Archive for the ‘Fans’ Category

Gabler lesen

Monday, December 19th, 2011

Ein Lese- und Geschenktipp für alle (Fan-)Jugendsozialarbeiter, Szenekenner, Vereinspräsidenten, Onlinemedien-Kommentarschreiber – und alle, die gerne einen dieser Berufe erlernen wollen: Das neue Buch von Jonas Gabler, es heisst „Die Ultras – Fussballfans und Fussballkulturen in Deutschland“ (PapyRossa Verlag, 2010). In seinem zweiten Buch zum Thema schneidet Gabler viele Themen an, die auch hierzulande zur Zeit topaktuell (a.k.a. heiss) sind. Das Buch bietet einen einfachen Überblick über die derzeitige Situation und Entwicklung in Deutschlands Stadien. Diese ist in vielen Bereichen durchaus vergleichbar mit der Schweiz und gerade deshalb ist Gablers differenzierte Analyse lesenswert. Gabler betont die positiven Einflüsse der Ultra-Kultur auf heranwachsende Jugendliche und mahnt eindringlich zur Überwindung des gegenseitigen Misstrauens zwischen Fans, Vereinen, Polizei und Politik. Erhältlich ist es hier oder in jeder anderen guten Buchhandlung.

Unbelehrbare Fussballfans

Monday, December 12th, 2011

Obwohl es immer gefährlicher wird, in der Schweiz Fussballspiele zu besuchen, strömen jedes Jahr mehr Zuschauerinnen und Zuschauer – und man muss befürchten: darunter auch Familien mit kleinen Kindern – in die Stadien. So liegt laut Super League der aktuelle Schnitt bei 12’457 Fans pro Spiel, ein neuer und absolut unverantwortlicher Rekordwert. Seit Jahren appellieren Politik und Polizei an die Verantwortung der Vereine, etwas gegen die grassierenden Zuschauerzahlen zu unternehmen – bisher ohne Erfolg. Das Gerücht, wonach beim Erreichen der 13’000er Marke flächendeckend Geisterspiele verordnet werden, wollte bislang niemand bestätigen. Dabei ist es nur eine Frage der Zeit, bis diese unrühmliche Marke erreicht ist.

Ans Herz gelegt

Friday, December 9th, 2011

Ein ausgezeichneter, ausführlicher Wortbeitrag zur aktuellen Diskussion um Fussballfans kommt von Manuel Feer, dem die Luzerner Zeitung auf ihrer Regiofussballplattform Platz angeboten hat. Feer schreibt:

Es ist gut möglich, dass ein noch repressiveres Vorgehen die bestehende Fankultur aus den Stadien verdrängt. Es ist unumstritten, dass das sowohl aus fussballkultureller, als auch aus wirtschaftlicher Sicht ein grosser Fehler wäre. Die Konsequenz wären schlechtere Atmosphäre, weniger Zuschauer, keine Gästefans, weniger Emotionen, weniger Vermarktungspotenzial. Für den Schweizer Profifussball würde dies einen klaren Einschnitt bedeuten. Die Gruppe, welche die Clubs in ihren Communiques jeweils als kleine, unverbesserliche Minderheit beschimpfen, ist in der Realität weit grösser und von vitalerer Bedeutung, als diese erahnen, denn sie geniesst grosse Solidarität.

Und wer jetzt vorschnell denkt und einen Ultra der Verharmlosung bezichtigt, sollte den ganzen Text lesen und vielleicht vorher auch noch das hier.

Neo bei den Ultras: gute Spurensuche

Tuesday, December 6th, 2011

Einem Hinweis aus Zwickau verdanken wir den Hinweis auf diesen Beitrag des ZDF, das sich hier mithilfe seines Spartensenders wohl ein wenig aus der Wolf-Dieter-Poschmann-Falle befreien möchte. Was gar nicht schlecht gelungen ist, muss man sagen. Wer gerade eine halbe Stunde Zeit hat, bitteschön.

 

Heusler lesen

Sunday, November 13th, 2011

Einmal mehr. Diesmal in der Sonntagszeitung. Gute Fragen auch. Da ist alles drin. Eigentlich restlos alles. Voilà.

Immer, wenn wir es mit einer grösseren Gruppe zu tun haben, sei das bei einem Fanmarsch, bei einer Demonstration oder der Basler Fasnacht, müssen wir einen Weg finden, wie wir die negativen Auswirkungen der Masse in Kauf nehmen, um die positiven Aspekte zuzulassen. Wenn wir garantiert die negativen Aspekte nicht mehr wollen in den Stadien, dann muss der Fussball ohne sie stattfinden.

Mit dem letzten “sie” meint er bzw. die Sonntagszeitung vermutlich die Masse der Zuschauer, nicht die negativen Aspekte oder die Stadien.

Narrenzeit

Friday, November 11th, 2011

Es ist etwas früh, ein Fazit zu ziehen. Aber heute ist der 11.11.11, die Narren sind los, wer will noch mal, wer hat noch nicht. Also: Es hat auch etwas Gutes. Sieben Tage nachdem bei Lazio-FCZ einem Mann eine Petarde in der Hand explodiert ist, hat sich der Vorfall zu einer medienethischen Online-Debatte entwickelt, wie ich sie seit längerem nicht erlebt habe. Einige Blick-Journalisten haben am heutigen Tag erfahren, was es im Zeitalter von Internet, Social Media und Laserdruckern bedeuten kann, wenn zurückgeschlagen wird. Für die anonyme Kampagne gegen die Ringier-Angestellten, die auch die Familien der Betroffenen mit einbezieht, gibt es keine Rechtfertigung. Sie ist feige und in ihrer alttestamentarischen Logik nur eines: verschärfend. Sie zeigt aber: Der “Blick” ist verwundbar.

Die Verhöhnung des in Rom Schwerverletzten als “Petarden-Trottel”, das Aufsuchen seiner Mitbewohner am Wohnort, die Bilder des Betroffenen, die Nennung seines Vornamens und seines Wohnortes, was einer Veröffentlichung all seiner privaten Daten gleich kommt, die Verhöhnung des Vaters, der als Schulpsychologe ja wohl bei der Erziehung seines Sohnes versagt hat, und der Mutter, die sich der Konfrontation mit dem “Blick” entziehen will: All das hat innert Tagen zu einem Sturm der Entrüstung in zahlreichen Fan-Foren (nicht nur des FCZ) geführt und mehrere differenzierte Artikel in Blogs und Online-Medien nach sich gezogen. Das stellt das Ringier-Blatt vor Probleme, die es mit seiner Tamilen-Hetze in den 80er Jahren noch nicht hatte und mit denen es in dieser Form wohl auch nicht gerechnet hat. Entsprechend naiv äussert sich der Ringier-Sprecher, der von der Petarden-Geschichte ernsthaft als “harte, aber faire Berichterstattung” spricht und damit sagen will, die Verleumdungsaktion in Zürich käme völlig aus dem Nichts.

Wer auch immer hinter der Aktion steckt: Der “Blick” ist hier in den Augen vieler zu weit gegangen. Unter diesen vielen sind wiederum viele sehr gut organisiert. Einige haben nun demonstriert, dass sie zurückschlagen können, wenn sie wollen, und dass sie dies ohne Rücksicht auf Verluste tun.

Kaktus der Woche – nei aber au!

Tuesday, November 8th, 2011

Will man aber das Geschehen in dem Oberliga-Spiel in seiner Gesamtheit erfassen, gehört auch die unappetitliche Information dazu, dass auf den Stehrängen des Gästeblocks nach dem Derby zahlreiche Häufen menschlicher Hinterlassenschaften gezählt wurden, die Rede war von 30 bis 40. Augenzeugen der Fäkalien-Sauerei sprachen von Abgründen der Zivilisation.

Das “wohlfeile Ansinnen” des DFB nach mehr Fairplay fand laut Autor “bei einem Teil der sogenannten Fußballfans keinen Anklang”. Ganz offensichtlich nicht, ja. Dem Gegner ins Stadion machen – neu ist das nicht. Erinnere mich zum Beispiel an eine Szene in Tognazzis “Ultra”, als die AS Roma bei der Juve zu Gast war. Aber 30 bis 40 Haufen, in der Oberliga – das ist Deutschlands 5. Liga – das ist schon eine neue Qualität. Wobei 30 bis 40 in der Bundesliga auch nicht viel weniger kaputt wären. Ich sags diesmal ungern, aber trotzdem: mehr dazu hier. (Und nein, über die Beteiligung irgendwelcher fanfreundschaftlich verbundener Schweizer wird an dieser Stelle explizit nicht spekuliert).

Einschlägig, zweideutig

Tuesday, November 8th, 2011

Am Samstag, 5. November, war in der NZZ zu lesen:

Als der FC Zürich am Freitagmorgen in einem Communiqué ankündigte, dass für das nächste Auswärtsspiel in der Europa League am 1. Dezember in Lissabon keine Gästesektoren-Tickets an die eigenen Fans abgegeben würden, stiess dies in den einschlägigen Internetforen auf wenig Verständnis.

Was wird eigentlich mit dem im Zusammenhang mit Fussball-Fanforen oft verwendeten Adjektiv “einschlägig” bezweckt? Im NZZ-Artikel geht es um den Unfall beim Spiel Lazio-FCZ, als sich ein FCZ-Anhänger beim Zünden eines Feuerwerkskörpers drei Finger wegsprengte. Das ist der Kontext: gefährliche, mit Feuerwerk hantierende Fussballfans, die mit ihren illegalen Aktionen Verletzungen in Kauf nehmen. “Einschlägig” bedeutet hier deshalb: zu diesem Kontext zählend. Die NZZ (und vor ihr einige andere Medien) suggeriert damit, es existierten Fanforen ausschliesslich für Pyrozünder und sonstige Gemeingefährliche, und, fast noch wichtiger, diese Foren seien passwortgeschützt und überhaupt für die anständige Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Dabei ist die Realität die, dass erstens von jedem grösseren Schweizer Verein ein mehr oder weniger allen (sogar Fans, die sich offen als Anhänger anderer Vereine ausgeben) offen stehendes Internetforum existiert, in dem zweitens über Vorfälle wie jenen in Rom extrem offen und kontrovers diskutiert wird. Einschlägig im Sinne von einem Bereich zugehörig sind diese Foren höchstens, was das Bekenntnis zu einer Vereinsfarbe angeht. Seltsam mutet die Verwendung dieses Adjektivs auch an, weil sich zahlreiche Journalisten – und in diesem Fall ganz offensichtlich auch der NZZ-Schreiber – regelmässig in diesen Foren aufhalten und es deshalb eigentlich besser wissen müssten. Fanforen, so offen, dass Journalisten mitlesen und sich informieren dürfen, wären eigentlich eine separate Geschichte wert. Doch sie entsprechen vielleicht nicht ganz dem Bild, das heute von Fussballfans vermittelt wird oder das zu vermitteln sich für die einschlägige Presse gehört.

Lazio – FCZ: Canepa spricht

Friday, November 4th, 2011

Anlässlich einer Podiumsdiskussion zum FC Zürich im Kino Razzia Ende September führte Präsident Canepa auf plausible Weise aus, was für ein fragiles Gebilde ein Schweizer Profiverein ist und von wie vielen Faktoren sein Gedeihen abhängt. Es ist deshalb nicht nur davon auszugehen, dass Canepas an Verzweiflung grenzende Enttäuschung, die aus dem hier geposteten Beitrag spricht, echt ist. Es stellt sich auch die Frage, wohin der gestrige Vorfall Canepa und den FCZ führt.

Gewalt im Fussball: Die Zahlen, die wirklichen

Monday, October 31st, 2011

Was die NZZ schon vor einem Jahr belegt hat, wohlgemerkt ohne es zu merken, bringt nun der Beobachter explizit und aktuell: All jene Zahlen, die Gewalt an Sportveranstaltungen erfassen, widerlegen die Behauptung einer Zunahme:

Im Jahr 2010 ging die Anzahl der Verzeigungen auf 303 zurück – eine Abnahme um sieben Prozent trotz steigenden Zuschauerzahlen. In den letzten beiden Jahren kam also je eine Verzeigung wegen einer Gewaltstraftat auf rund 13’000 Zuschauer. Bei schweren Gewalttaten beträgt das Verhältnis rund 1 zu 750’000.

Gestützt auf diese Tatsache kann man sich der Frage zuwenden, warum wichtige Repräsentanten einer rein repressiven Strategie gegen Gewalt und als Gewalt taxiertes Feuerwerk im Zusammenhang mit Fussballspielen sich so sehr dagegen wehren, die eindeutigen Zahlen zur Kenntnis zu nehmen. Luzerns Polizeikommandant Beat Hensler im SF-Club: “Ein bisschen Zu- oder Abnahme, das spielt doch keine Rolle”. Wäre es denkbar, dass ein bisschen Abnahme von Gewaltvorfällen bei steigender Zuschauerzahl etwas mit der angeblich nicht existierenden Selbstregulierung der Fanszenen zu tun hat? Nein, sagt dazu Beat Hensler im Club. Wenn tatsächlich weniger passiert, dann nur dank der Präsenz der Polizei. Urteilen Sie selbst.