Transportpflicht, Tagesschau, SP

Am 22. Oktober sendete die Tagesschau in ihrer Hauptausgabe einen Beitrag zur Lockerung der Transportpflicht. Unter “Sportclubs sollen für Randalierer zahlen” ist er archiviert. Im Beitrag kommt nebst anderen die Thurgauer SP-Nationalrätin und Sekretärin der Eisenbahnergewerkschaft (SEV) Edith Graf-Litscher zu Wort. Wie alle andern Bundesratsparteien spricht sich auch die SP dafür aus, die Transportpflicht dahingehend zu lockern, dass den Sportvereinen in Zukunft die Kosten übertragen werden können, die ihre Anhänger auf den Reisen zu den Spielen verursachen. Graf-Litscher sagt in der Tagesschau:

Gemeinsames Ziel muss sein, dass zukünftig wieder jeder und jede, auch Familien, an Fussball- und Sportveranstaltungen gehen können, ohne ihre Gesundheit zu gefährden.

Vergangene Woche bat ich Edith Graf-Litscher, die betreffende Aussage zu präzisieren und schickte ihr zwei Fragen:

  • “Wieder” impliziert, dass es eine Zeit gab, wo Besuche von Fussballspielen weniger gefährlich waren als heute. Wann war dies Ihrer Meinung nach der Fall?
  • Sind Sie im Besitz von Zahlen/Statistiken über unbeteiligte Matchbesucher (Familien, Kinder), die an Fussballspielen in den vergangenen Jahren gesundheitliche Schäden erlitten haben? Wenn ja, wie sieht die Entwicklung aus?

Hier nun die Antwort von Edith Graf-Litscher: 

An einem Sonntag im Mai 2012 hat mich die SBB als Mitglied der Verkehrs- und Sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrates zu einem „Praxistag“ eingeladen. Dabei hatte ich die Gelegenheit, einen Fanzug vor und bei der Abfahrt in Zürich HB zu beobachten und ich war auf dem Perron des Bahnhofs Zch Altstetten als der Fanzug aus Basel eintraf und nach dem Spiel wieder abfuhr. Dazwischen konnte ich am Sicherheitsbriefing im Letzigrundstadion persönlich dabei sein. Es war eindrücklich zu sehen, wie konstruktiv zusammengearbeitet wurde und wie die aktuelle Sicherheitslage von den Fachleuten beurteilt wurde. An diesem Praxistag gewann ich einen positiven Eindruck von der wichtigen Arbeit von Fanarbeit Schweiz, welcher mir auch von den anwesenden Sicherheitskräften bestätigt wurde. Familien sind mir in den Fanzügen nicht begegnet. Vielleicht war das ein Zufall.

Als Mitglied der sicherheitspolitischen Kommission und der Verkehrskommission sowie als Gewerkschaftssekretärin SEV kenne ich die schwierige Situation des Personals auf den Zügen, welches nicht selten auch tätlich angegriffen wird und dadurch gesundheitlichen Schaden erleidet. Auf Grund dieser Realität bin ich der Ansicht, dass zukünftig die Gesundheits- und Sachkosten welche durch Vandalismus entstanden sind, nicht von den andern ÖV Benutzern oder der öffentlichen Hand getragen werden sollen, sondern dass bei den grossen Sportclubs noch Steigerungspotential vorhanden ist, ihren Beitrag zur Verhinderung der Schäden und zur Finanzierung der Folgekosten zu erhöhen. Wenn die Sportclubs belegen können, dass sie alle nach den Umständen gebotenen Vorkehrungen getroffen haben um Schäden zu vermeiden, sollen Sie von der Haftung für entstandene Schäden befreit sein. Dazu braucht es eine klar definierte Lockerung der Transportbeförderungspflicht bei der willkürliche Ausschliessungen vom Transport nicht zugelassen sind und einen zusätzlichen Artikel zum Schutz des Personals im Personenbeförderungsgesetz.

Ich danke der Fanarbeit Schweiz für Ihren wertvollen Einsatz für mehr Sicherheit und weniger Vandalismus an Sportanlässen.

Die Diskussion um Fans und Sicherheit ist entscheidend von der politischen Stimmung geprägt, in der das Thema verhandelt wird. Die Lockerung der Transportpflicht wird, wie auch das Hooligan-Konkordat,  in erster Linie mit dem Argument legitimiert, dass die Situation an Fussballspielen (im Gegensatz zu einer unbestimmten früheren Zeit) heute völlig aus dem Ruder gelaufen sei, Spielbesuche für Familien gesundheitsgefährdend seien und deshalb neue, weitreichende Massnahmen dringlich erscheinen.

Es kommt mir kein anderes Themenfeld in den Sinn, wo Politik und Medien mit so wenig  empirischen Daten so scharfe Analysen wagen und daraus so weitreichende Gesetzesänderungen ableiten würden. Im Fussball ist das ungestraft möglich. Ich habe seit 1980 ein paar hundert Spiele in Schweizer Stadien besucht, viele davon in den letzten 10 Jahren. Eigentlich erstaunlich, dass ich noch lebe. (pc)

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2 Responses to Transportpflicht, Tagesschau, SP

  1. Kummerbube says:

    Ganz nach dem Motto: “Wenn sie sich daram kümmern machen sie uns einen Gefallen, wenn nicht sind’s zwei.” Merci.

  2. Ken says:

    Die Antwort von Edith Graf-Litscher liegt knapp daneben an den Fragen… Schade, dass viele Menschen nicht mehr in Stande sind das Gefragte zu beantworten.

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