstümmelt, aber gleichzeitig schöne Choreografien bastelt und für wohltätige Zwecke sammelt, bleibt nichts als ein leeres Zitat, weil nicht zu erfahren ist, ob diese Widersprüchlichkeit auch zu internen Debatten und Selbstzweifeln geführt hat und was, allenfalls, daraus resultiert hätte. So wirkt angesichts all der glorifizierten Gewalt der Verweis auf Kreativität und Nächstenliebe ähnlich schrecklich wie der 3sat-Kommentar in einem Bericht über das Buch, wonach der böse Ultra Mungo heute schöne Literatur doziert und seiner Freundin auf Knien einen Heiratsantrag gemacht habe. Das ist Kitsch, und wie auch immer man, um zur Eingangsfrage zurückzukehren, Gegenkultur definieren mag: Kitsch ist mit Sicherheit keine.

Als Ultra Gegenkultur zu sein – oder gewesen zu sein – das wird im Buch behauptet. Eine Bewegung, die sich wie in Italien von den Strassen in die Stadien verlagert, die den Kampf für Gerechtigkeit und Freiheit von der Gesellschaft auf die Kurve reduziert und zu einem Schlagabtausch um physische Hoheit und Territorialmacht umgedeutet hat, ist es ohne Zweifel wert, dokumentiert und wahrgenommen zu werden. Es muss aber unweigerlich auch die Frage folgen, ob die Entstehung der Ultra-Bewegung in Italien tatsächlich eine Gegenkultur im Sinne einer staatskritischen, reformistischen oder gar revolutionären Alternative bedeutete oder ob nicht im Gegenteil die Metamorphose einer Bewegung der Strasse mit klassenkämpferischem Anspruch zu einem Fussballphänomen mit hoher (selbst)zerstörerischer Kraft dem Staat in die Hände gespielt hat.

 

Gute Laune hat eine Farbe: lila

January 2nd, 2012 by admin

Zum Jahresbeginn erreicht uns die gute Nachricht, dass die LILA LAUNE, vermutlich eines der besten Fan-Magazine zu Tennis Borussia Berlin, wieder belebt worden ist. Und zwar in einer Zeck Zweckgemeinschaft mit dem Übersteiger. Am Titelblatt der Nummer 104 ist abzulesen, in welche Richtung es in etwa geht. Urteilen Sie selbst!

 

 

 

Hausmitteilung: unerwünschte Umleitungen

January 2nd, 2012 by admin

Wie uns zugetragen wurde, ist der Zugriff auf knappdaneben.net von mobilen Geräten aus gestört, d.h. Ihr werdet auf Füdli-Seiten oder etwas in der Art umgeleitet. Wir sind daran, dies zu korrigieren. So lange gilt: pardon. Und ein gutes neues Jahr.

Vor 30 Jahren

December 28th, 2011 by peroni

Da gab es noch solcherlei Aufnäher auf den Jeans-Gilets. Zu lesen als Kommentar betreffend Fanfreundschaften oder auch als Jahresrückblick zum Fall Sion.

 

Betr. Schmiedekunst

December 22nd, 2011 by admin


Dinamo Chisinau, Moldawien