Als ich mit Beckenbauer spielte
Im Sommer 1977 – ich war 12 Jahr alt – war die Aufregung gross in unserem Dorf. Der Fussballgott Franz Beckenbauer wollte sich bei uns niederlassen. Eben erst hatte er einen sagenhaften Vertrag mit New York Cosmos abgeschlossen, für welche
er die nächsten drei Jahre zusammen mit Pelé spielen sollte. Die Millionen wollte der Kaiser aber nicht mit dem deutschen Fiskus teilen und einigte sich stattdessen mit den Behörden des Kantons Obwalden. So würde seine Famile also in die oberste Etage des “Hochhauses” einziehen (so genannt, weil es weit und breit das einzige seiner Art war). Das Haus, in dem ich wohnte, stand direkt daneben. Erst kamen die Möbel und kurz darauf die Blutmeute des “Blick”. Weil sie nicht eingelassen wurde, schickte sie kurzerhand den Automechaniker von nebenan, damit dieser an der Wohnungstür klinge, während sich die sprungbereiten Reporter auf der Treppe verstecken konnten. Bald kehrte aber der Alltag ein, und man traf sich mit des Kaisers Söhnen auf dem Spielplatz, oder wir spielten im geräumigen Wohnzimmer der Familie Beckenbauer Tischfussball und tranken Limonade. Stefan, der jüngere, war frech, spuckte Mädchen an (auch ältere!), und ich fand, dass er auch sonst ein feiner Kerl war. Michael, gleich alt wie ich, war still und etwas wehleidig.
Ich war ein schlechter Fussballer, eine klassische Nummer 13 (zweiter Einwechselspieler). Ich spielte rechter Aussenverteidiger und hatte Angst, den Ball zu bekommen. Ich stellte mich, wann immer möglich, neben einen Gegenspieler. So war ich gedeckt, und keiner kam auf die Idee, mich anzuspielen. Stefan war ziemlich talentiert und spielte deshalb in Luzern. Er hat es später beim FC Saarbrücken zum Bundesligaprofi gebracht, für die ganz grosse Karriere hat es aber nicht gereicht. Michael dagegen war nicht so gut und spielte mit mir bei den C-Junioren des Dorfvereins. Er hat öfter geweint nach einem harten Zweikampf oder wenn ihm etwas misslang. Einmal fuhren wir abends mit unseren Fahrrädern vom Training nach Hause, als er bei einem Bahnübergang mit dem Vorderreifen in die Schiene geriet und stürzte. Er hatte sich ziemlich aufgeschürft und heulte. Ich weiss nicht, was mich mehr ärgerte: das Heulen oder dass er zu blöd war, um über die Gleise zu fahren. Er tat mir aber auch leid, und ich kehrte um und wartete auf ihn. Im Grunde war er mir sympathisch, weil er – wie ich – alles andere als ein Held war. Mein Glück war, dass mein Vater nicht Franz Beckenbauer hiess. Ich frage mich, was aus Michael geworden ist. Es wäre schön, wenn er sich wieder einmal bei mir melden würde. Wir könnten gemeinsam etwas unternehmen. Eine Radtour, vielleicht.
(von Markus, heute nicht mehr im Dorf wohnhaft)
January 5th, 2010 at 6:28 pm
Merci für diesen Beitrag. Da kommen Jugenderinnerungen auf!
Ich bin im Nachbardorf aufgewachsen und wir haben damals sogar mal gegen die Beckenbauers und somit wohl auch gegen dich gespielt.
Auch ich war damals froh, wenn meine Mitspieler es regelmässig vorzogen, den Ball jemand anderem zuzuspielen. Als linker Aussenverteidiger beschränkte sich nämlich mein Spielverständnis darauf, den gegnerischen Stürmer am Flanken und Torschuss zu hindern oder ihn ins Abseits laufen zu lassen. Wohl deshalb schätze ich heute spielstarke, kreative Aussenverteidiger ganz besonders.
Was aus dem Michael geworden ist, weiss ich nicht. Er wäre mir aber wie alle Anti(fussball)helden sicher auch sympathisch gewesen.
von Paul, heute nicht mehr im Nachbardorf wohnhaft