Noch einmal nach Eibar

1988 verbrachte ich einen Sommer in Bilbao. Josebe, eine Baskische Kollegin, wollte mir mit dem Auto die herbe Schönheit der Atlantik-Küste zeigen und danach eine Freundin abholen. Die Küstenstrasse schlängelte sich endlos Richtung Osten dahin. Ich bekam einen flauen Magen. Der Himmel war bedeckt, das Meer grau. Für den Rückweg nach Bilbao nahm Josebe die Autobahn durchs Hinterland. In Eibar dachte ich mir: Wie kann man an diesem hässlichen Ort eine Stadt bauen? Dann bogen wir ab in ein noch engeres Seitental. Josebe hatte sich in Plasencia de las Armas mit einer Freundin verabredet, die nach London auswandern wollte um dort zu arbeiten. Wir sollten sie auf den Flughafen in Bilbao bringen. 

Ich fragte Josebe, wie dieser versteckte Ort zu diesem besonderen Namen gekommen war. Für mich klang im Wort Plasencia das Lateinische placere mit und ich brachte damit  Zustimmung, Erlaubnis, oder gar Gefallen zu Waffen in Verbindung. Ich würde irgendwann nochmals an diesen Ort zurückkehren, und dies nur, weil ich den Namen nicht vergessen konnte. Josebe sagte als überzeugte Baskin mit nationalistischem Unterton: Hier befinde sich eine Waffenfabrik und der spanische Name sei eine klare Machtdemonstration der Zentralregierung in Madrid. In einer Zeit, wo es in Spanien fast wöchentlich Anschläge der ETA gab und wo in den Zeitungen immer wieder von Verhaftungen von ETA-Mitgliedern berichtet wurde, war die Vorstellung irritierend, dass ausgerechnet im Herzen des Baskenlands Werkzeuge für das Töten hergestellt wurden.

Wir waren zu spät. Als wir bei der Familie ankamen, war die Stimmung in der Wohnung bedrückt. Die Eltern waren unglücklich, dass ihre Tochter wegging. Es wurde kaum geredet. Der Vater war ein stämmiger, untersetzter Baske wie aus dem Bilderbuch. Als er merkte, dass ich aus der Schweiz kam, begann er von der Landschaft und der Natur zu schwärmen. Er steige oft auf die Hügel, sammle Pilze und Kräuter, und wenn er nicht arbeite, so sei er nur draussen in seinem Garten und in den Wäldern anzutreffen. Städte würden ihm nichts bedeuten. In der Natur dagegen bleibe man gesund. Er redete sich ins Feuer, als wollte er den Schmerz über den Weggang seiner Tochter bekämpfen und als wollte er ihr nochmals indirekt sagen: Warum gehst du denn? Hier ist es doch gut! Ich weiss nicht mehr, ob der Vater auch in der Waffenfabrik arbeitete. – Die Tochter drängte darauf, dass wir losfahren. Sie war auch traurig darüber, dass ihre Eltern litten, aber irgendwie schien sie auch froh, dass sie dieser engen Welt entfliehen konnte.

Als die SD Eibar diesen Sommer in die Primera Division aufgestiegen war, kam mir der Ausflug mit Josebe wieder in den Sinn. Ich sah mir Bilder vom Triumph des kleinen Klubs und dessen Anhänger an und staunte, wie klein das Fussball-Stadion der Stadt ist und wie nahe es an der Autobahn liegt. Eibar in der Primera Division? Ja, ein Märchen für Fussball-Romantiker.

Eibar liegt genau in der Mitte zwischen Bilbao und San Sebastian. Heute Abend steigt dort  das erste Basken-Derby dieser Saison. Die Spieler der SD Eibar heissen “los armeros”, die Büchsenmacher. – Ich würde gerne wissen, ob der Vater von Josebes Freundin Pilze suchen geht oder ausnahmsweise hinabsteigt ins Stadion.

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One Response to Noch einmal nach Eibar

  1. Seagulls says:

    Herrlich wieder all die Texte und Fotos zu lesen und zu sehen, bereits die ersten Artikel versüssen einem die Woche…

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