Sachschäden an Extrazügen, Teil 3

Was tun, wenn einem die Argumente in Gestalt von aussagekräftigen Zahlen fehlen? Man schiesst zurück, wild und planlos. Das scheint das Kommunikationsprinzip der SBB in der Frage nach den tatsächlichen Sachschäden an Fan-Extrazügen.

Kurz zur Erinnerung: Ein internes SBB-Papier belegt, dass die von Fussballfans verursachten Sachschäden an Extrazügen nicht 3 Millionen Franken, sondern weniger als ein Zehntel davon ausmachen. Zahlreiche Medien hatten diese Falschmeldung verbreitet, die SBB haben nie widersprochen. Das tun sie dafür jetzt, umso heftiger. Nur in eine seltsame Richtung.

Der St. Galler Ruben hat in seinem Blog erwähnt, dass die in der WOZ publik gemachte tatsächliche Schadenssumme der Saison 2009/2010 einen ausgebrannten und verschrotteten Waggon enthält. Kostenpunkt laut SBB-Papier: 69’700 Franken – und damit fast ein Drittel der Gesamtsumme 2009/2010 von 225’503.65 Franken. Nur: War das tatsächlich von Fans verursachter Sachschaden? Diese Frage wirft Blogger Ruben auf. Er verweist auf ein Communiqué der Kapo Aargau, die abgeklärt haben will, dass die Fans des FC St. Gallen den Brand vorsätzlich gelegt hätten. Lassen wir die Frage, wie lebensmüde man sein muss, den Eisenbahnwagen, in dem man gerade fährt, absichtlich anzuzünden, mal beiseite. Hatte die Kapo Aargau eine andere Möglichkeit, als die Brandursache bei den Fans zu finden? Kaum. Ihr Sprecher hatte nämlich bereits unmittelbar nach dem Brand gegenüber dem Blick die Schuldigen klar ausgemacht.

Die SBB wollen nie von “3 Millionen Franken Schäden” gesprochen haben, wie Medienchef Reto Kormann einem Newsnetz-User vorhält:

 

Die im eigenen, internen Papier festgehaltenen Zahlen können die SBB aber aus politischen Gründen auch nicht so stehen lassen. Und so wird mit versteckten Schäden, buchhalterischen Werten und Aufklebern an Bahnhöfen argumentiert – Kosten, die nicht erfasst seien. Was zur nächsten Frage führt: Wie wissen die SBB, wie viele ungedeckte Kosten anfallen, wenn tatsächlich nicht alle Kosten erfasst werden? Und wäre es hier nicht am einfachsten, dem guten Beispiel des obersten Bähnlers Ulrich Gygi zu folgen und nach den Schadenszahlen für YB (13’000 Franken in der Saison 2010/2011, “nicht viel”, laut Gygi) auch die aller anderen Vereine zu nennen? Dann wüssten wir nämlich alle genau, wovon wir sprechen, ist doch davon auszugehen, dass Gygis Zahl der tatsächlichen und alles umfassenden Schadenssumme entspricht. Alles andere wäre ja aus dem Munde des SBB-Präsidenten unseriös.

Nein, Transparenz zu schaffen, wie das Gygi vormacht, das möchten die SBB offensichtlich nicht. Wie würde sich ein Schadenstotal von mutmasslich weniger als 100’000 Franken für 2010/2011 machen, wenn in der Diskussion um die von den SBB angestrebte Aufhebung der Transportpflicht bisher nützlicherweise immer von 3 Millionen die Rede war?

Das alles ist schwer auszuhalten und noch schwerer zu kommunizieren. Und so schiesst man halt, eben, wild drauflos. Wie SBB-Sprecher Christian Ginsig, der gegenüber Blogger Ruben via Twitter ein Youtube-Filmchen auspackt. Als Antwort auf Rubens wirklich unerhörte Feststellung, es bestehe ein Unterschied zwischen einem mutwillig gelegten und einem durch einen Defekt verursachten Brand:

 

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5 Responses to Sachschäden an Extrazügen, Teil 3

  1. blotto says:

    Spannende Geschichte und spannend zu sehen wie die Social Media Strategie der SBB wohl einfach eine persönliche Sache jedes Einzelnen zu sein scheint.

  2. Svon H. says:

    Genau: spannend, unglaublich, unerhört!

    Oder wie wir polternden Polemiker zu zetern pflegen: Ständig die Billetpreise erhöhen aber sich bei der Kommunikationsabteilung dann doch nur Amateure leisten!

  3. admin says:

    Wenn Sie so weiterwettern, Svon H., kriegen Sie auch bald einen Youtube-Film.

  4. Hansueli Raggenbass says:

    Kormann: «Der grösste Teil der Kosten für die Fan-Extrazüge entsteht den SBB durch den zusätzlichen personellen Mehraufwand für Begleitung und Sicherheit.» Es fahren also 200 Züge pro Jahr, mit geschätzten 5 zusätzlichen Bahnpolizisten (meist sind es nur 3) (Sonst kein zusätzliches Personal ersichtlich) die mit Vorbereitungszeit pro Matchtag durchschnittlich etwa 9 Stunden arbeiten dürften, macht also 9000 Stunden Zusatzaufwand. Gemessen an dem zusätzlichen, nicht gedeckten Aufwand von 3 Mio., der ja laut Kormann zum grossen Teil durch personellen Mehraufwand begründet wird, entstehen Kosten in der Höhe von 333 Franken pro Stunde für einen Bahnpolizisten. Ein stolzer Tarif für einen Hilfssheriff. Bleiben noch ein paar unterbezahlte Reinigungsmitarbeiter. Zieht man diese ab, dürften immer noch 300 Franken bleiben. Ich klaube kaum, dass die SBB mit solchen Ansätzen rechnen kann. Aber das ist ja auch egal. Mal sinds imaginäre Personalkosten, mal imaginäre Schäden. Irgendwie wir man immer auf die 3 Mio. kommen.

  5. admin says:

    Danke, Hansueli, und bitte nächstes Mal einen etwas weniger, naja, belasteten Namen verwenden. Wir sind hier ja nicht im newsnetz.

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