Archive for the ‘Wissenschaft’ Category

Hooliganismus im Lehrplan 21?

Thursday, July 7th, 2011

Harmos, Lehrplan 21, zurück zu alten Tugenden? Die Bildungsdiskussion in der Schweiz wird heiss geführt. Heute ist sie dank eines Leserbriefes in der NZZ um einen Beitrag reicher. “Hooligans sind keine Ultras” titeln zwei Schüler der Kantonsschule Baden AG. Um dann loszulegen, uns die Welt der gewalttätigen Fans zu erklären.

In der Menschenkunde haben die beiden offenbar ganz genau zugehört: “Hools halten sich strikt an einen aus England stammenden Ehrenkodex, welcher unter anderem den Einsatz von Waffen oder das Nachtreten verbietet.” Ehrenkodex also. Aus England importiert. Aber es geht noch weiter. Der gute Mensch Hooligan hat noch mehr zu bieten: “Ultras sind für massive Sachschäden verantwortlich, Hooligans dagegen nie.” Nie! Noch nie gewesen! Nirgends auf der Welt! Auch nie einen Gartenstuhl geschmissen! Und nie ein Glas! Da sind sie sauber.

“Der Begriff Hooliganismus wird heutzutage falsch und unpräzise (…) verwendet”, schreiben die beiden. Damit liegen sie absolut richtig. Damit sich daran nichts ändert, haben sie einen Leserbrief geschrieben. “Die Schweiz hat kein Hooligan-Problem. Die Schweiz hat ein Ultra-Problem!” Bildungsland Schweiz: Du bist auf gutem Weg.

Bundesliga: besseres Klima

Wednesday, February 23rd, 2011

Leser Andi weist uns ökologisch gewissenhaft auf Anstrengungen gewisser Bundesligaklubs hin, etwas CO2-neutraler durchs Fussballerleben zu gehen. Mit grossen Schritten voran geht der FSV Mainz 05, der zum Heimspiel gegen den HSV im Dezember einen “autofreien Spieltag” ausgerufen hatte. Der HSV wiederum ist auch recht bemüht um klimatische Neutralität, bewegt sich mit seinem Hauptsponsor diesbezüglich aber in engen Grenzen. Wie dem auch sei: Aller Anfang ist schwer. Und trotzdem löblich. Mehr dazu hier.

Der linguistische Freistoss

Wednesday, February 2nd, 2011

Leser Andi weist uns freundlicherweise auf bemerkenswerte (und ausgezeichnete) Integrationsbemühungen im Berliner Fussballverein Viktoria Mitte hin, denen sich neulich der Tagesspiegel mittels Interview angenommen hat. In Mitte wird gestoppt, wenn einer deine Mutter:

Wir haben bei den Jugendmannschaften eingeführt, dass es in Trainingsspielen „linguistische Freistöße“ für falschen Sprachgebrauch gibt.

Das sagt Viktorias Jugendleiter Lyés Bouziane. Und was sagt unser Leser Andi? “Ein interessanter Ansatz, für Spucken gibts dann den Stock.”

Fedpol und KKJPD: Weniger ist mehr

Wednesday, September 8th, 2010

Am Montag fand in Zürich eine Tagung zu Gewalt an Sportanlässen statt. Sie trug den schamlosen Titel “Tatort Stadion” und bediente sich damit – mit Sicherheit urheberrechtsverletzend – bei der gleichnamigen deutschen Wanderausstellung, die sich bereits seit Jahren differenziert und kritisch mit auffälligen Phänomenen rund um Fussballanlässe beschäftigt.

Es geht aber nicht um Namenklau und auch nicht um die bekannten Rezepte (“Die repressiven Instrumente mit aller Konsequenz gegen gewalttätige Zuschauer anwenden”). Es geht um eine Statistik zur Gewalt an Eishockey- und Fussballspielen, die die NZZ in ihrem heutigen Artikel zur Tagung veröffentlicht. Die Statistik soll vermutlich die Aussage Roger Schneebergers, Generalsekretär der KKJPD, stützen, wonach die Gewalt an Sportanlässen  ”in den letzten zehn Jahren in der Schweiz zugenommen” habe. Betrachten wir die abgedruckten Zahlen, sie erfassen die Jahre 2007, 2008, 2009. Im Eishockey wurden 2007 59 “Ereignisse mit Gewalt” verzeichnet, dies bei 487 Veranstaltungen. Macht 0,12 Gewaltereignisse pro Spiel. 2008 waren es nur noch 43, 2009 41 Ereignisse, bei 741 bzw. 738 Veranstaltungen. Macht noch 0,06 Ereignisse pro Veranstaltung, also gerade noch halb so viel wie 2007.

Im Fussball haben die Ereignisse von 2007 bis 2008 von 62 auf 70 zugenommen, jedoch auch die Veranstaltungen, von 533 auf 588. 2009 waren es dann wieder weniger Ereignisse, 68 bei nun 623 Veranstaltungen. Die Entwicklung: 2007 waren es 0,12 Ereignisse pro Spiel, 2009 noch 0,11. Die Zahlen, die das Fedpol hier liefert, beweisen also eher das Gegenteil einer Zunahme (die Zahlen zu den Jahren 2000-2006 kenne ich nicht): Die Zahl effektiver Gewaltereignisse ist von 121 im Jahr 2007 auf 109 im Jahr 2009 gesunken. Im Verhältnis zu den Sportveranstaltungen nahm sie gar von 0,12 Ereignissen pro Spiel 2007 auf 0,08 im Jahr 2009 ab.

“Unschöne Lärm- und Pfeifkonzerte”

Tuesday, March 23rd, 2010

Leser Michael v. L. erfreut uns mit der Zusendung eines wissenschaftlichen Kommentars zum aktuellsten Kapitel Zürcher Stadiongeschichte. Hier ist, was er schreibt:

Das Aufbegehren der Altstettner Kleingärtner gegen ein geplantes Eishockey- und dereinst vielleicht auch Fussballstadion in Zürich ist die jüngste Episode eines jahrzehntelangen Ringens. Das zeigt ein Blick in das Archiv des Vereins für Familiengärten Zürich. 1936 beklagt sich der Verein im Jahresbericht, die Bevölkerung wisse alles über sämtliche Fussball- und Athleten-Klubs, während der Verein unbekannt sei. Deshalb müsse man hinten anstehen, wenn es um die Landvergabe gehe. Dabei sei doch da «Resultat» «im Wert ein rein Theoretisches». «Und wir? F ü r u n s sollte doch das p r a k t i s c h e Resultat sprechen: Über eine Million Produktionswert, praktische Landesverteidigung, Gesundheitsförderung, Zusammenarbeit in der Familie, beste Ausnützung der Freizeit, Erziehung zur Bodenständigkeit, Entvölkerung der Strasse von Kindern, Arbeitslosen, Bummlern. Bei uns über 5000 M i t w i r k e n d e, ohne Zuschauer, dort eine kleine Gruppe Tätiger mit einer Masse Bewunderer und Kritiker. Sicher kommt die Zeit, da auch unsere Arbeit die richtige Würdigung findet. Lassen wir uns nicht entmutigen.»

SchrebergartenDie Kleingärten sind aus einer Bewegung um die Wende zum 20. Jahrhundert hervorgegangen – zu einer Zeit, als das Schlagwort „zurück zur Natur“ ein erstes Mal geprägt wurde, gut 70 Jahre vor der Öko-Bewegung. Die Gärten wurden von wohlmeinenden Bürgern für die Arbeiterschaft eingerichtet. Diese sollte, nicht zuletzt durch ein strenges Regelwerk, dem bürgerlichen Ideal entsprechend geformt werden. Der Garten sollte ein Gegengewicht sein gegen allerlei Auswüchse der modernen Stadt – von der „ungesunden“ Wohnung bis zum „ungesunden“ Freizeitverhalten. Der Fussball wurde Letzerem zugerechnet. Noch in den 50er-Jahren hebt der Verein die «die volkshygienische und ethische Bedeutung unserer Kleingärten» hervor und schreibt: «Der Familiengarten ist in erster Linie der Gesundbrunnen für die in Fabriken, Bureaus und Werkstätten tätige und in Mietskasernen wohnhafte Bevölkerung. (…) So wagen wir denn die kühne Behauptung aufzustellen, die Erstellung von Kleingärten sei für die Volksgesundheit und die vernünftige Ausfüllung der Freizeit ebenso notwendig und wichtig wie die Schaffung von Sport- und Spielanlagen.» Das Lamento schliesst mit dem schönen Satz, die Gärten fügten sich mindestens so gut ins Stadtbild ein wie «eine Fussballtribüne oder mannshohe Bretterwände, hinter denen junge und alte Sportfanatiker ihre unschönen Lärm- und Pfeifkonzerte abzuhalten pflegen!» Damals gabs halt den Südkurven-Chor noch nicht.

Ultras im Europarat

Friday, March 5th, 2010

Wer sich mal einen kleinen wissenschaftlichen und vermutlich nicht allzu falschen Überblick über die europäische Ultra-Szene verschaffen möchte, kann hier eine Expertise des Instituts für Sportwissenschaft der Leibniz Universität Hannover runterladen, die zuhanden des Europarates verfasst wurde. Die Schweiz kommt darin auch ein bisschen vor. So ist u.a. zu lesen, der Frauenanteil in hiesigen Ultra-Gruppierungen sei überdurchschnittlich hoch. Das wär mir jetzt z.B. noch nicht so ins Auge gestochen bis jetzt, aber ich sehe auch nicht mehr so gut wie früher.

Ach ja: Die Lektüre ist übrigens auch all jenen Abermillionen von Maturandinnen, Fachhochschülern und BMS-lern zu empfehlen, die für ihre Abschlussarbeiten das originelle  Thema “Fans” respektive meistens “Ultras und Hooligans in der Schweiz” gewählt haben und dann, wenns ums Recherchieren geht, merken, dass sie fast nichts Gescheites dazu finden und dann in kompletter Not Hilferufe in Fan-Foren platzieren oder unbedarfte Blogger mit verzweifelten Mails eindecken.

Le Ballbesitz n’existe pas

Friday, February 26th, 2010

Ein Sportwissenschafter in Diensten des OSC Lille hat mithilfe technischer Geräte errechnet, dass ein durchschnittlicher Profi seines Teams heute gerade mal eine knappe Minute lang in Ballbesitz ist. Pro Spiel. Die restlichen 89 Minuten rennt er dann eigentlich mehr oder weniger orientierungslos übers Feld. So ist das. Und erfurlan-sparwasser-540x304 rennt ja viel, das weiss man mittlerweile ja, zehn Kilometer oder mehr. Was aber an der Studie auch noch interessant ist: Auf welcher Position hat man wohl überdurchschnittlich viel Ballbesitz? Und rennt dabei überdurchschnittlich schnell? Nein, nicht im Tor. Aussen Mitte.

Aber lesen Sie doch selbst. Danke Deutschlandfunk. Und danke, Massimo Furlan. Der auf dem Bild zu sehende Künstler hat die Forschungsergebnisse nämlich bereits vor einer Weile erahnt, als er anfing, grosse Spiele allein und ohne Ball nachzustellen. Hier ist er gerade Jürgen Sparwasser.

Rettet Johnny L.!

Sunday, September 20th, 2009

Der Flatterball ist in aller Munde, und Johnny L. auch. Und niemand nimmt Johnny in Schutz. Niemand? Doch! Der britische Physiker Ken Brady, worauf wir schon vor Monaten hingewiesen haben.

Fanzufriedenheit

Monday, August 24th, 2009

An der Maximilians-Universität in München wurde eine Analyse der Fanzufriedenheit im Profifussball durchgeführt. Die Idee dahinter ist, dass betriebswirtschaftliche Aspekte im Fussball wichtiger werden und damit auch die Fanzufriedenheit an Bedeutung gewinnt. Wenn nämlich keine Zufriedenheit, dann keine Zuschauer, dann keine Einnahmen und dann adieu Betriebswirtschaft. Die Autoren des Beitrags stellen ein Instrument vor, mit dem man die Fanzufriedenheit messen kann und wenden das entwickelte Instrument bei einem namhaften deutschen Bundesligisten an. Die Resultate sind sehr aufschlussreich: den grössten Einfluss auf die Fanzufriedenheit übt der Faktor STADION aus (Ausprägung 0.245). Anschliessend folgen weniger wichtige Einflüsse wie z.B. die Zufriedenheit mit der MANNSCHAFT (0.162) der FANBETREUUNG (0.143) oder der VEREINSFÜHRUNG (0.141). Noch unwichtiger (aber immer noch signifikant) sind das atmosphärische ERLEBNIS im Stadion und die INTERNETSEITE des Vereins. Einen negativen Einfluss auf die Fanzufriedenheit hat die BEGLEITENDE UNTERHALTUNG (-0.102). Die Autoren bezeichnen letzteres zwar als unplausibles Ergebnis; persönlich finde ich das aber sehr plausibel. Ich besuche aber auch nicht die Spiele eines namhaften Bundesligisten. Interessant sind auch die nicht signifikanten Einflussfaktoren. So hat z.B. die TRADITION und IDENTITÄT des Vereins einen positiven Einfluss auf die Fanzufriedenheit – leider könnte dieser Zusammenhang aber auch rein zufällig sein. Witzigerweise hat der Faktor SICHERHEIT im Stadion eine negative Ausprägung. In der Tendenz hiesse das: je mehr Pyro desto besser. Auch der Faktor ERREICHBARKEIT mit dem ÖV oder dem Auto haben einen negativen Einfluss auf die Fanzufriedenheit.

Ich ziehe aus dieser Studie zwei Folgerungen: a) der namhafte Verein, bei dem das Stadion der wichtigste Faktor ist und die Vereinsführung als fast genau so wichtig für die Fanzufriedenheit angesehen wird wie die Mannschaft, kann nur der FC Bayern sein. b) der Versuch, den Fussball in betriebswirtschaftliche Konzepte einzubinden, endet damit, dass alle Vereine so aussehen werden wie Hoffenheim. Da bin ich richtig froh, dass der Schweizer Fussball in absehbarer Zeit so oder so defizitär bleiben wird.

(Quelle: Analyse der Fanzufriedenheit im Profifussball – Entwicklung und Validierung eines Messinstruments. Wirtschaftswissenschaftliches Studium (WiSt), Zeitschrift für Ausbildung und Hochschulkontakt, Heft 7, 38. Jahrgang, S. 334-339).

“Rechte Hegemonien”

Monday, May 11th, 2009

Im aktuellen ballesterer ist ein Interview zu finden mit dem deutschen Politikwissenschafter Jonas Gabler, der ein Buch über italienische und deutsche Ultra-Kulturen und ihre Unterschiede geschrieben hat. Das Buch hab ich mir mal bestellt, werde es an dieser Stelle später mal noch besprechen. Vorab aber sei die Lektüre des kurzen Interviews empfohlen, am besten mittels Kauf des ballesterer oder dann halt hier. Ein Auszug:

Ist die deutsche Fankultur auf dem Weg zu italienischen Verhältnissen?

Nein. Wenn man von italienischen Verhältnissenin Deutschland spricht in Bezug auf Gewalt oder Rassismus im Stadion, ist das Angstmacherei. Hinter der verstärkten Hinwendung zum Rechtsextremismus in der italienischen Ultrà-Kultur, die als eher linksextreme Bewegung angefangen hat, steckt eine Entwicklung von 20, 25 Jahren. Wir haben es dort mit einer Subkultur zu tun, die in sich gefestigter und abgeschlossener ist als in Deutschland. In Italien haben sich mittlerweile rechte Hegemonien – wie es die Sozialwissenschaft nennt – entwickelt, und damit ist ein Punkt erreicht, an dem es ganz schwer ist, dagegen vorzugehen. Natürlich sind in solchen Gruppen nicht nur überzeugte Rechtsextreme, für die es um Politik geht. Für manche ist das eben Teil ihrer Fanidentität. Sie identifizieren sich mit bestimmten Idealen wie Stärke, Männlichkeit und Ehre.

Jonas Gabler: »Ultràkulturen und Rechtsextremismus. Fußballfans in Deutschland und Italien« (PapyRossa 2009)