Allez Servette!

ServetteDer Niedergang von Servette lässt mich nicht kalt. Das liegt auch am wunderschönen, verwaschenen 70er-Jahr Trikot, das mich an das übermächtige und elegante Servette von einst erinnert. Einer aus unserer Feierabend-Truppe, ein Gitarrenlehrer, spielte jahrelang in genau diesem Trikot und ich beneidete ihn immer darum. Irgendwann fragte ich ihn, was ihn denn eigentlich als Ostschweizer mit Servette verbinde. „Nichts, ich habe das Trikot von einem Arbeitskollegen geschenkt bekommen, einem Klavierlehrer, der zwar in Zürich aufgewachsen ist, seit seiner Kindheit aber glühender Anhänger der Grenats ist.“ – „Ok, und wie wird jemand aus Zürich, den nichts mit Genf oder der Romandie verbindet, glühender Servette-Anhänger?“ – Und dann kam sie, eine der schönsten Geschichten, die mir jemals über den Fussball erzählt wurde: Besagter Klavierlehrer wuchs in den Vierziger- und Fünfziger-Jahren neben dem Hardturm auf und trieb sich als Primarschüler gerne bei den Grasshoppers herum, ganz vorne an der Bande in der Ecke. Als Servette in der Meisterschaft gegen den Grasshoppers Club einen Corner spielen konnte, schritt der grosse Jacky Fatton zur Eckfahne, platzierte den Ball, drehte sich um, um Anlauf zu holen, sah den Jungen und strich ihm im Vorbeigehen über den Kopf. Es war ein Schlüsselmoment im Leben des jungen Zürchers. Innerhalb eines Sekundenbruchteils wurde aus ihm ein Genfer, als sei er plötzlich und unerwartet durch den Stürmer Fatton neu getauft worden – so als wäre dieser ein Heiliger mit besonderer Kraft. Nie habe er diesen Augenblick vergessen, er habe immer wieder davon erzählt, habe die Resultate des Servette FC sein ganzes Leben lang genau verfolgt und bis ins hohe Alter von seinem Klub in Weinrot geschwärmt.
Er hat halt doch recht, unser geschätzter Nick Hornby: Wir haben uns unsere Klubs nicht ausgesucht – sie wurden uns schlicht gegeben. Und im Falle von Servette und ganz besonders beim oben genannten SFC-Fan aus Zürich darf man ruhig ergänzen: Und egal, was auch immer passiert mit unseren Klubs – niemand kann sie uns wieder nehmen, denn sie sind in unzähligen Erinnerungen bei den Fans und ihren Familien verewigt – für alle Zeiten. Und gerade im Falle von Servette und seiner zahllosen dubiosen Präsidenten darf man ganz sicher grad auch noch Alfred Polgar anfügen und seinen Trost für alle Verlierer in der Welt des Fussballs – aber auch für alle anderen: „ Man kann nicht richtig leben, man kann nur richtig darüber erzählen.“

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