Am Sonntag nahm ich den Bus. Er war rammelvoll mit Leuten, die an die Knabenschiessen-Chilbi wollten. Nach zwei Stationen stieg eine Familie in FCZ-Vollmontur zu, noch beflügelt vom Derby-Sieg vom Vorabend. “Sind ihr FCZ-Fans?”, will ein Junge wissen. “Klar”, sagt der Sohnemann im Meistertrikot, “du öppe nöd?” “Doch, scho. Aso FCZ und FCB.”
Im allgemeinen Raunen über dieses unschuldig vorgetragene Bekenntnis kam mir ein Text in den Sinn, den Daniel Kehl für die Match-Zeitung des SC Brühl anlässlich des Freundschaftsspiels gegen den FC St. Gallen von vergangener Woche geschrieben hat. Wir dürfen ihn freundlicherweise verwenden. Viel Vergnügen.
Doppelleben
Stadtmatches zwischen dem SC Brühl und dem FCSG sorgen bei fast allen St.Galler Fussballfans für Vorfreude und gute Stimmung. Bei mir nicht. Ich werde unruhig, je näher der Anpfiff rückt und am liebsten würde ich mich verdrücken - irgendwohin weit weg auf einen einsamen Berggipfel. Was nur bringt mich als Fussball-Supporter mit vierzig Jahren Erfahrung vor einem Stadt-Derby jedes Mal in seelische Not? Ganz einfach: Ich habe mich nie für eine einzige Fussball-Liebe in der Stadt St.Gallen entschieden, ich fiebere zugleich mit Brühl und der „Stadt“.
Als mein Vater vor fünfzig Jahren aus dem Rheintal in die Stadt kam, so sah er sich jeden Match an: Am Samstagabend ging er aufs Espenmoos und am Sonntagnachmittag aufs Krontal. Ich weiss bis heute nicht, welchem der beiden erbitterten Rivalen er sich damals näher fühlte. Tatsache ist, dass die Mütter später mit den Kinderwagen auf dem Parkplatz nur vor dem Krontal auf die fussballvernarrten Väter warteten. In einem der Wagen lag ich und hörte so wohl zum ersten Mal Brühler Torjubel. Keine Ahnung, welcher Brühler Klubverantwortliche den Kickoff jeweils auf den Sonntag angesetzt hat. Ich bin ihm dankbar, denn seinetwegen wurde ich ein Brühler. Später spazierte mein Vater manche Sonntage mit mir hinaus ins Krontal und es war für mich völlig klar, dass ich dort dazugehöre. Zu erklären, weshalb mir auch der andere Stadtverein plötzlich ans Herz wuchs, ist einfach: Als sich Anfang der Siebzigerjahre die Wege der beiden Klubs trennten, reagierten wir als Jugendliche ganz pragmatisch: Wir schlugen uns auf die Seite des Stärkeren, mit einem schlechten Gewissen, aber jedes Jahr eindeutiger. Zwar sahen wir uns noch Brühler Erstligaspiele an – vor dürftiger Kulisse gegen Red Star, aber Fahnen malten wir nun für den FCSG und fieberten dem Cupfinal FCSG gegen YB entgegen.
Jahrelang trug ich mein düsteres Geheimnis allein mit mir herum, heute weiss ich, dass es Dutzenden aus meiner Generation genau gleich geht. Wir haben uns darin eingerichtet, mit zwei Lieblingsklubs zu leben, die beide eine einzigartige Geschichte haben. Dem SC Brühl wird von wahren Fussballkennern in der Schweiz trotz Viertklassigkeit noch immer mit Respekt begegnet. Wenn der SC Brühl wie letztes Jahr wegen seines originellen Matchplakats beim Cupspiel gegen GC („Duell der Meister!“) in fast allen Zeitungen der Schweiz positiv erwähnt wird, so erfüllt mich das mit tiefem Stolz auf „meinen“ Klub. Daneben hoffte ich mit „meinem“ FCSG ein Jahr lang auf den Wiederaufstieg und feierte mit zweitausend anderen Grünweissen auf dem Basler Rankhof, als es endlich geschafft war. Im Moment komme ich mit diesem Doppelleben als Fussballfan ganz gut zurecht – zumindest solange sich die beiden Traditionsklubs nur freundschaftlich begegnen wie heute Abend. Schwierig wird es nur, sollten meine beiden Klubs wieder in der gleichen Liga landen. Vielleicht muss ich dann in eine andere Stadt umziehen.