Archive for the ‘Afrika’ Category

“Ultras gegen Kamelreiter”

Thursday, January 12th, 2012

Empfehlung der Woche: die aktuelle Ausgabe der Monde diplomatique (am Kiosk, als Beilage der WOZ). Der Autor, Blogger und Unversitätsdozent James M. Dorsey legt einen der bisher ausführlichsten und aufschlussreichsten Texte vor zur Rolle der Ultras im ägyptischen Aufstand. Dorsey zitiert einen Zamalek-Ultra:

Als die Polizei angriff, machten wir den Leuten Mut: Sie sollten nicht davonlaufen und keine Angst haben. Dann feuerten wir Leuchtraketen ab. Die Leute fühlten sich ermutigt und machten mit; sie wissen, dass wir was von Ungerechtigkeit verstehen und fanden es gut, dass wir wie die Teufel kämpften.

Dorsey zeichnet nach, wie das jahrelange Training der Zamalek- und al-Ahly-Ultras bei Kämpfen mit den Sicherheitskräften im und ums Stadion 2011 bei den Demonstrationen zum Tragen kam, aber auch, wie weit die Ultras eine gewichtige Alternative zu den Islamisten darstellen. Grosse Lektüre.

Nachtrag: Fast vergessen, obwohl auch grosse Lektüre und v.a. auch lange Lektüre: In ebendieser WOZ, wo Le Monde diplomatique drinsteckt, schreibt Jens Weinreich auf 3 Seiten über die Fifa. Unbedingt!

Die guten Menschen von Glencore

Monday, July 4th, 2011

Wir können wirklich froh sein, denn: “Ich sagte einem Bundesrat, der sich um die Preisentwicklung bei den Rohwaren Sorge machte, dass er beruhigt sein könne, Glencore ist da und hat die Kapazitäten.” Uff!

Glencore-Konzernchef Ivan Glasenberg, der Heiland des Rohstoffhandels, spricht so in einem langen Interview mit der NZZ am 30. Juni 2011. Er sagt auch noch anderes: “In Kongo bauten wir ein Fussballstadion und Spitäler für unsere Mitarbeiter und die lokale Bevölkerung (…). Wir tun zum Teil das, was die Regierung nicht in der Lage ist, ihrer Bevölkerung zu geben.” Oh Gnade! Geheiligt werde dein Geist.

Es ist nun leider nicht so einfach. Was dem NZZ-Journalisten als kritischer Einwand leider nicht über die Lippen wollte, holte Antonio Hautle, Direktor des Fastenopfers, kurz darauf in einem Leserbrief nach: “Glencore baut Schulen, Spitäler und Fussballstadien für die Angestellten und die lokale Bevölkerung, da die Regierungen dazu nicht in der Lage seien. Wie eine Studie von Fastenopfer und Brot für alle gezeigt hat, basiert der ‘Erfolg’ des Systems Glencore wesentlich darauf, in den Rohstoffabbau-Ländern wie Kongo-Kinshasa oder Sambia die Gewinne mittels Transferzahlungen zu minimieren, um vor Ort möglichst wenig Steuern bezahlen zu müssen. Genau diese Steuererträge fehlen den Regierungen, um ihrer Bevölkerung grundlegende Dienstleistungen im Gesundheits- und Bildungsbereich bereitstellen zu können.”

 

Fussballfans als revolutionäre Akteure

Friday, February 4th, 2011

Leser S. weist uns auf eine Passage aus einem Interview mit dem Philosophen Avishai Margalit hin, in dem dieser die Lage in Ägypten einzuschätzen versucht und auf die Frage nach den zentralen Akteuren der Revolutionsbewegung antwortet:

Es gab wohl mehrere, und es ist schwer zu sagen, welche entscheidend waren. Eine Gruppe, über die man derzeit wenig spricht, die aber sehr wichtig für den Ausbruch der Revolution war, sind zum Beispiel die Fussballfans von al-Ahly. Es gibt zwei Fussballklubs in Kairo: Der edle Klub, jener für die Reichen, ist Zamalek; und es gibt al-Ahly, den Klub für die Armen, den Arbeiterklub. Die Fans von al-Ahly sind sehr gut organisiert und haben eine lange Geschichte von Zusammenstössen mit der Polizei nach Fussballspielen gegen Zamalek. Sie hatten eine gewisse Übung in der Auseinandersetzung mit der Polizei und deshalb weniger Angst vor den Sicherheitskräften als andere Gesellschaftsgruppen.

Dass Fussballanhänger in politischen Kontexten auftauchen, ist nicht neu. Dass sie zu den treibenden Kräften von Reformen gehören, ist hingegen eher selten, las man doch in jüngster Vergangenheit eher von Fangruppen als reaktionäre Stosstrupps (Spartak Moskau, Casuals United).

Murales all’italiana

Saturday, July 10th, 2010

wm_italiaZum WM-Abschluss noch eine schöne Wandmalerei.
Aufgenommen in Pontremoli.

Grosser Rat ist teuer

Wednesday, May 5th, 2010

Mit 89 zu 33 Stimmen hat sich also das Aargauer Kantonsparlament, der Grosse Rat, für ein Burka-Verbot und die Lancierung einer Standesinitiative ausgesprochen. Die Idee dazu hatte ein Parlamentarier der Schweizer Demokraten (SD). Das ist jene Partei, die neulich im Zürcher Wahlkampf mit der Parole “Islamisierung und Afrikanisierung stoppen” antrat. 89 zu 33 für die SD. Da muss den Leuten aber was unter den Nägeln brennen, huärägopfertamisiech.robbie.jpg.display

Jetzt gehe ich doch auch schon gegen die 40. Die erste Hälfte meines Lebens hab ich im Dorf gewohnt, die zweite in der Stadt. Aber weder am einen noch am andern Ort habe ich jemals eine Burka tragende Frau gesehen. Ich war auch nicht im gleichen Tram wie jene krass mutige NZZamSonntag-Journalistin, die einen Tag lang wallraffte zwischen Bellevue und Paradeplatz und von ihrer Zeitung eine Seite dafür erhielt aufzuschreiben, wie krass komisch die Reaktionen auf eine Tram fahrende Burkafrau sind. Ich habe also keinerlei Erfahrung mit Burkas, ja ich weiss nicht einmal, ob das der richtige Plural ist oder ob es vielleicht Burken heisst oder Burkis (das wäre dann der Fussballbezug) oder vielleicht sogar ja Burka’s. Keine verdammte Ahnung. Und dann les ich das vom Aargau.

Das muss ja einen Siech voll Burkas haben in diesem Kanton, Herrgottjesus, wenn der Leidensdruck schon das Verhältnis 89 zu 33 erreicht hat. Aber wo? Letzte Woche war ich einen Tag lang in Bremgarten, und was hab ich gesehen? Einen Fluss, eine Brücke, eine Ente. Burka Fehlanzeige. Wo könnten die denn sein? Hat es irgendwo ein Nest? Im Fricktal vielleicht? In Kaisten, Wettingen, Lieli? Oder vielleicht sogar in Endingen und Lengnau?

Wir dürften die Augen nicht verschliessen vor den Problemen unserer Zeit, sagen sie. Ja, die Burka. Genau die Burka ist eines dieser dringenden, drängenden Probleme. Genau ungefähr ihretwegen haben wir uns Sorgen zu machen. Der Rest läuft ja wie geschmiert. Afrikaniserung stoppen, Burka verbieten, 89 zu 33. Herrgott steig hinab und räum auf. Wir bitten Dich erhöre uns.

Eigenfett

Monday, February 1st, 2010

Ich weiss jetzt nicht, was ich kaputter finden soll: Die “Brustvergrösserung mit Eigenfett” in PULS, beim Zappen während der Halbzeitpause von Aachen-Lautern, oder die Bestrafung von Togo durch den Afrikanischen Verband.

Fields of Play

Monday, January 11th, 2010

Aus Basel geht der Hinweis ein (und wird umgehend verdankt) auf die wohl erste von bestimmt mehreren Ausstellungen hierzulande, die auf die WM in Südafrika hinführen: “Fields of Play” heisst sie, wird am 21. Januar in den Basler Afrika Bibliographien eröffnet und heisst im Untertitel “Ausstellung zu Fussballerinnerungen und Zwangsumsiedlungen”. Der Text auf der noch rudimentär gestalteten Homepage lässt ein paar Fragen offen, so zum Beispiel, ob “Zwangsumsiedlungen” nur den historischen Kontext im Apartheid-Staat meint oder auch von den Nebenwirkungen der Stadionbauten für das kommende Turnier erzählt. Der beste Weg, eine Antwort zu erhalten, ist höchstwahrscheinlich ein Besuch der Ausstellung. Winterpausenunterhaltung.