Architekt und Geniesser

kreuzbleiche„Nur zwei Awaysiege in achtzehn Spielen“ lautet die Schlagzeile im „Sport“. Und der zweite Bund lockt mit dem „Murtenlauf in neuer Bestzeit“. – Vier Buben sitzen 1935 auf dem Hügel hinter dem Tor auf der St.Galler Kreuzbleiche und lesen Zeitung – konzentriert, ja fast heiter. Die vier Freunde stammen aus einfachen Verhältnissen und lesen. – Der Junge links, Ernst Heeb, wird später ein stadtbekannter Architekt und Kunstliebhaber. – Einer der drei anderen ist Toni Rüesch, der es als Goalie vom kleinen Quartierklub FC Fortuna über die Zürcher Young Fellows zu Servette und bis in die Schweizer Nati schafft. Nach seiner Karriere eröffnet er in Genf ein Café, später verliert sich seine Spur. Die beiden Freunde sehen sich nie mehr. – 2010 feiert der FC Fortuna das 100-Jahr-Jubliäum. Über eine Arbeitskollegin erfahre ich die Geschichte  von Toni Rüesch und ihrem Vater Ernst Heeb. – Eine unvergessliche Begegnung: Wir sitzen auf der Gartenterrasse und Heeb beginnt zu erzählen: „Tonis Vater war Bähnler und ein fanatischer Sozialist. Einmal zog mich Toni mit an den 1.Mai-Umzug. Nachher gabs im Schützengarten Film und Wienerli. Als ich am Abend nach Hause kam, sass schon der Pfarrer  in unserer Stube und sagte ernst, man habe mich am Umzug gesehen. – Nach der Kirche ging man sonntags auf die Kreuzbleiche an den Fortuna-Match. Die Spieler mussten die Tore noch selbst im Zeughaus holen und aufstellen. Der alte Fortuna-Platz ging gegen den kleinen Hügel hin aufwärts. Beim Penalty mussten sie Sägemehl unter den Ball legen, damit er nicht herunterrollte. – Es gab keine Kasse. Der Vereinskassier Meier ging rund um den Platz herum und wer nicht bezahlen wollte, wechselte einfach auch immer die Seiten.”

dusportfoto 001Ernst sammelt alle Zeitungsauschnitte seines Freundes Toni und klebt sie in ein Heft ein. Auf das eine Foto aus der Schweizer Kulturzeitschrift  „DU“ ist Heeb besonders stolz: Es  wurde als Sportfotografie des Jahres ausgezeichnet.

1980 verstirbt Toni Rüesch erst 58-jährig in Genf. Heeb bewundert die Fähigkeiten seines Jugendfreunds bis zuletzt: „Tonis Stärke waren die Reflexe auf der Linie, er konnte den Ball wie eine Katze fischen.“ – Auf der Todesanzeige von Ernst Heeb steht: 1923 -2015, Architekt und Geniesser.

 

 

 

 

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One Response to Architekt und Geniesser

  1. sehr schöner Text, vielen Dank!

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