Im neuen NZZ-Folio, das heute im Briefkasten lag, sagt Benjamin Huggel:
Ich halte die Diskussion für heuchlerisch, ob 15 oder 20 Millionen Franken Jahreslohn für Ronaldo oder Messi pervers sind. Könnte man ethische oder moralische Massstäbe anlegen, wäre etwa die Arbeit einer Pflegerin viel mehr wert. Aber der Massstab ist der Markt.
So. Haben wir wieder etwas gelernt. Wäre vielleicht auch schwierig, als Spieler, der Woche für Woche ein Novartis-Trikot trägt, zu sagen:
Jahreslöhne von 15 oder 20 Millionen Franken werfen schon ethische oder moralische Fragen auf. Soll der Markt allein entscheiden, wie eine Pflegerin für ihre Arbeit entlöhnt wird und wie ein Fussballer oder ein Manager?
Einen anderen interessanten Satz las ich am Samstag im “Magazin”. Max Küng fragt sich dort in seiner Kolumne, wo eigentlich Ai Weiwei steckt und ob die Geschichte um den verschleppten chinesischen Künstler auch mitgemeint ist, wenn China als spannende Tourismusdestination angepriesen wird. Küngs Kolumnenkollege Thomas Held, der circa wöchentlich den Schweizer Fortschrittskritischen die Innovationskraft Chinas um die Ohren haut, würde sagen: Ja! Die Länder stehen im internationalen Wettbewerb! Es mag ja schön und gut sein, wenn Künstler ihre Heimat kritisch hinterfragen, aber wer weiter kommen will, kann sich diese Art von Zersetzung nicht mehr leisten. Schauen Sie nach China! Für jeden Verschleppten wird dort ein Wolkenkratzer hochgezogen, für jeden Dissidenten ein Dorf umgesiedelt. So geht’s in die Zukunft! Und weg wären die Künstler (ausser Andreas Thiel).
Wo ist eigentlich Ai Weiwei? Was ich mich frage: ob sich Herzog & de Meuron das auch fragen. Ai Weiwei hat ihnen ja recht geholfen auf dem Weg zum Olympiastadion, dem Vogelnest, das “eine radikale Freiheit ausdrückt” (Jacques Herzog, NZZ, 7. Juni 2008). Ja, mit dem lustigen Ai Weiwei haben Herzog & de Meuron unter anderem lustige Türme aus Weingläsern gebaut. Man kann es nachsehen in einem Film über ihre Arbeit am Stadion (Herzog: “Es ist eine begehbare Skulptur in der Art des Eiffelturms.”). Wo ist Ai Weiwei? Darf man in einem Land bauen, das seine Künstler, nachdem sie europäische Architekten nützlich beraten haben, verschwinden lässt unter Nennung dubioser Gründe? Man darf. Sagt Herzog:
“Man kann sagen, in einem Land, das nicht unsere gesellschaftlichen, wirtschaftlichen oder moralischen Standards hat, engagiere ich mich nicht. Dann könnte man aber an vielen Orten nicht bauen, im Grunde nicht einmal im Amerika der Bush-Administration.”
Und noch etwas gelernt – sagenhaft! Das ist eigentlich fast noch besser als “Wenn wir es nicht gemacht hätten, hätte es ein anderer gemacht.” Herzogs Vergleich ist ohnehin gut, denn im Amerika der Bush-Administration haben Herzog & de Meuron ja auch gebaut. Aber eben: Wo ist Ai Weiwei? Das würde ich auch gerne fragen, aber leider kann man keine ethischen oder moralischen Massstäbe anlegen. Leider, leider, leider.

Peter Spuhler kann die Zusammenhänge auch noch gut erklären:
http://www.videoportal.sf.tv/video?id=251368fe-71d4-4eda-a932-e4bb51b95ddf
Nun ja, man kann sich auch in der eigenen Moral ersäufen. Ich bin gar kein Freund des SVP Spuhler, aber er hat denen ja nur Züge verkauft und kein Saringas oder eine Neutronenbombe. Ist ja (nehm ich mal an) nicht so, dass Lukaschenko mit den Zügen Oppositionelle ins Jenseits deportieren lässt…
Der Einzelfall ist nicht der Punkt hier. Herr Spuhler sagt, dass die Politik die (moralischen) Grenzen setzen muss. Gleichzeitig arbeitet seine SVP daran, genau diese Grenzen zu unterlaufen. Wenn man beispielsweise der Auffassung ist, dass man die Menschenrechtskonvention nicht zwingend befolgen muss und gleichzeitig den (moral-)freien Austausch von Gütern propagiert, dann finde ich das schon irgendwie problematisch.