Mittwoch in Winterthur

Ich wollte das neue Buch von Karl-Markus Gauss kaufen. Auf dem Weg in die Buchhandlung kam ich an der Zoohandlung vorbei. Im Schaufenster eine Laufschrift: “Jetzt FCZ-Leinen, lang oder kurz”. Für die im Verwaltungsrat würde ich die kurze nehmen.

Wenn man nie zur Stosszeit Zug fährt, ist man schon überrascht über die Zustände in Zügen zur Stosszeit. Wir fanden aber noch ein Plätzchen und ein Tischchen für die zwei Flaschen Schützengarten Festbier. Winterthur ist schnell erreicht. Das ist nun einmal so. Und es ist auch der Grund für sein rasantes Wachstum: von null auf 100’000 Einwohnerinnen und Einwohner in weniger als 1500 Jahren, das soll ihnen mal eine Stadt nachmachen. Aber eben: die Anbindung! Sie ist so sagenhaft, das zieht einfach die Leute an. Ob aus Weinfelden, Wald oder Wallisellen, in Winterthur ist man schnell.

Ich habe mich auf dieses Spiel gefreut wie ein Wahnsinniger. Wir waren dann auch sehr gut postiert, Höhe Mittellinie. Andere standen da noch immer am Grill. Der mit seinen Spiesschen war dem Ansturm nicht ganz gewachsen: eine Schlange von etwa 25 Karnivoren und über der Holzkohle 30 Spiesse mit leider noch sehr roh aussehendem Fleisch. Es besteht dann immer die akute Gefahr, dass sich der Grillmeister vom Fressmob einschüchtern lässt und die Spiesse zu früh für durch erklärt. Das kann einem den Magen kehren, wenn man Pech hat.

Am Bierstand war es auch nicht anders, aber das war vielleicht auch gut so. Wo hätte es sonst hingeführt. Dann 0:2 nach gerade 20 Minuten, Vorfreude weggeschmolzen wie ein Vampirglacé in der Wüste Gobi. Oder doch nicht? “Das heisst noch nichts. Das heisst noch gar nichts”, sagt mein Nachbar aus St. Gallen, “zu viel habe ich schon erlebt.” Er wird recht behalten, seinen Erfolg aber bescheiden und still geniessen. So gut das eben geht in der Niederlage.

Ich wundere mich über diesen FCW. Plötzlich so stark und mutig. Und ich bewundere die St. Galler in der Gästekurve nach Regazzonis Penalty. Einfach bewegungslose Stille. Keinen Pfiff hab ich gehört. Die totale Stille, eine tausendfache Konsternation. Sehr sportlich, sehr angenehm. Dann Fahnen zusammenrollen, Doppelhalter bündeln, adieu mitenand. Auf der andern Seite: Hurra! Beim 2:2 hatte sich die Bierkurve etwas Besonderes einfallen lassen: die perfekte Welle. Beim Torjubel schön nach vorne drücken, bis Werbebande samt Stahlrohrgeländer wegklappt. Ich habe den “Blick” nicht gelesen am Folgetag. Hat er vom “Banden-Trottel” geschrieben? Oder hat ers sein lassen, aus Angst vor dem Fisch?

Auf jeden Fall Feier. Bis plötzlich vor dem Libero ein Rosenverkäufer auftaucht. Ein Rosenverkäufer! Eine kauf ich und geb sie dem Leite. Der ist ein bisschen irritiert, aber nimmt sie an. Hat ja auch gehalten wie ein Gott, vor allem im Penaltyschiessen. Also damals gegen YB. Hinter der Theke ruft mir der Rockstarkellner zu: “Basel!” “Wo?” “Hier!” Und aus Basel ein SMS: “Hier freut man sich auch.”

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2 Responses to Mittwoch in Winterthur

  1. Andi says:

    Danke für den hübschen Bericht. Bin gespannt auf die Auflösung des Drudels.

  2. claudiomio says:

    Und wie sie Basel freut. Endlich mal wieder richtige Fussballkultur. So wie in Biel vor einem Jahr. – Eigentlich noch viel besser: Viele Bieler liefen ja trotz Führung aus dem Stadion um Hockey schauen zu gehen.

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