An dieser Stelle hätte ich gerne eine leichte Sommerlektüre empfohlen, eine Lektüre, die mir letztes Jahr den Sommer erleichterte und die es vielleicht dieses Jahr noch ein paar anderen täte. Ich hätte gern geschrieben, dass ich “Wir haben noch das ganze Leben” des Israeli Eshkol Nevo ganz ausgezeichnet gefunden habe, nachdem ich mich durch die ersten hundert Seiten eher durchgebissen hatte. Ich hätte erwähnt, dass ich dem Fussballbezug anfangs zu viel Bedeutung beigemessen – schliesslich war er wohl der Grund gewesen, dass man mir das Buch zum Geburtstag geschenkt hatte – und ihn erst später als reines Vehikel erkannt hatte. Vier Freunde, die während des WM-Finals 1998 beschliessen, je drei Wünsche ans Leben auf einen Zettel zu schreiben und die Wünsche erst vier Jahre später, beim Finale der WM 2002, offenzulegen. Um gemeinsam zu überprüfen, was das
Leben in der Zwischenzeit für einen bereit gehalten hat.
Ich hätte geschrieben, dass ich als eher Laie das Buch eher als israelkritisch, mit Sicherheit als gegenüber der israelischen Armee kritisch eingestuft hätte. Seit einer Woche nun verfolgen mich Zweifel, ob das Buch empfohlen werden darf. Ja: ob ich es überhaupt hätte lesen dürfen. Denn die BDS hat eben eine neue Kampagne lanciert mit dem Titel “Israelische Produkte? Kaufe ich nie!”
Sicher, ein Buch ist kein Apfel und keine Grapefruit. Die BDS-Kampagne ruft indes auch zum “Kulturellen Boykott” auf. Wenn man will (es ist zu befürchten, es wollen nicht so viele), kann man auch das Kleinergedruckte der Kampagne lesen: dass mit dem kulturellen Boykott nur staatlich subventionierte, also unter israelischem Propaganda-Verdacht stehende Kultur gemeint sei. Eshkol Nevo erscheint auf Deutsch bei dtv. Ist er aber deshalb unbedenklich? Im Impressum steht: “Published by the arrangement with The Institute for the Translation of Hebrew Literature”. Anzunehmen, dass die Übersetzung und Verbreitung hebräischer Literatur auch dem Staat Israel ein Anliegen und deshalb etwas Geld wert ist. Also auch kultureller Boykott von Eshkol Nevo?
Wenn man will, und man sollte wohl, konnte man sich in der letzten WOZ Stefan Howalds kritische Ausführungen zur BDS-WOZ-Beilage genehmigen. Und in der aktuellen WOZ die des Mitunterzeichners Daniel Vischer, der viel relativieren möchte und auf die Frage nach antisemitischen Trittbrettfahrern, die eine Kampagne mit dem Titel “Israelische Produkte? Kaufe ich nie!” anlocken dürfte, antwortet, dagegen könne man nicht viel tun. Überhaupt kann, wer will, es sich in der Meinungsbildung sehr sehr schwer machen, und ich fürchte, ich bin auf gutem Weg dahin. Oder soll ich mich an die Entgegnung des Präsidenten des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, es gebe ja noch andere Staaten, wo die Menschenrechte noch viel krasser verletzt würden, klammern?
Vor über zwanzig Jahren gehörte ich zu denen, die (laut) zum Boykott südafrikanischer Äpfel aufgerufen hatten. Warum mir heute alles viel schwieriger scheint, weiss ich nicht. Lesen Sie Eshkol Nevo.