Länderspielpause

1928_01Vor Kurzem bin ich auf nebenstehende Notiz in der Publikation „Der Kämpfer“ vom 13. Oktober 1928 gestossen. Darin wird eindringlich davor gewarnt, dass sich beim bevorstehenden Fussball-Länderspiel Schweiz – Italien auf dem Zürcher Förrlibuck „faschistische Herrschaften“ und „Kreaturen Mussolinis“ zusammenrotten werden. Es wird zu handfestem Gegenprotest aufgerufen.

Auch für die Kantonspolizei Zürich galt das Match offenbar als Hochrisikospiel. In überlieferten Akten zum Spiel, die im Staatsarchiv lagern, steht: „Es werden Ausschreitungen vermutet. Um auf alle Fälle gerüstet zu sein, wird an diesem Tage auf 13 Uhr in Uniform mit reglement. Bewaffnung, graue Handschuhe ohne Rapportttasche in die Polizeikaserne aufgeboten.“ Insgesamt 65 Kantonspolizisten mussten dem Aufgebot Folge leisten, davon 8 in Zivil.

In einem minutiösen Rapport der Kantonspolizei vom 15.10.1928 wurde im Nachgang zum Spiel der Verlauf des dreitägigen Besuchs der italienischen Nationalmannschaft in Zürich geschildert: „Wie vorausgesehen werden konnte, fand sich im Bahnhof Zürich eine grosse Menschenmenge ein, darunter eine grosse Zahl Italiener, Fascisten und Fascistengegner. Mit dem Bahnhofsinspektorat war vereinbart worden, dass event. bei starken Ansammlungen der Zug nicht auf dem dritten Hallengleis wie üblich, sondern auf einem Seitengleis in den Bahnhof eingeführt werde. Die Überwachung der Volksmenge er gab, dass zeitweise antifascistische Lieder gesungen wurden und damit die Anwesenheit einer grösseren Zahl von Antifascisten und Kommunisten als erwiesen angesehen werden konnten.“

1928 war der Faschismus in Italien auf dem Höhepunkt angelangt. Viele Antifaschisten und Regimegegner mussten in den Jahren davor ins Exil fliehen, um Strafprozessen und Verbannungen in Zwangslager durch das Mussolini-Regime zu entkommen, nicht wenige davon kamen in die Schweiz. Der Partito Nationale Fascista war ab 1928 die einzige in Italien zugelassene Partei. Verständlich also, dass man die aufgeheizte Stimmung rund um das Länderspiel unter spezielle Beobachtung setzte.

Glücklicherweise blieb es in Zürich aber durchgehend friedlich und so endet der Polizeirapport versöhnlich: „Weder bei der Stadtpolizei noch bei uns sind irgendwelche Klagen oder Meldungen eingegangen über Belästigungen & dergl. Anlass zu polizeilichem Einschreiten bot sich während der ganzen drei Tage Anwesenheit der italienischen Fussballmannschaft nicht.“

Das Spiel fand übrigens im Rahmen der ersten Austragung des „Europapokals für Fussball-Nationalmannschaften“ statt, einem Vorläufer der heutigen Europameisterschaften. In einem 4-jährigen Zyklus traten die teilnehmenden Teams jeweils mit Hin- und Rückspiel gegeneinander an. Die Schweiz verlor alle 8 Begegnungen des Turniers 1927-1930 gegen Ungarn, Österreich, die Tschechoslowakei und Italien.

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