Neujahr am Untersee

Vom ersten Tag im neuen Jahr kann man eigentlich nichts erwarten ausser Nachbrand. Fussball schon gar nicht. Schon gar nicht am unteren Teil vom Bodensee. Fussball im Thurgau ist Pascal Zuberbühler und die Whiskykurve Kreuzlingen und dann eine Ewigkeit nichts mehr. SteckbornHab ich mir gedacht und bin losgelaufen um acht Uhr morgens, ins neue Jahr hinein. Also eben nichts gedacht hab ich, nichts erwartet. Vielleicht irgendwo einen öffentlichen Kafiautomaten wenns hoch kommt. Fussball sicher nicht. Dann aber schon nach wenigen hundert Metern die Aufforderung, am Hallenturnier des örtlichen Fussballclubs teilzunehmen. Und die Woche zuvor noch ans Winterkonzert der Stadtmusik in die Feldbachhalle. Ein schönes Schild, gut gepflockt. Aber am 23. bin ich leider schon zum Essen verabredet. Italienisch wieder einmal, Spaghetti aldo moro. Man hat für uns einen ovalen Tisch reserviert.

Weiterlaufen, das Jahr ist noch jung, jeder Schritt jungfräulich, überall ist noch niemand durchgegangen an diesem Tag, in diesem Jahr. Ich bin der erste Mensch, der im Jahr 2010 am “Vorsicht Fussball”-Schild vorbeigelaufen ist. Der erste! Ist das eine Botschaft? Man läuft so dahin, überlegt sich eine Teilnahme am Hallenturnier, und dann steht da unten rechts am Boden neben dem Trottoir “Vorsicht!” Da meldet sich doch keiner mehr an! Da sieht doch sogar den Unabergläubigste nur noch Kreuzbandrisse vor seinem inneren Auge. Schnell weiter, die Dorfstrasse runter. Der Bäcker beim Kreisel hat auf.VorsichtSchale! Danke!

In einer Seitengasse weht ein YB-Fähnchen, hier wohnen Herr und Frau Opportunist. Oder nicht? Es muss ein befreiendes Gefühl sein, im Thurgau sich für Fussball zu begeistern. Man kann einfach auswählen aus allem, weil der Druck zum Lokalpatriotismus nicht existiert. St. Gallen ist ja auch einen schönen Riemen entfernt, da ist für den Unterseer der FC Bayern ja fast so nahe liegend. Neben dem Haus mit der YB-Fahne ist eines zu verkaufen. Es heisst Haus Merkur, ist alt, 10 Zimmer, 295’000 Franken. Hab ich grad nicht bei mir. Was kann ich jetzt noch machen, es ist ja erst neun, keine Sau unterwegs. An den Bahnhof. Bald fährt ein Zug, kein schöner, aber auf einer schönen Strecke. Zwei Stationen, dann raus. Bisschen rumschauen. Der alte Bahnhof ist auch zu verkaufen. Ein Riesending. Ich möchte da aber jetzt nicht hinziehen. Auf dem Bahnhofsgüselkübel liegt ein Sexkontaktheftli, voll mit den bizarrsten Sachen. Da hatte einer sicher einen wilden Silvester. Oder einen Traum von einem wilden Silvester. Jetzt fährt der YBZug retour.

Ein Dorf weiter steige ich aus. Neben dem Bahnhof hat ein Steinmetz sein Atelier. Über seinem Schild hängt eine grosse FCB-Fahne, verwittert. Ob der wirklich jedes Wochenende losfährt mit seinem Steinmetz-Bus, nach Basel, Aarau, Sion? Ich spaziere zurück, eine halbe Stunde dem See entlang. Kein Mensch weit und breit, nur Enten. Für diese Enten bin ich vermutlich der erste Mensch, den sie im Jahr 2010 sehen. Gerne wüsste ich, ob sie das ein gutes Omen finden oder grad abwinken mit ihren Entenflügelchen. Jetzt gehe ich zurück ins Haus am See und DSSchneedann wieder heim. Im Hof der Nachbarn steht ein Schneemann mit einem Hut. Das Kunstwerk könnte von Urs Fischer sein und Kopfball heissen.

One Response to “Neujahr am Untersee”

  1. Rafael Says:

    Sehr schön! Vielen Dank.

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