Fussball im Buch: “Kapital”

Eine Strasse in London, deren Reihenhäuser gegen Ende des 19. Jahrhunderts erstellt wurden und im Zuge des Booms des Finanzplatzes London rund hundert Jahre später eine dramatische Wertsteigerung erfahren: Das ist Ausgangsbasis für John Lanchasters raffiniert konstruierten Roman “Kapital”.

Bewohnt wird die Strasse von einer illustren Mischung aus Neureichen und Alteingesessenen, Kleinunternehmern und Bankern, Witwen und: einem jungen Fussballstar aus dem Senegal. Er heisst Freddy Kamo und ist in seiner vermeintlichen Ungelenkigkeit wohl am ehesten Nwankwo Kanu nachempfunden:

Beim Aufwärmen hatte er noch keine Probleme, aber als er aus dem Tunnel trat und vor dem Anstoss zu seinem Platz auf der Bank lief, fühlte sich alles vollkommen anders an. Die Hochspannung, die dort draussen herrschte, und der irrsinnige Krach – darauf konnte man einen Spieler unmöglich vorbereiten.

Die Geschichten der Bewohner dieser Strasse verweben sich über die fast 700 Seiten allmählich, es geht um die unterschiedlichen Formen von Migration, um Kunst (mit kapital“Smitty” als genialer Banksy-Persiflage), Terrorismus und um das Londoner Bankenwesen. Dem naiven Freddy Kamo wird in seinem ersten Spiel, das er von Beginn an bestreitet, das Knie zertrümmert, und was wir in der Folge über das Versicherungswesen im Zusammenhang mit invaliden Profifussballern erfahren, ist ganz offensichtlich ausgezeichnet recherchiert. Das gilt auch für die übrigen Schicksale in “Kapital”, doch befinden wir uns hier ja in einem Fussballblog. “Bewegend und sehr komisch”, schreibt der “Observer” über Lanchesters Werk, und es lässt sich anfügen: “Dazu auch noch gut!”

(John Lanchester: Kapital. Klett-Cotta, Stuttgart 2012)

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