Zum Aufwärmen Reggae, zum Einlaufen AC/DC, in der Halbzeit ein Live-Konzert vor dem Bierstand – das gibt es nur beim FC Winterthur.
Gleich beide, NZZ und Tagi, hatten den Salon Erika diese Woche im Blatt. Mit Foto gar, farbig, als “Trouvaille” betitelt. Der Salon Erika ist eine kleine, thrashige Prosecco-Kunstgalerie in der Heimkurve der Winterthurer Schützenwiese. Klar, sie allein lohnt den Besuch eines Spiels. Aber auch ohne Erika ist es herrlich da.
1800 haben sich eingefunden in diesem schönen Stadion an diesem gar nicht mal so kalten Sonntag, darunter auch ein paar Bengel aus Wohlen, wo der heutige Gegner herkommt. Sie haben sich vis-à-vis (Frank A. Meyer) hinters Tor gepflanzt und werden später noch zu reden geben. Aber nur ein bisschen. Die meisten sind Einheimische, und was sie sehen, gefällt ihnen nur am Rande. Recht zerfahren, würde ich es mal nennen, was die Rotweissen hier hinlegen, und entsprechend wenig schaut dabei heraus. Null zu null zur Pause, denn auch bei Wohlen ist nicht mehr zu holen. Wir drehen uns ab Richtung Bierstand, und: Zack, sind wir mitten in einem Platzkonzert. Eine Ad-Hoc-Formation aus Dos Hermanos und den famosen Mama Rosin hat sich hinter der Bierkurve breit gemacht und stimmt mit ein paar Takten ein auf das grosse Konzert nach Schlusspfiff: Akkordeon, Banjo, Gitarre, Schlagwerk, Megaphon, tip top. 
Nach der Musik schiessen Ruedas Freiämter zwei Tore, die ich beide verpasse, weil ich grad in die falsche Richtung geschaut habe. Winterthur gelingt nur eines, und das heisst nach Bjarne Riise und Tony Adams: verloren! Winterthurs Geldgeber und eiserne Lady Hannes W. Keller findet das nicht gut. Er findet überhaupt gar nichts davon gut, was die letzten Wochen so los war. Und das sagt er dem Trainer noch auf dem Rasen, im Beisein des Lokaljournalisten; ein bisher nicht gekanntes Vorgehen, erklären mir die eingeweihten Anhänger, und dass es für den Trainer wahrscheinlich nichts Gutes bedeutet.
Wir gönnen uns noch zwei Takte Konzert vor der unschlagbaren Libero-Bar und dann heisst es ab an den schönen Bahnhof Winterthur. Bis dorthin haben es mittlerweile auch die rund 13 Wohlemer Ultras und Ultrinen geschafft. Einer von ihnen, für einen Sonntagnachmittag und sein jugendliches Alter mit einer ordentlich gefüllten Lampe unterwegs, ist vor dem Bahnhofskiosk gerade am Ausrasten: “Chum do use, chum do use wennt wottsch”, schreit er in den Verkaufsraum, und “ech figg dini Mueter”, worauf seine Begleitband einstimmt “Mer figged dini Mue-ter, mer figged dini Mue-ter”. Das ist an und für sich schon sehr unanständig. Es ist aber auch unangebracht, denn Adressatin des Wohlemer Unmuts ist meiner Beobachtung zufolge die grob geschätzt 58-jährige Kioskfrau. Wie soll so jemand reagieren, wenn sie a) zu einem ungepflegten 1:1 gegen einen minderjährigen Auswärtsfan aufgefordert wird und b) minderjährige Auswärtsfans ihr drohen, sich unsittlich an ihrer vermutlich in irgendeinem Alters- und Pflegeheim wohnhaften Mutter zu schaffen zu machen? Die Kioskfrau reagiert mit Altersmilde und lässt die Horde wortlos ziehen.
Auf dem Perron dann, vor der Einfahrt des Zuges, man muss es der Fairness halber auch erwähnen, holen die Jungen dann zu den drei Auswärtspunkten noch ein paar dazu: willkürlich Passanten zum Tanz auffordern und Kinder grüssen mit “Hoi, ech be de Roger”, das zieht immer. Auch in Winterthur, sonntags um fünf.