Letzte Woche habe ich auf Arte einem moderierten Gespräch zwischen Lilian Thuram und Günter Wallraff beigewohnt. Es ging um Rassismus und Erfahrungen. Wallraff, der als geschwärzter Weisser unter dem Namen Kwami auf Rassimuserkundung war, beanspruchte dabei die meiste Redezeit. Thuram, auf die “authentischen Erfahrungen” eines Farbigen im weissen Europa angesprochen, wirkte eher gelangweilt. “Wie ergeht es Ihren Kindern, Herr Thuram?” “Na gut, wissen Sie, meine Kinder leben unter ziemlich privilegierten Umständen.”
Am Wochenende las ich ein bisschen Zeitung. In der Samstagsausgabe der NZZ u.a. eine ganzseitige Reportage von Monika Bolliger über Ungarns Jugend, die offenbar in “politischer Resignation versinkt”. Lesenswert. Dazu eine Art Symbolbild: zwei junge Ungarn auf einem Sofabett vor einer Europakarte. Am Abend dann hiess die Lektüre “Die Elite der Unfähigen”, der zweite Teil von Miklos Gimes’ Erkundungen in seinem Heimatland im “Magazin”. Ebenfalls sehr lesenswert. Doch dann entdeckte ich auf einem der Fotos dasselbe Sofa und dieselbe Landkarte wie in der NZZ. Es ist dieselbe Wohnung junger Ungarn, wieder zeigt das Bild ein junges Paar, die Frau könnte gar die gleiche sein. Ich komme nicht recht draus. Das NZZ-Bild stammt von Martin Fejer für die Agentur Est&Ost, jenes im Magazin vom Hamburger Roderick Aichinger. Es waren also zwei verschiedene Fotografen in derselben Wohnung, um für westeuropäische Medien junge Ungarn zu fotografieren.
Was bedeutet das? Ist es bereits eine Folge des neuen ungarischen Mediengesetzes? “Sie wollen über ungarische Junge schreiben? Und Sie brauchen ein Bild? Wir haben hier eine Musterwohnung, die sehr studentisch-alternativ aussieht, halten Sie sich bitte an unsere Vorgaben.” Oder wie? Während die NZZ die abgebildeten Menschen wie erwähnt im Text nicht zitiert, sie also unbekannt bleiben, heissen die beiden bei Gimes Palma und Denes und reden. Und sagen, dass sie optimistisch blieben. Ich möchte das auch bleiben, bin aber etwas irritiert. Gerade bei den teils hervorragenden Auslandreportagen im Feuilleton und Auslandteil der NZZ gehe ich davon aus, dass alles mehr oder weniger stimmt so und redliche journalistische Arbeit dahinter steckt. Nun aber macht es den Eindruck, dass jede Spurensuche in Ungarns Nachwuchswelt am Ende in einer nicht näher definierten Wohnung endet. Macht man am Ende den Szegediner Gulasch doch auch ohne Sauerkraut?

Sofa, Europakarte: Pàlma und Dénes gibt es, ich habe mit ihnen geredet, sie wurden fotografiert. Die Aufnahme – hier liegt wahrscheinlich die Lösung – entstand in einem Budapester Kollegium, eine Art Wohnheim/Internat für Studenten. Wer mit Pàlma und Dénes Kontakt aufnehmen möchte, wendet sich am besten ans TagiMagi. Herzliche Grüsse, Miklos Gimes
Vielen Dank für die Erklärung. Dann scheint dieses Wohnheim eine gewisse Anziehungskraft auszuüben, für irgendetwas zu stehen. Leider wird aus den Texten nicht klar, für was.
Schön aufgespiesst
Etwas späte Aufklärung, aber trotzdem:
Die NZZ wiederum hat das Bild in ähnlichem Kontext illustrativ verwendet, daher kommen die Protagonisten auch nicht im Artikel vor. Die Originalgeschichte erschien im Spiegel 1/2011. Während meine Aufnahmen als Reportagebilder aus der Situation heraus entstanden, ist Aichingers Foto ein gestelltes Portrait. Dies ist der komplette Bildersatz:
Das Bild mit den Studenten Gábor (nicht Dénes!) Simonovits und Pálma Polyák entstand im Auftrag des SPIEGEL im Dezember 2010. Nach dem Interview nahm mich Gábor ganz spontan in sein Wohnheim mit, wo wir seine Kommilitonin Pálma trafen. Das Sofa und die Karte sind Teil des Gemeinschaftsraumes der Etage. Gábor und Pálma waren zu einiger Medienberühmtheit gelangt, da sie zu den ersten Organisatoren sog. Facebook-Demos gegen die gerade erlassenen ungarischen Mediengesetze gehörten. Dass vor oder nach mir noch ein weiterer westlicher Fotograf im selben Wohnheim unterwegs war, war mir bis jetzt nicht bekannt
http://estost.photoshelter.com/search?I_DSC=simonovits&I_SORT=DATE&_ACT=search
Danke, Martin Fejér, für die späte Klärung. Wie bereits früher vermutet handelt es sich demnach bei diesem Wohnheim um eine Art Hauptquartier des studentischen Protestes, was halt aus keinem der Texte und auch nicht aus den Bildlegenden hervorgeht. Einen schönen Tag! PC