Archive for the ‘Politik’ Category

Effiziente Schnellgerichte

Friday, June 18th, 2010

Das St. Galler Schnellgericht für Fussball-Übeltäter (oder laut SDA “gewalttätige Hooligans”) wurde eingeführt, um bei eindeutiger Beweislage für beide Seiten rasch Klarheit schaffen zu können. Gross und breit war die Zustimmung, als in dieser Saison den Ostschweizern die ersten Fische ins Netz gingen. Nach dem Spiel St. Gallen – FCB waren es sechs Basler Anhänger, die vor dem Stadioneingang wegen Mitführens pyrotechnischer Gegenstände herausgepflückt wurden. Was mit ihnen passiert ist? Sie wurden alle freigesprochen, wie das St. Galler Kreisgericht heute mitteilt.

Nachtrag 24. Juni: s. auch Artikel dazu in aktueller WOZ.

The beautiful game – auch in Honduras?

Friday, June 11th, 2010

EdwinFajardoHeute wird Sepp Blatters Karneval der Völkerverbindung angepfiffen, und alle dürfen dabei sein. Während vier Wochen symbolisieren Nationalflaggen nur noch Fussballmannschaften, die gesellschaftlichen und politischen Realitäten in den Teilnehmerländern werden als Spassbremsen verdrängt. Gerade in Honduras aber, wo einer der Schweizer Gruppengegner herkommt, beschäftigt die Leute anderes als eine mögliche Achtelfinalqualifikation im fernen Südafrika.

Vor einem Jahr wurde der demokratisch gewählte Präsident von Honduras, Manuel Zelaya, vom MilCLAUDIA_BRIZUELAitär entführt und ausser Landes gebracht. Seither herrscht in Honduras ein Klima der Repression und der Angst, mehrere Regime-kritische Medienleute wurden ermordet. Mit Panini-Bildchen der Ermordeten und Verschleppten wird deshalb rund um die Partie Schweiz-Honduras vom 25. Juni in mehreren Schweizer Städten auf die Zustände im zentralamerikanischen Land aufmerksam gemacht. Damit vor lauter Fussball das Leben nicht in Vergessenheit gerät.

Weiterführende Informationen bietet der Blog des Zentralamerika-Sekretariates ZAS.

panini titel

Zweiklassengesellschaft

Thursday, June 10th, 2010

Die Medien übertreffen sich im Vorfeld der WM jeweils gerne selber in Bezug auf “total heisse News”, die wirklich niemand wissen will. Jedem Schritt der Spieler in einer Hotellobby, jedem Stolperer auf dem Trainingsplatz und jedem Furz, den einer aus dem Nati-Umfeld von sich gibt, wird ein Artikel gewidmet. Online sowieso.

So findet sich bei Blick-Online der packende Bericht mit dem Titel “Wer sitzt neben wem: So fliegt die Nati nach Südafrika“. Im Gegensatz zu vielen anderen Berichten, lässt sich daraus allerdings Schockierendes herauslesen. Da fliegt die Nati in ein Land, das bis vor Kurzem noch schrecklich unter der Apartheid, einer besonders schlimmen Form der Zweiklassengesellschaft, zu leiden hatte, und macht nix anderes, als genau da weiterzumachen, wo die Südafrikaner selber Anfang der 90er aufgehört hatten!

Man schaue sich doch mal die Sitzordnung genauer an: Dass niemand neben Magnin sitzen will, kann man ja noch verstehen, wenn man weiss, wie er sich auf dem Feld manchmal gebärdet. Dass Herr Hitzfeld in der Business-Class thront, umgeben von seinen Vasallen – klar. 8 Spieler haben es ebenfalls in die Business Class geschafft, 15 flogen Economy – darunter mit Ausnahme vom Goldfüsschen Yakin, der zurecht eine Sonderstellung hat, sämtliche Secondos! Und beide Schwarzen.

Die Zweiklassengesellschaft innerhalb der Nati? Werden wir während der WM Streitereien auf dem Feld erleben wie einst bei den Holländern zwischen der Boeren-Fraktion und den Seedorf-Surinamern? Wir sind gespannt. Hauptsache Yakin geht dabei nicht kaputt.

Fussball(e)kultur

Tuesday, May 11th, 2010

Ein gut gemeinter Beitrag (im Hinblick auf die WM, im Fall!) zum angeblichen Verschwinden von Rassismus im Fussball war heute auf DRS2 zu hören. Gut gemeint, weil es einfach nicht so passt, sich mit drei Schweizer Gesprächspartnern über die Situation in der Schweiz zu unterhalten und das Gesagte danach mit Beispielen aus Ostdeutschland oder Italien zu widerlegen. Und weil es auch einem Hochkulturkanal nicht gut ansteht, Berlusconi mit Inter in Verbindung zu bringen. Und das gleich zweimal in 30 Minuten. Hochkultur nährt sich doch vor allem auch vom Zweifel. Und wenn jemand, was ich sehr schätze, mit Fussball sonst gar nichts anzufangen weiss, dann aber eine Sendung zu Fussball macht und über Inter spricht, ja dann sollte sich doch kurz der Zweifel melden. Sollte anklopfen und sagen: Inter? War das wirklich Inter, das mit Berlusconi? Oder hiess der Verein nicht anders? Hören Sie es aber trotzdem, hier.

Grosser Rat ist teuer

Wednesday, May 5th, 2010

Mit 89 zu 33 Stimmen hat sich also das Aargauer Kantonsparlament, der Grosse Rat, für ein Burka-Verbot und die Lancierung einer Standesinitiative ausgesprochen. Die Idee dazu hatte ein Parlamentarier der Schweizer Demokraten (SD). Das ist jene Partei, die neulich im Zürcher Wahlkampf mit der Parole “Islamisierung und Afrikanisierung stoppen” antrat. 89 zu 33 für die SD. Da muss den Leuten aber was unter den Nägeln brennen, huärägopfertamisiech.robbie.jpg.display

Jetzt gehe ich doch auch schon gegen die 40. Die erste Hälfte meines Lebens hab ich im Dorf gewohnt, die zweite in der Stadt. Aber weder am einen noch am andern Ort habe ich jemals eine Burka tragende Frau gesehen. Ich war auch nicht im gleichen Tram wie jene krass mutige NZZamSonntag-Journalistin, die einen Tag lang wallraffte zwischen Bellevue und Paradeplatz und von ihrer Zeitung eine Seite dafür erhielt aufzuschreiben, wie krass komisch die Reaktionen auf eine Tram fahrende Burkafrau sind. Ich habe also keinerlei Erfahrung mit Burkas, ja ich weiss nicht einmal, ob das der richtige Plural ist oder ob es vielleicht Burken heisst oder Burkis (das wäre dann der Fussballbezug) oder vielleicht sogar ja Burka’s. Keine verdammte Ahnung. Und dann les ich das vom Aargau.

Das muss ja einen Siech voll Burkas haben in diesem Kanton, Herrgottjesus, wenn der Leidensdruck schon das Verhältnis 89 zu 33 erreicht hat. Aber wo? Letzte Woche war ich einen Tag lang in Bremgarten, und was hab ich gesehen? Einen Fluss, eine Brücke, eine Ente. Burka Fehlanzeige. Wo könnten die denn sein? Hat es irgendwo ein Nest? Im Fricktal vielleicht? In Kaisten, Wettingen, Lieli? Oder vielleicht sogar in Endingen und Lengnau?

Wir dürften die Augen nicht verschliessen vor den Problemen unserer Zeit, sagen sie. Ja, die Burka. Genau die Burka ist eines dieser dringenden, drängenden Probleme. Genau ungefähr ihretwegen haben wir uns Sorgen zu machen. Der Rest läuft ja wie geschmiert. Afrikaniserung stoppen, Burka verbieten, 89 zu 33. Herrgott steig hinab und räum auf. Wir bitten Dich erhöre uns.

Aux kiosques, citoyens!

Thursday, April 29th, 2010

Leisten Sie sich unbedingt die aktuelle WOZ, liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs. Sie finden darin ein preiswürdiges Interview mit dem Raucher, Poeten und Sänger Endo Anaconda, eine 1. Mai-Partitur von Pedro Lenz und, jetzt kommts: eine Sonderbeilage zu “100 Jahre FC St. Pauli”. Den Text kann man zwar auch umsonst haben, aber wer sowas nicht in der Hand halten will, und zwar auch noch in 10 oder 20 Jahren, ist zu bedauern. Ist haptisch verkümmert.

Hüppis Grammatik

Wednesday, April 14th, 2010

Man tötet den Fussball? Werden Sie nicht mehr zahlen können?

Es wäre schön, wenn wir hier im Konjunktiv redeten. Die Wahrheit ist: Wir können die Rechnungen der Stadt schon jetzt nicht mehr bezahlen.

Das ist zwar Futur I, nicht Konjunktiv, sonst aber legt sich der Präsident des FC St. Gallen im Interview mit der WOZ die Dinge rund um den Fussball zurecht wie vor ihm vielleicht höchstens Herr Heusler aus Basel. Wer nach dem Choreoverbot von Hüppi gegen den Espenblock seine Meinung über den Präsidenten gemacht hatte, sollte sich nun die Mühe machen, das Gespräch in voller Länge zu lesen.

Das Hochrisikospiel

Friday, April 9th, 2010

Am Sonntag um 16 Uhr spielt der FC Zürich im Letzigrund gegen den FC Basel. Die Partie wird als so genanntes Hochrisikospiel eingestuft. Völlig zurecht.

Am Ostermontag kesselte die Polizei nach dem Derby 250 GC-Fans ein und nahm ihre Personalien auf. Es war zuvor zu keinen Gewalttätigkeiten gekommen, es ging ums Sammeln von Daten eventueller Gewalttäter. Die GC-Anhänger sind erbost. Den Anhängern des FC Basel ist etwas Ähnliches seitens der Zürcher Polizei schon einmal widerfahren, nur etwas intensiver: Man nennt es den “Kesssel von Altstetten” – über 400 Verhaftungen, am Ende 5 Anzeigen. Die Fans des FC Basel haben seither Einkesselungen nicht mehr so gerne. Doch sie sollten mit allem rechnen, schliesslich wohnen sie einem Hochrisikospiel bei.

Vielleicht sind die Fans des FC Basel, wenn es dann zum Kessel kommt, ja sehr entspannt und nehmen es mit Humor. Vielleicht sind sie aber auch ein bisschen angesäuert. Sie werden während des Spiels im Letzigrund nämlich von einer Sicherheitsfirma bewacht, die Leute anstellt, die gerne auf Fussballfans oder Demonstranten eindreschen (bzw. diese “ficken”, um im O-Ton zu bleiben). Das letzte Mal war dies in St. Gallen der Fall, als der FC Basel zu Gast war. Die Sicherheitsleute haben dort so gründlich “gefickt”, dass mehrere Basler Verletzungen davon trugen. Die Staatsanwaltschaft hat reagiert – und zehn Basler dem Schnellrichter zugeführt. Am Verhalten der Sicherheitsleute konnte der Staatsanwalt nichts Falsches erkennen. Und so wird es mit Sicherheit ein freudiges Wiedersehen beim Eingang zum Gästesektor, wenn der Sicherheitsmann dem FCB-Fan mit der Autorität des integren Berufsmannes befiehlt: “Beine spreizen, Jacke öffnen, Taschen leeren.”

Wer Hochrisikospiele will, bekommt sie. Ob mit oder ohne Zutun der Fans.

250 Chaoten oder polizeiliche Zufallsfunde?

Wednesday, April 7th, 2010

Polizei stoppt 250 Chaoten

So titelt der Tages-Anzeiger online nach dem Derby FCZ-GC vom Ostermontag. Seine Informationen hat er ausschliesslich von der Medienstelle der Stadtpolizei Zürich.

In Tat und Wahrheit war dies jedoch eine Ansammlung von normalen Stadionbesuchern, die einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Das schreibt die IG GC Züri in ihrem Communiqué von heute Mittwoch. Sie, liebe Leserin, lieber Leser, haben damit die seltene Gelegenheit, ein Ereignis, das in den Mediendatenbanken unter “Fussballgewalt” abgelegt werden wird, aus zwei Perspektiven nachzulesen. Und dann zu urteilen. Oder sich zu entscheiden, dass ein Urteil aufgrund der vorliegenden Informationen nicht möglich ist.

Eine Bemerkung noch: Ende September 2009 hat das Zürcher Stimmvolk überdeutlich Ja gesagt zur polizeilichen Datenbank GAMMA, in der präventiv so genannt Gewalt suchende Sportfans registriert werden. Kritiker der Vorlage gaben damals zu bedenken, “Gewalt suchend” sei ein Gummibegriff, der der Polizei einen inakzeptablen Spielraum lasse.

Nachtrag 9. April: Hier erklärt  Stadtpolizei-Sprecher Marco Cortesi (gegen Ende des Beitrags) mehr oder weniger transparent, welche Strategie die Polizei bei solchen Aktionen verfolgt. Aufhorchen lässt hier u.a. die Aussage, man sammle Daten von Gewaltbereiten “für Gamma oder für Hoogan”. Das Hooligangesetz BWIS II sieht nicht vor, irgendwelche Leute von der Strasse zu registrieren. Die Unschuldsvermutung gilt zwar bei Hoogan genauso wenig wie bei Gamma, doch Grundlage für einen Hoogan-Eintrag ist immer noch eine Massnahme gemäss BWIS, d.h. ein Rayon- oder Stadionverbot, Meldepflicht oder Ausreisebeschränkung. Es ist immer ein bisschen unangenehm zu erfahren, dass die Polizei zum Teil selber nicht genau weiss, was die Polizei soll und darf.

Der Preis der Vermummung

Thursday, March 25th, 2010

Hundert vermummte Luzerner, die dem Extrazug entsteigen. Die St. Galler Polizei begrüsst sie und sagt durchs Megaphon, Vermummen koste in St. Gallen 800 Franken Busse. Worauf 90 der 100 die Masken fallen lassen.

Diese und andere Erfolgsmeldungen und Einschätzungen, z.B.

Diese vermummten, militärisch auftretenden Gruppen finde ich beängstigend. Dadurch werden Allmachtsfantasien ausgelebt: Man tritt in der Gruppe auf und fühlt sich unbesiegbar.

sind im aufschlussreichen Interview mit dem Ersten St. Galler Staatsanwalt Thomas Hansjakob nachzulesen, in der aktuellen Wochenzeitung.