Interessante Bildwahl IV
Tuesday, March 30th, 2010Vielen Dank dem Herrn aus dem Untergeschoss für den Hinweis. Tagi-online, unser Lieblingsportal für Schnellschüsse aller Art, hat den Herrn mittlerweile ersetzt.
Vielen Dank dem Herrn aus dem Untergeschoss für den Hinweis. Tagi-online, unser Lieblingsportal für Schnellschüsse aller Art, hat den Herrn mittlerweile ersetzt.
Leser Michael F., ein bekanntermassen talentierter Surfer auf Regionalfussballplattformen, hat einen Spielbericht entdeckt, dessen Einstieg fast dem Ernst Happel sein Grabdeckel lupft:
Mein Gott, war dies eine Startphase. Die Zuschauer hatten noch nicht ihre Zigaretten angezündet, da stand es bereits 3:0.
Das soll man sich mal auf der Zunge zergehen und in den Augen weiden lassen. Überall werden Brände gelöscht, wird Rauch verboten und die Lust angefeindet, und da kommt ein klubinterner Chronist daher und will von Zeitgeist gar nichts wissen. Im Gegenteil, man könnte fast den Eindruck erhalten, da, um dieses Spielfeld herum, darf nur stehen, wer raucht. Da haben Nichtrauchende nichts verloren. Oder so wenig, dass sie gar nicht in Erwägung gezogen werden. Wer sich selber einmal ein Bild machen möchte: jedes zweite Wochenende, auf der Buchleren in Zürich Altstetten. Und Achtung: Es hat viele Raucher dort, sehr viele! Und überhaupt viele Zuschauer, mehr als eigentlich im ganzen restlichen Schweizer Regionalfussball. Und wer erstmal einfach den ganzen Matchbericht lesen möchte: voilà.
Am 15. April 1961 empfing England seinen Rivalen Schottland im Wembley und schickte ihn mit sagenhaften 9 zu 3 Toren wieder nach Hause in den Norden der Insel. Im Tor der Schotten stand damals Celtic-Hüter Frank Haffey. Irgendwann nach diesem denkwürdigen Spiel, in dessen Anschluss sich übergeschnappte Engländer und traumatisierte Schotten ordentlich die Meinung gesagt hatten, emigrierte Haffey nach Australien. Rund 40 Jahre später, um die Jahrtausendwende, traf er dort auf Denis Law, der 1961 an der Seite Haffeys gespielt hatte. Er komme bald wieder mal nach Schottland zurück, sagte Haffey zu Law. “Tu es nicht”, antwortete dieser, “es ist noch zu früh.”
Ob dies eine Anekdote ist oder bloss ein Witz, weiss ich nicht. Aber erzählt hat es Peter Shilton, und der hat es womöglich von Gordon Brown. Aber lesen Sie selbst, hier.
Hundert vermummte Luzerner, die dem Extrazug entsteigen. Die St. Galler Polizei begrüsst sie und sagt durchs Megaphon, Vermummen koste in St. Gallen 800 Franken Busse. Worauf 90 der 100 die Masken fallen lassen.
Diese und andere Erfolgsmeldungen und Einschätzungen, z.B.
Diese vermummten, militärisch auftretenden Gruppen finde ich beängstigend. Dadurch werden Allmachtsfantasien ausgelebt: Man tritt in der Gruppe auf und fühlt sich unbesiegbar.
sind im aufschlussreichen Interview mit dem Ersten St. Galler Staatsanwalt Thomas Hansjakob nachzulesen, in der aktuellen Wochenzeitung.
Die Boulevardisierung der Medien schreitet nach wie vor dramatisch voran.
Von wem stammt diese erstaunliche Erkenntnis? Wer beklagt hier den Untergang der abendländischen Zivilisation? Es ist, man möchte gerne schmunzeln, Ralph Grosse-Bley, der neue “Blick”-Chefredaktor (in einem Interview mit der NZZ von heute). Wenn wir nun aber schon bei merkwürdigen Doppelnamen sind, verdanken wir an dieser Stelle einen Hinweis unseres Mitarbeiters Peroni, der uns damit den so wichtigen Fussballbezug verschafft.
Leser Michael v. L. erfreut uns mit der Zusendung eines wissenschaftlichen Kommentars zum aktuellsten Kapitel Zürcher Stadiongeschichte. Hier ist, was er schreibt:
Das Aufbegehren der Altstettner Kleingärtner gegen ein geplantes Eishockey- und dereinst vielleicht auch Fussballstadion in Zürich ist die jüngste Episode eines jahrzehntelangen Ringens. Das zeigt ein Blick in das Archiv des Vereins für Familiengärten Zürich. 1936 beklagt sich der Verein im Jahresbericht, die Bevölkerung wisse alles über sämtliche Fussball- und Athleten-Klubs, während der Verein unbekannt sei. Deshalb müsse man hinten anstehen, wenn es um die Landvergabe gehe. Dabei sei doch da «Resultat» «im Wert ein rein Theoretisches». «Und wir? F ü r u n s sollte doch das p r a k t i s c h e Resultat sprechen: Über eine Million Produktionswert, praktische Landesverteidigung, Gesundheitsförderung, Zusammenarbeit in der Familie, beste Ausnützung der Freizeit, Erziehung zur Bodenständigkeit, Entvölkerung der Strasse von Kindern, Arbeitslosen, Bummlern. Bei uns über 5000 M i t w i r k e n d e, ohne Zuschauer, dort eine kleine Gruppe Tätiger mit einer Masse Bewunderer und Kritiker. Sicher kommt die Zeit, da auch unsere Arbeit die richtige Würdigung findet. Lassen wir uns nicht entmutigen.»
Die Kleingärten sind aus einer Bewegung um die Wende zum 20. Jahrhundert hervorgegangen – zu einer Zeit, als das Schlagwort „zurück zur Natur“ ein erstes Mal geprägt wurde, gut 70 Jahre vor der Öko-Bewegung. Die Gärten wurden von wohlmeinenden Bürgern für die Arbeiterschaft eingerichtet. Diese sollte, nicht zuletzt durch ein strenges Regelwerk, dem bürgerlichen Ideal entsprechend geformt werden. Der Garten sollte ein Gegengewicht sein gegen allerlei Auswüchse der modernen Stadt – von der „ungesunden“ Wohnung bis zum „ungesunden“ Freizeitverhalten. Der Fussball wurde Letzerem zugerechnet. Noch in den 50er-Jahren hebt der Verein die «die volkshygienische und ethische Bedeutung unserer Kleingärten» hervor und schreibt: «Der Familiengarten ist in erster Linie der Gesundbrunnen für die in Fabriken, Bureaus und Werkstätten tätige und in Mietskasernen wohnhafte Bevölkerung. (…) So wagen wir denn die kühne Behauptung aufzustellen, die Erstellung von Kleingärten sei für die Volksgesundheit und die vernünftige Ausfüllung der Freizeit ebenso notwendig und wichtig wie die Schaffung von Sport- und Spielanlagen.» Das Lamento schliesst mit dem schönen Satz, die Gärten fügten sich mindestens so gut ins Stadtbild ein wie «eine Fussballtribüne oder mannshohe Bretterwände, hinter denen junge und alte Sportfanatiker ihre unschönen Lärm- und Pfeifkonzerte abzuhalten pflegen!» Damals gabs halt den Südkurven-Chor noch nicht.
Wie sang einst Helge Schneider: “Mein Zuhaaaaause ist die Metzgerei”. Leser Sporting macht uns im Zusammenhang mit Fleischfussball noch auf eine sehr schöne, natürlich wie immer über ihn zu beziehende Publikation aufmerksam mit dem Titel “Colores en la piel – Costumbres del Futbol Argentino“. Sporting schreibt, es sei
ein toller Bildband aus Argentinien über Rituale der Fussballfans, da hats geschlagene 20 Seiten Grossaufnahmen von Grillwürsten und denen, die sie essen.
Als kleinen – der Ausdruck ist an dieser Stelle wohl zu rechtfertigen – Appetizer hängt er freundlicherweise eine Kostprobe an. El Chorizo fanatico!
Freundinnen und Freunden des tadellosen Geschmacks sei das neue Büchlein des Zeichners und Schreibers Ruedi Widmer ans Herz gelegt. Es heisst “Die Wirklichkeit, mit Fleisch nachempfunden” und enthält keine Texte, sondern nur Bildpaare im Stile von “bei der Geburt getrennt”, die meisten davon waren zuvor in der Titanic erschienen. Das handliche Werk eignet sich auch sehr als Geschenk, wenn man z.B. zu einer Berner Platte eingeladen ist. Oder zum Grillplausch. Das folgende Bildpaar stammt nicht aus dem Buch, dafür ist es zu wenig professionell. Ich habe das nur zur Illustration der Buchempfehlung erstellt.
Wer erfahren möchte, wie Fussballfans auch noch – nämlich ausführlich, differenziert, gewagt, bemüht, kontrovers, aber fair – über Gewalt, Repression, den Freiheitsbegriff und die Macht der Medien diskutieren können, versuche sich für eine Viertelstunde im FCZ-Forum (hier klicken und dann ab Ensis’ Beitrag die Posts von ihm (ihr?), Pedro und Sammy lesen), wo gegenwärtig mehr an Substanz zusammengetragen wird als an allen Runden Tischen zusammen.
Jetzt, wo sich der Winter bitte langsam dem Ende zu neige, was ich für einen sehr gelungenen Einstiegssatz halte, weil neige = Schnee, jetzt also ist der richtige Moment für eine Liegefahrt im Wiener Walzer, unter dem Arm ein Buch über eine Frau, die im Wiener Walzer fährt (und noch in ganz vielen anderen Nachtzügen). Wie immer ein tolles Erlebnis. Vor allem auch die stets zurückhaltende Art des Liegewagenpersonals, wenn es darum geht, den schon in Linz Aussteigenden das Frühstück zu bringen. Tür aufreissen mit 134 Dezibel, alle verfügbaren Lichter an und dann laut schreien: “Wea hot Tee, wea Kaffee?” Danke, ich nicht, ich habe nur Zeit, noch zwei Stunden um genau zu sein, die ich eigentlich schlafend verbringen könnte, bis Wien, so Sie mich denn lassen.
Die Feier zur 50. Ausgabe des besten Fussballmagazins im erweiterten Alpenraum hält, was sie verspricht, nur dass die grossen Flaschen Newcastle Brown Ale bald ausgehen. Erinnert sich jemand an Alex Rubli? Er war einmal der Beifahrer vom Meteo-Bucheli, in der Frühphase. Alex Rubli hat einmal in der Schweizer Illustrierten gesagt auf die Frage, was ihn glücklich mache: Newcastle Brown Ale. Das Schöne an diesem Bier ist auch die weisse Flasche. Mit jedem Schluck leert sie sich sichtbar, und wenn nichts mehr drin ist, wirkt sie leicht und zart. Und der
Trinker ist glücklich, wie Alex Rubli. Ich habe aber zu früh die Segel gestrichen. Es ist das Alter. Beim Rausgehen zeigt mir der Herr Direktor persönlich noch einen Aufkleber eines Schweizer Fussballvereins, den ich so dort nicht erwartet hätte. Mit Sack und Pack schleppe ich mich zum hölzernen Würstlstand und bestelle wie angewiesen eine “Bosna”: Zwei Bratwürste in einer langen Semmel mit allerlei Gewürzen und Saucen, ein veritables Menu, das sich zu einer langen Schifffahrt in einem Meer aus Brown Ale aufmacht.
Es gibt aber auch Tageslicht in Wien. Dabei ist zu erfahren, dass ein bekannter Hamburger Sportverein in Österreich umsonst Mobiltelefone verteilt. Ich hab aber schon eines, und das reicht mir vollkommen. Auf dem Flohmarkt überlege ich mir den Kauf einer Postkarte mit einer Giraffe vorne drauf, ein Relikt aus den 80er Jahren, Safari-Park irgendwas. Die Frau möchte einen Euro dafür. Das ist sehr teuer, wenn man bedenkt, dass nebenan nagelneue Handys verschenkt werden. Ich lege die Karte zurück in die Kiste und schäme mich auf einem ausgedehnten Spaziergang entlang der Donau ob meiner Knausrigkeit. Dort sehe ich, wie sich ein Heer von Bibern von Osten her allmählich die Stadt
einverleibt. Also: Wer noch nie in Wien war, sofort hingehen. In ca. drei Jahren ist da alles weggefressen.
Dann fährt der Zug hinaus in die Neustadt, Sturm Graz ist zu Gast bei Magna, dem neuen Spielzeug von Herrn Stronach. Eine interessante, sehr flache Gegend. Und Gäste-Anhänger mit einem für mich nur noch schwer zu entziffernden Idiom. A goa da guegg da goan da guaag. Der junge Herr vor mit im Block trägt eine Jacke mit einer Ausbuchtung am Rücken, auf der steht: “Avalanche Rescue System”. Sehr beruhigend. Es sind zwar keine Erhebungen auszumachen rund um Wiener Neustadt, aber angenommen es wären, angenommen die Tektonik hätte plötzlich einen Anfall und Berge würden sich erheben und Schnee zu Tale stürzen, dieser Mann vor mir wäre auf der sicheren Seite, und ich würde mich an seine Kapuze hängen und wäre mitgerettet. Solche Sachen können einem schon in den Sinn kommen bei einem Spiel, in dessen Verlauf es genau eine Torchance gibt, die zudem vergeben wird. “Gemma Gemma Gemma” singen unterdessen und mit Ausdauer die “Schwoazn” aus Graz, eine schöne Reminiszenz an Tony Renis‘ “Quando Quando Quando”.
Dann überstürzen sich die Ereignisse und auf der Rückfahrt auch die Dose Zywiec des mitgereisten Direktors, der sich dafür in einem Anflug beispiellosen Anstandes
bei den übrigen Abteilinsassen für die nasse Sauerei inklusive Geruchsemissionen entschuldigt. Höflichkeit kennt keine Grenzen innerhalb von Österreich. Um ein Haar verpasse ich den Nachtzug nach Hause, schuld war ein explosionsartig aufkommendes Hungergefühl. Ich schnappe mir eine Lange Scharfe Ungarische, das ist die Paradewurst der Westbahnhof-Bude, und sie wird, als wäre sie ein Wienerli, in ein Brot gesteckt, obwohl sie grösser ist als ein ausgewachsener Schüblig – ein gigantischer Hotdog. Mein Abteil, das ich dank einer glücklichen Fügung (für alle andern) mit niemandem teilen muss, erlebt einen Brosamenregen sondergleichen, so knusprig ist der Brotschlafsack der Langen Scharfen Ungarischen. Am Morgen bleibe ich aus Protest liegen, bis links das Perron vom Zürcher Hauptbahnhof erscheint. Es ist 7.19 Uhr. Der Schaffner wird ranzig: “Jetzt sind Sie aber wach ja!” Jetzt bin ich wach, ja.