Die Rauchwurst

Das Rauchen von gestern ist das Fleischessen von heute“, betitelte die Bildungsbeilage der NZZ am Mittwoch einen Artikel über Veganismus als Jugendtrend (nicht online verfügbar). “Würste sind die neuen Zigaretten“, heisst das zwei Tage später zufällig bei Tages-Anzeiger-online. So wird eine Mode herbeigeschrieben.

DSC03330Je nach dem, wo und mit wem man verkehrte, war Wurst schon vor zwanzig Jahren brisanter als Rauch. Wenn auch unter leicht anderen Vorzeichen. Ich spielte Ende der 80er Jahre in einer durch und durch fleischlosen Band mit aufklärerischem Anspruch, was uns einige Diskussionen bescherte. Zum Beispiel, als wir an einem Openair den Dorfmetzger als Sponsor zugeteilt erhielten. Oder beim gelegentlichen Aushelfen auf dem Biohof, wo die Bäuerin meinte, kein Fleisch, aber Milch und Käse, das mache ja nun überhaupt keinen Sinn. Und wir stumm blieben in unserer jugendlichen Argumentationsnot. Als Raucher lebte man da sorgenfrei. Nur rauchten wir leider nicht.

Der Besuch von Fussballstadien als Vegetarier war zu jener Zeit ein hartes Los. Nach Jahren des Leidens mit Bergen von Pommes frites oder Brot mit Senf wurde ich schwach und stellte mich im Joggeli am Grill an. Das war nach vielen Jahren der Selbstbeherrschung der Anfang vom Ende. Als ich 1997 die erste Ausgabe des Fanzines “Knapp daneben” herausbrachte, fand sich darin der grosse Wurst- und Bierreport aus Schweizer Stadien. Das Schweizer Fernsehen, das zum Heft unnötigerweise einen kleinen Beitrag drehte, stellte die Wurst ins Zentrum. Und die ganzen missionarischen Auswürfe des vergangenen Jahrzehnts kamen als Bumerang der Häme (von den Karnivoren) und des Entsetzens (von den alten Tofufreunden) zurück.

In welcher Welt jene leben, die nun behaupten, Fleischkonsum gelte demnächst als asozial, weiss ich nicht. Ich sehe den ganzen Tag nur Türme von Einweggrills und im Fernsehen sexy Fleischwerbung, und die beliebtesten Komödianten des Landes lassen sich von der Metzgerszunft sponsern. Aber die Verschwörungstheorie von der zersetzenden Kraft der Political Correctness braucht ja täglich frische Nahrung.

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