Es wurde mir eben ein internes Papier aus dem Analyse- und Recherchezentrum Sykora GmbH zugespielt, und: Der Inhalt ist brisant! Sykora GmbH hat sich nämlich die U17-WM-Finals 1995, 1997, 1999, 2001 und 2003 angeschaut und den Karriereverlauf sämtlicher 18 bzw. 20 Kaderspieler der jeweiligen Finalteilnehmer untersucht. Es handelte sich dabei um die Nationalmannschaften Brasiliens (4x), Ghanas (2x), Frankreichs, Spaniens, Nigerias und Australiens. Die Junioren von damals sind heute zwischen 23 und 31 Jahre alt, im besten Fussballeralter also, weshalb es auch Sinn macht, die Karrieren der späteren Finalteilnehmer vorerst ausser Acht zu lassen. Einige Schlüsse, die sich aus der Tabelle ziehen lassen:
Von den insgesamt 184 Kaderspielern von 1995 bis 2003 haben genau 19 heute einen Stammplatz in einer der europäischen Top-Ligen (England, Spanien, Frankreich, Deutschland, Italien). Das entspricht 10,3 %
61 der 184 Spieler sind in ihren Klubs Stammspieler: 33 %. Diese Klubs reichen von der 8. Englischen über die 4. Brasilianische, die 3. Französische und die 2. Rumänische bis zur Primera Division.
34 der 184 Spieler haben A-Länderspiele vorzuweisen: 18,5 %
Von den afrikanischen Finalteilnehmern hat heute keiner einen Stammplatz in einer Top-5-Liga. Stephan Appiah (Ghana 1995) kommt bei Bologna zu Einsätzen, damit ragt er bereits aus der “Masse der Untergetauchten” heraus. Das beste Fundament für die weitere Karriere haben die Australier 1999 gelegt: 11 von 18 Spielern erfreuen sich heute eines Stammplatzes, sei es auch nur bei Nagoya, Shrewsbury oder Dandenong.
So. Aber die Euphorie ist ja ohnehin bereits etwas verflogen. Oder sollte ich mir die Schweizer Illustrierte kaufen?

Muss das Nachreten am Ende einer durchaus aufschlussreichen und interessanten Zusammenstellung sein, nach der ich hoffe, dass es den Schweizern besser ergeht?
Lieber Admin, was ist – in Deinen Augen – an diesem WM-Titel nicht erfreulich und/oder grossartig? Dass sich die Menschen ganz offensichtlich daran freuen? Dass er nicht totgeschwiegen und als irrelevant eingestuft wird, wie das vielleicht vor zwei Jahrzehnten noch geschehen wäre? Ist ein U17-WM-Titel etwa einer der Inbegriffe für den – von Dir so gehassten – modernen Fussball? Oder magst Du den Titel ganz einfach dem – von Dir als unfähig erachteten – Fussballverband nicht gönnen?
Lieber Flo, ich sehe jetzt das Nachtreten nicht ganz. Aber da du mich ja sehr genau zu kennen scheinst, hast du bestimmt meine e-mail-Adresse und erklärst es mir direkt.
Ich finde den Blog bzw die Zusammenstellung etwas unglücklich.
Das Kriterium Stammplatz sagt in der heutigen Zeit wenig bis nichts aus.
Benzema, Toni, Klose und Senderos z.B. sind zurzeit Ersatzspieler, die aber längst ihre internationale Klasse bewiesen haben.
Weiter waren (u.a. Brasilien4x, Ghana2x und Nigeria1x) etliche Teams in den Finals, in denen der jeweilige Verband die jungen Spieler zu wenig schützt und mit ihnen keine sorgfältige Karriereplanung vornimmt (da gäbe es x-beispiele von kläglichen Karrieren vor allem vom schwarzen Kontinent).
Interessant wäre zu wissen:
-wie viel Spieler haben mehr als 10 A-Länderspiele (denn wer heute CH-Natispieler ist, befähigt sich automatisch in den Topligen spielen zu können)
- wer verdient sein Geld ausschliesslich mit Fussball
In beiden Fällen darf man von einer erfolgreichen Ausbildung sprechen.
Die Frage betreffend “gegen den modernen Fussball” finde ich so vereinfachend und dumm, wie die Frage vor neun Tage an der Urne.
Hier kann ich vielleicht weiterhelfen, David:
– Mehr als 10 Länderspiele haben 18 der 184 WM-Finalisten vorzuweisen.
– Wer sein Geld «ausschliesslich» mit Fussball verdient, ist schwierig rauszufinden, zumal ich nicht weiss, wie viel man in der 3. rumänischen Liga verdient. 69 der 184 sind jedenfalls nicht mehr im Profifussball tätig.
Die ganze Aufstellung findest du hier: http://www.filedealer.com/freeupload/4a52a5c27f569496106f9bf1f15e64c7.pdf
wobei der Strich bedeutet, dass der Spieler nicht mehr im Profifussball ist.
Wunderbare Zusammenstellung. Herzlichen Dank Sykora.
David, das sehe ich etwas anders. Dass es bei der Karriereplanung afrikanischer Junioren oft haarsträubend zu und her geht, ist ein möglicher Schluss, den man aus dieser Statistik ziehen kann bzw. eine Tatsache, die hier erhärtet wird. Es ist aber nicht das Problem der Statistik an sich, oder? Ich glaube schon, dass diese Zahlen einige Deutungen erlauben, bei allen Vorbehalten.
Interessant ist auch der umgekehrte Fall: Wie viele Spieler wurden als Junioren “übersehen” und haben trotzdem grosse Karriere gemacht? Mir kommt da Rekord-Nationalspieler Heinz Hermann in den Sinn, der meines Wissens kein einziges Aufgebot einer Junioren-Nati erhalten hatte.
Zu Dons Frage: Ich würde mal vermuten, dass von den Leistungsträgern in den Nationalmannschaften nur die wenigsten schon auf U17-Stufe aufgefallen sind. Das hat mehrere Gründe, der offensichtlichste ist aber, dass 1.) die U17-WM nur alle zwei Jahre stattfindet und 2.) die Mannschaften zu über 50% aus Spielern bestehen, die in den ersten 3 Monaten des Stichjahres geboren wurden, weil sie ganz einfach körperlich (und oft natürlich auch fussballerisch) schon viel weiter sind. Da kann ein Junior noch so talentiert sein: Mit ungeradem Jahrgang und/oder einem Geburtstag spät im Jahr hat man es sehr schwer in den Nachwuchsmannschaften. (mehr dazu auch im neuen ZWÖLF, nächste Woche am Kiosk)
ergänzend zu sykora.
dies ist erst seit der jahrgangseinführung mitte neunziger (davor galt der 31.7 bzw. 1.8 als stichtag zumindest in der schweiz) so. damals waren die august-, september und oktoberkind die glücklichen. dieses phänomen zeigt sich nicht nur im Fussball, sondern in eigentlich allen Berufen (Siehe Biermann C., Fussball-Matrix).
zu dons frage.
Damals gab es in der Schweiz nicht viele Junioren-Nationalteams. Weiter war das Selektionsnetz sehr gross bzw. die Spieler waren bis in die späte Teenagerzeit beim ländlichen Landclub. Hermann wechselte 77 im Alter von 19 von Seefeld zu GC. Ein Jahr später debütierte er in der Nati und wurde Rekordnationalspieler (seit kurzem hat er 118 LS!). Diese Zeiten sind vorbei (mehr dazu im neuen tschuttiheft.li, am besten auf der Homepage erhältlich)