Wer hätte gedacht, dass das vor Wochenfrist hier angesprochene Thema auch hierzulande plötzlich an Aktualität gewinnt? Gestern titelte der Tages-Anzeiger genüsslich: “NZZ-Journalist hat sich vergaloppiert“. Sicher: Es ist eher schwierig, wenn ein Redaktor ausführlich über das Wirken eines Vereinspräsidenten schreibt und selber Mitglied ebendieses Vereins ist, ohne dies wiederum zu deklarieren. Bedauerlich ist es hingegen, dass der Tages-Anzeiger es beim Auslachen belässt (“vergaloppiert” ist sehr sehr lustig, denn die Geschichte spielt ja im Reitrennsportmilieu!) und die Angelegenheit nicht zum Anlass nimmt, die ganzen Nebentätigkeiten von Sportjournalistinnen und -journalisten genauer zu untersuchen. Denn schon heute folgt, ausgerechnet in der NZZ, ein weiteres Beispiel.
Jens Weinreich schreibt über einen Event in Bern, der unter dem zugegeben lässigen und innovativen Titel “Team Spirit” von Sport-Toto und Parlamentarischer Gruppe Sport organisiert wurde. Teil dieses Anlasses war ein Auftritt Sepp Blatters, in einem laut NZZ-Weinreich “45-minütigen Kaminfeuergespräch mit SF-Moderatorin Steffi Buchli, die es vermied, Fragen von Belang zu stellen.”
Es ist sicherlich reiner Zufall, dass die NZZ am Tag, nachdem sie wüst angeschossen worden war, zurückschiesst, und zwar in die Richtung, aus der der Vorwurf stammt: SRF. Es war schliesslich “10vor10″, das die Rolle des NZZ-Sportredaktors prominent verhandelte und ihn auch ins Bild setzte. Nun sitzen sie im Leutschenbach aber tatsächlich im Glashaus, was hehre journalistische Prinzipien auf Sportredaktionen angeht. Das gilt nicht nur für Steffi Buchli, die den Anlass in Bern kaum für einen Fifa-Wimpel und ein Glas Bier moderiert haben dürfte. Das gilt insbesondere auch für ihre prominenten männlichen Kollegen, und die strahlen dabei alles andere als ein Unrechtsbewusstein aus. Wie auch? Walter de Gregorio hat mit seiner schrittweisen Metamorphose vom Sportjournalisten des Jahres zum Kommunikationschef der Fifa letztlich nur vollzogen, wofür in der Branche längst der Boden bestellt ist: Die Grenzen sind offen.