Archive for the ‘Italien’ Category

Darf man hoffen?

Saturday, March 6th, 2010

Das fragt uns schriftlich Signore Pippo, der in Kongos Hauptstadt Kinshasa gerade nichts Besseres zu tun hat, als das Hausblatt der Lega Nord, “La Padania”, zu lesen. Online natürlich, er hat es nicht extra abonniert. Also in der “Padania” las er übersetzt:

Balotelli in die Nationalmannschaft! Von der Qualität her ist der Junge der Spieler unserer Zukunft. Die drei dunkelhäutigen Spieler Balotelli, Ogbonna und Okaka, die für Italiens U-21 gegen Ungarn ein exellentes Spiel absolviert haben, sind ein Hinweis darauf, dass sie in jeder Hinsicht Italiener sind. Sie sind in unserem Land geboren, hier haben sie studiert und die Grundlagen des Fussballs gelernt.

Das schreibt also “La Padania”, das Sprachrohr der Padanier und Legisten, während in den Stadien zwischen Turin und Catania Balotelli-Bashing betrieben wird, und zwar in einer Weise, dass selbst die “Weltwoche” unlängst die Frage in den Raum stellte, ob die Italiener Rassisten seien (wo doch Rassismus eine Erfindung von Georg Kreis ist, die Gleichstellung ein Irrtum und der Klimawandel ein warmer Furz). Nun also fragt Pippo: “Ein kleiner Lichtschimmer? Darf man hoffen?”

Keine Ahnung. Eher nein, sehr wahrscheinlich. Aber die besten Grüsse nach Kinshasa, so oder so.

fast, faster, Juventus

Wednesday, February 24th, 2010

NIK_40080_AWenn man so hört und liest, wie es rund um die italienische Swisscom-Tochter Fastweb zu und her geht, stellt sich einem die Frage, ob all das in die Juve gepumpte Geld des ehemaligen Hauptsponsors auch wirklich ganz, aber auch ganz sauber ist. Beziehungsweise war. Oder ob Del Piero and the Buffons ihre Rennschlitten am Ende mit Geld der ‘Ndrangheta gewaschen haben.

Groundhopping: Procida IT

Friday, October 30th, 2009

Insel Procida vor Neapel4Unser Leser und regelmässige wissenschaftliche Zulieferer Fabian weilte kürzlich vor Neapel auf der Insel Procida und sah sich dort das Spiel der Einheimischen gegen Real Suessola an. Ein schöner und gelassener Anlass, wie die Bilder nahe legen. Die Insulaner rufen also nicht nach Schnellgerichten und fordern Schadenersatz, wenn einer einen Rauchtopf zündet. Sie verwerfen einfach abschätzig die Hände und drehen sich ab. Bis sich der Rauch verzogen hat. Wenn sich bei uns der Rauch verzogen hat, finden wir uns im Fussball-Disneyland wieder. Nun denn, Herr Fabian schreibt:

Auf das Spiel wurde ich aufmerksam, als ich das Foto machen wollte, wo man das Matchplakat neben der Todesanzeige sieht. Es war alles sehr familiär. Die Polizei war nur da, um nach dem Match den Verkehr zu regeln, da die Gassen auf der Insel so eng sind, dass eigentlich nur Einbahnverkehr möglich ist. Nett war auch der Getränkestand in Form einer Plastikkugel. Es war etwas irritierend, als ich ein Bier bestellte, es aber keines im Angebot hatte, obwohl der Kühlschrank ein tipp topp Bier-gebrandeter war. Aber auch mit einem klasse Espresso war der Match angenehm zum schauen. Die Zuschauer waren zufrieden. Die Einheimischen lagen zur 2. Halbzeit 0:2 hinten, schafften dann aber noch den Ausgleich zum Endresultat von 2:2.

Insel Procida vor Neapel1

Caput Liberum

Friday, October 23rd, 2009

DSC01697Sie haben zwar einen Kunstrasen (in diesem Zusammenhang zur Meinungsbildung bitte das hier konsultieren), das Stadion gehört aber dennoch in die Top of the Pops: 180° Aus- und Meersicht und zum Trainieren einen Sonnenuntergang, der Brooke-Shields-Fantasien anregt: Die Spieler der USD Elba 2000 Capoliveri, wie der Verein heisst, sind zu beneiden. Ausser dass es bei so einem Namen wenig verwundert, dass keine Fangesänge zu hören sind: “Forza USD Elba 2000 Capoliveri alé”, das führt nirgends hin. Das kann man von keinem verlangen.

Auf Sonntag 11 Uhr ist das Juniorenspiel angesetzt, ich nehme den Weg unter die Sandalen. Gut 70 Väter, Mütter, Geschwister und Freundinnen haben sich auf derDSC01699 mit zum Trocknen aufgehängten Trikots des A-Teams geschmückten Tribüne eingefunden, um entweder die Jünglinge Capoliveris oder eben jene aus der Nähe von Pisa zu unterstützen. Pisa – eine schöne Auswärtsfahrt für 16-Jährige. Bei Anpfiff um 11 müssen die vermutlich um 6 losgefahren sein. Zu dieser Zeit wirft noch nicht einmal der Turm einen schiefen Schatten. Sie scheinen aber ausgeschlafen und dominieren die viel kleiner gewachsenen und schmächtigeren Insulaner von Beginn weg. Napoleon hat hier also eindrückliche Spuren hinterlassen, als er mal ein Jahr lang Inselkaiser sein durfte.

In der Pause möchte ich im Stadionkiosk etwas konsumieren, aber das Angebot ist nicht gut und die Schlange zu lange. So spaziere ich schnell ins Städtchen hoch. DSC01695Ein vermutlich in den Ferien weilender Sienese hat es mit Graffiti verziert, und er hat es allen gezeigt, die im Verdacht stehen, nicht rechts zu sein: Viola Merda auf dem Container, Cosenza Boia auf dem Trafohäuschen und Livornesi Fischverkäufer ebenfalls. Ich finde es gut, wenn man die Ferien nicht nur zum Abschalten nutzt sondern sich auch einbringt am Gastort, mit seinem ganzen Wesen und seinen ganzen schöpferischen Möglichkeiten. Also: Bravo Siena Ultrà, das hast du gut gemacht. Sogar die korrekte Typo kommt zum Zug mit dem lustigen L. L wie Lappi. Beim  Tabacchi gibts ein Pacchi MS DSC01696(Marlboro Siciliani) und den Corriere dello Sport mit den Länderspielergebnissen vom Vorabend. Die studiere ich zur zweiten Halbzeit. Sie bringt ausser einer roten Karte für einen Elbaner – so heissen sie gemäss Fremdenführer – nicht mehr viel, es bleibt bei einem traurigen 0:3. Caput Liberum nannten die Römer die Bewohner der Siedlung auf dem Hügel, weil sie störrisch waren und unabhängig. Von Freien Köpfen konnte die USD Elba diesmal aber nur träumen: Kam mal eine hohe Flanke, stand da immer ein baumlanger Festländler.

Applaus gabs trotzdem für alle, von allen. Sie haben tapfer gekämpft. DSC01707Auch die technisch weniger Beschenkten. Für sie ist der Kunstrasen ein Graus: springende, schnelle Bälle die ganze verdammte Zeit und gegnerische Schönspieler, die sich durch die Reihen doppelpassen, bevor man weiss, wo Norden und Süden ist. Da nützt auch der Delfin im Klubwappen nichts. Da bräuchte es die Beine eines Kraken. Bzw. die Arme. Oder gleich die von dreien.

Es bröckelt in Italiens Stadien

Wednesday, September 30th, 2009

Herr Meier bestärkt uns aufmerksamerweise im Versuch, DRS2 zum neuen Spartensender SPORT-HINTERGRUND umzudeuten: Hier sein Link zu einem kurzen (3:28), aber guten Beitrag zum Zustand des italienischen Fussballs anhand seiner Infrastruktur. Es ist zu hören, dass heute einzig Bari, Rom und Mailand den Uefa-Normen  entsprechen. Wie aber durfte dann gestern die Fiorentina zuhause auf so wunderbare Weise beeindrucken? Heimlich? Haben die Florentiner alle Ortsschilder ersetzt und die Uefa-Offiziellen glauben lassen, sie seien in Apulien? Man wird es, wie so oft, nie erfahren.

Rein mit der Polizei!

Monday, September 28th, 2009

Blick_RomDas möchte jetzt auch der neue SFV-Präsident Peter Gilliéron: dass die Polizei rein geht in die Schweizer Stadien. Weil die Sicherheitsdienste allein der Lage nicht Herr werden. Der BLICK schreibt dazu online ein Textlein, und um die Sache auch artgerecht zu präsentieren, liefert er Bilder. Und ein Video. Aus Rom. Roma-ManUnited, CL, April 2007. Sollte vermutlich Gilliéron in seinem Vorhaben bestärken, lautet doch die Bildlegende: “Solche Bilder sollten bald der Vergangenheit angehören.” Das ist aber doppelt komisch: Erstens wären Polizisten im Stadion ja dann unsere Zukunft und nicht die Vergangenheit. Und zweitens sorgte die (italienische) Polizei genau in diesem Spiel statt für Ruhe für erhebliche Unruhe. So erheblich, dass sich Manchester United zu einer Protestnote veranlasst sah, die Uefa eine Untersuchung einleitete, sich das britische Home Office zu Wort meldete und Francesco Totti sich öffentlich bei einer United-Anhängerin entschuldigte, die erwiesenermassen völlig grundlos zusammengeknüppelt wurde. Es muss halt schnell gehen online, vor allem auch beim Blick. Klar. Trotzdem: Wenn es das ist, was sich der neue Fussballpräsident wünscht, dann herzlichen Glückwunsch.

“Ultrakulturen und Rechtsextremismus”

Wednesday, June 24th, 2009

An dieser Stelle wurde vor ein paar Wochen eine Buchbesprechung von Jonas Gablers “Fussballkulturen und Rechtsextremismus” angekündigt. Ich hab das nun in einem andern Medium eingelöst: “Kein Ort für Demokraten?”

Wer sich diese Kritik schenken möchte, kann getrost auch ohne Umweg in die Buchhandlung wandern. Lohnt sich auf alle Fälle.

“Rechte Hegemonien”

Monday, May 11th, 2009

Im aktuellen ballesterer ist ein Interview zu finden mit dem deutschen Politikwissenschafter Jonas Gabler, der ein Buch über italienische und deutsche Ultra-Kulturen und ihre Unterschiede geschrieben hat. Das Buch hab ich mir mal bestellt, werde es an dieser Stelle später mal noch besprechen. Vorab aber sei die Lektüre des kurzen Interviews empfohlen, am besten mittels Kauf des ballesterer oder dann halt hier. Ein Auszug:

Ist die deutsche Fankultur auf dem Weg zu italienischen Verhältnissen?

Nein. Wenn man von italienischen Verhältnissenin Deutschland spricht in Bezug auf Gewalt oder Rassismus im Stadion, ist das Angstmacherei. Hinter der verstärkten Hinwendung zum Rechtsextremismus in der italienischen Ultrà-Kultur, die als eher linksextreme Bewegung angefangen hat, steckt eine Entwicklung von 20, 25 Jahren. Wir haben es dort mit einer Subkultur zu tun, die in sich gefestigter und abgeschlossener ist als in Deutschland. In Italien haben sich mittlerweile rechte Hegemonien – wie es die Sozialwissenschaft nennt – entwickelt, und damit ist ein Punkt erreicht, an dem es ganz schwer ist, dagegen vorzugehen. Natürlich sind in solchen Gruppen nicht nur überzeugte Rechtsextreme, für die es um Politik geht. Für manche ist das eben Teil ihrer Fanidentität. Sie identifizieren sich mit bestimmten Idealen wie Stärke, Männlichkeit und Ehre.

Jonas Gabler: »Ultràkulturen und Rechtsextremismus. Fußballfans in Deutschland und Italien« (PapyRossa 2009)

Moratti lesen

Monday, April 20th, 2009

Überraschend und erfreulich deutlich die Worte von Inter-Boss Moratti, auch gegen verharmlosende TV-Kommentatoren, nachdem sein 18-jähriger Stürmer Bolatelli beim Spiel gegen die Juve in Turin Opfer von massiven rassistischen Beleidigungen geworden war. Weniger überraschend einmal mehr Herr Buffon, die Nr. 1 der Juve und der Nationalmannschaft: alles nicht so gemeint. In Italien können Schiedsrichter Spiele unter- oder abbrechen, wenn es zu rassistischen Gesängen kommt. Können. Müssen aber natürlich nicht, sagt der Verband, und bescheinigt seinem Unparteiischen korrektes Verhalten. Juventus spielt nun ein Spiel vor leeren Rängen. Immerhin. Als Bolatelli zuvor im Olimpico Ähnliches hatte einstecken müssen, büsste man die AS Roma noch mit 8000 Euro.

Vedi Diego e poi muori

Thursday, March 26th, 2009

Immer wieder Maradona. Diesmal ein wunderbares Kurzporträt von 1985. Eine Stadt im Diego-Wahnsinn und ein Blick hinter die Kulissen der wachsenden Schwarzmarkt-Fanartikel-Industrie. Diego hier sehen.