Von Zug fährt der Bummler los Richtung Rotkreuz. Der erste Halt folgt nach geschätzten 120 Metern, er heisst “Schutzengel”. Wer auch immer sich diesen Haltestellennamen ausgedacht hat, ich möchte kein Pendler sein, der jeden Morgen beim Schutzengel einsteigt und jeden Abend aus. Da wird das Leben doch langweilig. Jede Gefahr wird von einem fern gehalten. Da finde ich die Haltestelle Hellbühl besser.
In Cham wartet ein Bus, der ins Caco hinaus fährt, zum Sportplatz Eizmoos. Da will ich hin. Der Tag ist schön, Hunger in der Grössenordnung einer Bratwurst meldet sich an, Durst ebenfalls. Von weitem sind die wehenden Fahnen der mitgereisten Thuner zu sehen. Ansonsten: Sonntagsidylle. Drei Kinder haben einen Klapptisch aufs Trottoir gestellt und drehen den Matchbesuchern selbstgemachte Popcorn an, 50 Rappen die Tüte. Ich wechsle die Strassenseite – gegen den Frühkapitalismus! 20 Hämmer knüpfen sie einem ab für diesen Cupschlager, aber gut, der SC Cham muss schauen, wie es weiter geht. Eben noch Nati B, winkt schon bedrohlich nah die Zweite Interregio, trotz Ronny Hodel auf der Aussenbahn.
Es ist sehr gemütlich auf dem Rasenhügel hinter dem Tor und angenehm warm.
Gemütlich, zu gemütlich findet es auch der Thuner Vorsänger, der seine rund 40 Vasallen per Megafon dirigiert: Lauter, tami siech, wir sind hier nicht in der Kirche! Und das am Eidgenössischen Buss- und Betttag. Ich wusste gar nicht, dass die so antiklerikal verstimmt sind im Oberland. Z’Oberland schteyt hinger Dir, singen sie dann, und es tönt ein bisschen wir “s’Zogerland”, was doch sehr passt zur entspannten Atmosphäre an diesem Nachmittag auf dem Sportplatz Eizmoos zu Cham.
Sie kommen nicht recht in die Gänge, die Männer von Murat. Murat sagt im Matchprogramm auf die Frage nach seinem Vorbild: “Gelegentlich schaue ich auch mal in den Spiegel”. Was für ein scharfer Hund. Zur Pause steht es null zu null, aber auch nur, weil Thuns Da Costa einen Freistoss gekratzt hat, aber wirklich gekratzt. Wie Jakupovic zu seinen besten Zeiten, sagt ein Thuner seinem Kollegen und nennt ihn dabei niederträchtig “Du Chamhaar”. Das ist schon mal ein ordentliches Wortspiel für eine durchschnittliche Schweizer Fankurve. Als er dann aber nachdoppelt und meint, seine Mannschaft spiele so mies, es treibe ihm die Chamröte ins Gesicht, verneige ich mich ein bisschen. Andreas Thiel kann in Island bleiben fortan.
Scarione, sie rufen ihn liebevoll Oski, erlöst die Thuner dann endlich, und es rattert
dreimal innert zehn Minuten. Ich breche auf. Der grosse Becher drückt angenehm auf meine Lider. Der nächste Bus fährt in einer halben Stunde, also gehe ich zu Fuss. Es ist ein interessanter Spaziergang durch eine Gegend, die tiefe Steuern zu bieten hat und, eben, tiefe Steuern. Architektur, wie sie Gölä als schön empfindet. Braucht den Vergleich mit deutschen Innenstädten nicht zu fürchten. Immerhin gibt es öffentliche Verkehrsmittel, gibt es den Weg raus. Null zu vier.