Archive for the ‘Nati’ Category

The beautiful game – auch in Honduras?

Friday, June 11th, 2010

EdwinFajardoHeute wird Sepp Blatters Karneval der Völkerverbindung angepfiffen, und alle dürfen dabei sein. Während vier Wochen symbolisieren Nationalflaggen nur noch Fussballmannschaften, die gesellschaftlichen und politischen Realitäten in den Teilnehmerländern werden als Spassbremsen verdrängt. Gerade in Honduras aber, wo einer der Schweizer Gruppengegner herkommt, beschäftigt die Leute anderes als eine mögliche Achtelfinalqualifikation im fernen Südafrika.

Vor einem Jahr wurde der demokratisch gewählte Präsident von Honduras, Manuel Zelaya, vom MilCLAUDIA_BRIZUELAitär entführt und ausser Landes gebracht. Seither herrscht in Honduras ein Klima der Repression und der Angst, mehrere Regime-kritische Medienleute wurden ermordet. Mit Panini-Bildchen der Ermordeten und Verschleppten wird deshalb rund um die Partie Schweiz-Honduras vom 25. Juni in mehreren Schweizer Städten auf die Zustände im zentralamerikanischen Land aufmerksam gemacht. Damit vor lauter Fussball das Leben nicht in Vergessenheit gerät.

Weiterführende Informationen bietet der Blog des Zentralamerika-Sekretariates ZAS.

panini titel

Zweiklassengesellschaft

Thursday, June 10th, 2010

Die Medien übertreffen sich im Vorfeld der WM jeweils gerne selber in Bezug auf “total heisse News”, die wirklich niemand wissen will. Jedem Schritt der Spieler in einer Hotellobby, jedem Stolperer auf dem Trainingsplatz und jedem Furz, den einer aus dem Nati-Umfeld von sich gibt, wird ein Artikel gewidmet. Online sowieso.

So findet sich bei Blick-Online der packende Bericht mit dem Titel “Wer sitzt neben wem: So fliegt die Nati nach Südafrika“. Im Gegensatz zu vielen anderen Berichten, lässt sich daraus allerdings Schockierendes herauslesen. Da fliegt die Nati in ein Land, das bis vor Kurzem noch schrecklich unter der Apartheid, einer besonders schlimmen Form der Zweiklassengesellschaft, zu leiden hatte, und macht nix anderes, als genau da weiterzumachen, wo die Südafrikaner selber Anfang der 90er aufgehört hatten!

Man schaue sich doch mal die Sitzordnung genauer an: Dass niemand neben Magnin sitzen will, kann man ja noch verstehen, wenn man weiss, wie er sich auf dem Feld manchmal gebärdet. Dass Herr Hitzfeld in der Business-Class thront, umgeben von seinen Vasallen – klar. 8 Spieler haben es ebenfalls in die Business Class geschafft, 15 flogen Economy – darunter mit Ausnahme vom Goldfüsschen Yakin, der zurecht eine Sonderstellung hat, sämtliche Secondos! Und beide Schwarzen.

Die Zweiklassengesellschaft innerhalb der Nati? Werden wir während der WM Streitereien auf dem Feld erleben wie einst bei den Holländern zwischen der Boeren-Fraktion und den Seedorf-Surinamern? Wir sind gespannt. Hauptsache Yakin geht dabei nicht kaputt.

“Kanntest du etwa diesen Xam Abegglen?”

Sunday, June 6th, 2010

Unsere Helden. Mein Fernsehen.

Hart, hart, hart. Mann oh Mann.

Immerhin: ein schöner Lachkrampf einer der drei Heinz-Hermann-Töchter, im Bildhintergrund während des Chappi-Interviews.

Drei von fünf?

Thursday, May 6th, 2010

HandelsblattLeser Pauletta schickt uns ein Faksimile aus dem Handelsblatt Düsseldorf (was die Leute nicht alles lesen!), wo sich jemand vor dem Hintergrund des TRAUMATISCHEN 2006er-Penaltyschiessens über die aktuelle “Superfan“-Aktion des KMU Swiss Life lustig macht. Tenor: Swiss Life soll seine Gelder besser in die Ausbildung versierter Elfmeterschützen stecken als in seltsame Bettgeschichten, denn: “Wir erinnern uns: Drei von fünf Elfern wurden gegen die Ukraine vergeigt.”

Das ist gnädig, sehr gnädig, wird damit doch suggeriert, die andern zwei hätten getroffen. So war es nun ja aber leider nicht. Womit wir dem Handelsblatt Fortuna Düsseldorf mit auf den Weg geben: Entweder ist euer Fussballgedächtnis schandhaft löchrig, oder ihr glaubt, die ganze, harte Wahrheit sei den Lesenden aus Rücksicht auf die Schweizer Volkspsyche nicht zuzumuten. Beides schlimm.

Pauletta übrigens merkt noch an: “Für einmal sind wir Schweizer nicht wegen dem Bankgeheimnis in deutschen Blättern, sondern wegen unseren speziellen Fähigkeiten im Penaltyschiessen. Wobei ich mir nicht sicher bin, was peinlicher ist.”

Jung, erfolgreich – und ohne Zukunft?

Monday, December 7th, 2009

Es wurde mir eben ein internes Papier aus dem Analyse- und Recherchezentrum Sykora GmbH zugespielt, und: Der Inhalt ist brisant! Sykora GmbH hat sich nämlich die U17-WM-Finals 1995, 1997, 1999, 2001 und 2003 angeschaut und den Karriereverlauf sämtlicher 18 bzw. 20 Kaderspieler der jeweiligen Finalteilnehmer untersucht. Es handelte sich dabei um die Nationalmannschaften Brasiliens (4x), Ghanas (2x), Frankreichs, Spaniens, Nigerias und Australiens. Die Junioren von damals sind heute zwischen 23 und 31 Jahre alt, im besten Fussballeralter also, weshalb es auch Sinn macht, die Karrieren der späteren Finalteilnehmer vorerst ausser Acht zu lassen. Einige Schlüsse, die sich aus der Tabelle ziehen lassen:

Von den insgesamt 184 Kaderspielern von 1995 bis 2003 haben genau 19 heute einen Stammplatz in einer der europäischen Top-Ligen (England, Spanien, Frankreich, Deutschland, Italien). Das entspricht 10,3 %

61 der 184 Spieler sind in ihren Klubs Stammspieler: 33 %. Diese Klubs reichen von der 8. Englischen über die 4. Brasilianische, die 3. Französische und die 2. Rumänische bis zur Primera Division.

34 der 184 Spieler haben A-Länderspiele vorzuweisen: 18,5 %

Von den afrikanischen Finalteilnehmern hat heute keiner einen Stammplatz in einer Top-5-Liga. Stephan Appiah (Ghana 1995) kommt bei Bologna zu Einsätzen, damit ragt er bereits aus der “Masse der Untergetauchten” heraus. Das beste Fundament für die weitere Karriere haben die Australier 1999 gelegt: 11 von 18 Spielern erfreuen sich heute eines Stammplatzes, sei es auch nur bei Nagoya, Shrewsbury oder Dandenong.

So. Aber die Euphorie ist ja ohnehin bereits etwas verflogen. Oder sollte ich mir die Schweizer Illustrierte kaufen?

Wahnsinn

Sunday, November 15th, 2009

Mega, sensationell. Historisch, für die Geschichtsbücher, epochal. Genial, grossartig, unglaublich. Mega. Mega wahnsinnig. Fantastisch, unbeschreiblich, einzigartig. Pfister, Blatter, Gilliéron. Amen.

Direktübertragung

Wednesday, September 9th, 2009

Mein Fernseher ist ein kleiner Sony mit einer Diagonale von ca. 26cm. Aber farbig ist er schon. Ich bin live dabei. Das ist schön. Die Letten auf den Rängen vertonen ihre Wirtschaftskrise adäquat: Lat-vi-a, Cha-Cha-Cha, Lat-vi-a, Cha-Cha-Cha. Ich hatte einmal eine Platte namens Sounds of Desaster. Das waren verschiedene Tonbeispiele von schlimmen Sachen zur Vertonung von Super-8-Filmen: Explosionen, Krieg, Flugzeugabstürze. Solche Sachen. Lat-vi-a, das ist der Sound of Desaster für das ehemalige lettische Wirtschaftswunder. “Metalfans” steht auf einer lettischen Fahne. Das unterstütze ich. Bin auch Metalfan. Mein Lieblingssong ist “Hallowed be thy name” von Iron Maiden in der Live-Version. Die Sachen auf den Schweizer Fahnen kann oder möchte ich nicht lesen.

Sacha Ruefer sagt immer “Mein lieber Mann” und “da ist keiner, der das Heft in die Hand nimmt”. Die lettische Regie ist nicht ganz geputzt, bringt Zeitlupen während Angriffen. Immer wieder. Das regt mich tödlich auf, wo ich doch live dabei bin mit meinem Sony-26-diagonal. Auch der Reverse Angle ist ein Blödsinn. Bei der Wiederholung eines Tores – von mir aus, aber in Echtzeit? Wobei Echtzeit, gell. Ich hab ja Satellit, Astra heisst er. Geht halt eine Weile zu ihm rauf und zurück, dauert seine Zeit. Unten auf der Strasse in der Bar haben sie Kabel. Sind immer schneller. Bei jeder Schweizer Chance halte ich mir ab 30 Meter vor dem Tor die Ohren zu, damit ich nicht höre, ob sie unten ein Tor bejubeln. Das ist sonst wirklich langweilig, wenn sie unten schon feiern und bei mir im Sony zieht der Schütze erst auf.

Alex Frei zeigt eine Vier und eine Null mit den beiden Händen, nach seinem Tor. Ja, danke Herr Frei, wir haben es verstanden. 40 Tore in 70 Spielen, so viel wie keiner im Fall! So gut wie keiner im Fall! Schnauze halten Kritiker im Fall! Was macht denn der Benaglio beim 1:1? Testet er die Flugbahn der neuen Bälle? Sind ja auch nicht mehr sooo neu. Und jetzt grad noch eins, hoppla. Gut, was wollen wir in Südafrika? Das Spiel machen? Gegen wen? Auf uns wartet doch sowieso keiner mehr seit Germany 2006, the worst World-Cup-game ever schrieben die Engländer nach dem Spiel gegen die Ukraine und nein, man kann es ihnen nicht verübeln. 2:2, der gumpt aber hoch, der Eren, bravo! Mit einem Unentschieden, sagt die NZZ, sind die Chancen auf eine direkte Qualifikation bei 75%. So spielen sie etwa auch. 75% von 6 sind eine 4-5. Diese Note gebe ich der Schweizer Nati. Genügend bis gut hiess das früher im Zeugnis. Wussten Sie übrigens, dass Steve Von Bergen im schönsten Tal der Schweiz, im Val de la Sagne, heimlich ein Hotel betreibt? Ein schönes dazu! Gehen Sie mal! Im Winter! Die Würste: mehr als 4-5. Bonne nuit.

Ambush Marketing by G. Inler

Friday, September 4th, 2009

Da wird der Nati-Sponsor Puma aber in Freudentränen ausbrechen, wenn er den heutigen NZZ-Sportteil aufschlägt: Dreiviertelseitiges Portrait von Gökhan Inler, mit einem viertelseitigen Bild illustriert, und der Herr Inler von Kopf bis Fuss in Nike, inklusive Pseudo-Natidress. Und wie der Inler dreinschaut: wie ein Puma, möchte man fast sagen, geschwellt die Brust. Ja, das sorgt sicher für grosse Heiterkeit in Feusisberg. Und links von Inler, ebenfalls farbig, ein Bild von Charisteas, ganz in Adidas. Was sich sogar noch reimt, wenn auch holprig. Puma, Hausaufgaben machen! So wird das nichts!

19.7.66

Tuesday, July 21st, 2009

Diese Postkarte habe ich heute von Robert geschenkt bekommen. Ein schönes Stück. Adressiert ist sie an eine Familie Bommer in Zürich, geschrieben wurde sie am 19.7.66, abgestempelt einen Tag später in Bournemouth. Hier der Text des Kartengrusses:

Meine Lieben! Wir werden am Sonntag morgen in Zürich ankommen. Wir wissen leider noch nicht um welche Zeit und an welchem Bahnhof. Herr Berger wird Euch aufleuten. Es ist wunderschön hier im Hotel, doch leider regnet es jeden Tag. Zirli geht aber doch schwimmen! Viele liebe Grüsse und Küsse, Marianna, Uriella u. Alzira

Spekulationen rund um den zweiten der drei Frauennamen lassen wir mal beiseite. Erwähnen dafür aber, dass am 19.7.66 die WM noch in vollem Gange war. Und die Schweiz noch mit von der Partie! Am 19.7. selber verlor sie in Sheffield gegen Argentinien mit 0:2. Doch wen interessierts? Hauptsache, es regnet. Wer also heute mit Parolen wie “Scheiss WM” oder “Nein zum modernen Fussball” kommt: Marianna, Uriella und Alzira haben sich schon gekonnt verweigert, da waren wir noch gar nicht auf der Welt.

Moldova

Friday, March 27th, 2009

Im Stadion, in dem die Nati sich gerade auf das morgige Quali-Spiel vorbereitet, hab ich einmal ein Spiel der Ersten Moldawischen Liga gesehen, Dynamo gegen ZSKA, im Herbst 2006. 0:8 hiess es am Ende, ab Nummer 6 hatte der Junge an der hölzernen Anzeigetafel ein Problem. Das brachte das kleine Bataillon moldawischer Rekruten, die sich auf der Tribüne zur Unterstützung ihres Klubs ZSKA eingefunden hatten, sehr zum Lachen. 

Wir wohnten damals direkt neben dem Dynamo-Stadion. Tagsüber fand dort Schulsport statt, abends kickten die Jungen auf den Beton-Nebenplätzen. Ein schöner Ort, gut ausgelastet. Und mit wunderbaren Reliquien aus der Zeit vor dem Chinaplastik, der heute die Märkte Chisinaus und der ganzen Welt dominiert. So zum Beispiel das schmiedeiserne Stadiontor mit dem Dynamo-D oder die von Hand gemalten Matchplakate rund ums Stadion. Überhaupt ist der Beruf des Schriftenmalers/der Schriftenmalerin in Moldawien noch immer ein sehr attraktiver. In den Strassen schmücken riesige, handgemalte Unikate die Häuserwände und werben für Konzerte oder sonstige Veranstaltungen.

Gestalterisches und darstellerisches Geschick und einen Sinn für klare Botschaften beweisen die MoldawierInnen aber auch bei Sakralbauten und Kruzifixen, wie ich bei einem Ausflug zu einem Klosterkomplex ausserhalb der Hauptstadt erfahren durfte. Zuguterletzt sei auf die grosse Liebe der Einheimischen zu ihrem Lokalbier (“Chisinau”) verwiesen, das Jung und Alt bereits ab den Morgenstunden in den Parks konsumiert. Verpönt ist das keineswegs, verkaufen doch alle paar Meter kleine Kioske das hervorragende Brauerzeugnis.