Спортивная

pieter1Kurzferien in Sankt Petersburg. Ein Luxus. Nun gibt es bei Städtereisen ein paar Fixpunkte, die ich einzuhalten versuche: Kino, Flohmarkt, Fussball. Letzterer wird in Petersburg auf einer kleinen Insel im Fluss gespielt, wo das Stadion Petrovsky steht. Die Heimstätte von Zenit Sankt Petersburg ist ein dachloses Rund aus den zwanziger Jahren, überragt von den grössten Lichtmasten der Welt. Also auch grösser als diejenigen im alten Letzigrund. Mein Schweizer V-Mann in Russland hat uns für das Spiel gegen die Kaukasier von Spartak Naltschik Tickets auf der Haupttribüne besorgt. Naltschik ist zwar ein Profiverein (voller Name: Professionalni futbolni klub Spartak Naltschik), in der Tabelle der Российская футбольная премьер-лига aber weit hinten klassiert und daher für den Titelaspiranten aus der Zaren- und Touristenhochburg ein erhofftes Kanonenfutter. Beim Versuch, zu unseren Plätzen zu gelangen erhalten wir als erstes eine Lektion in Sachen Polizeipräsenz im Stadion. Drei Kontrollriegel müssen durchdrungen werden, der letzte davon beim Aufgang zur Tribüne. Es ist das einzige Mal während der fünf Tage im Russland, dass mich mein Freund anweist, jetzt bitte nicht Schweizerdeutsch mit ihm zu sprechen, sondern einfach zu schweigen.

Alle 22’000 Plätze im Stadion scheinen besetzt. Die Nevsky Front und ihre Jünger machen ordentlich Stimmung. Über jeder Tribüne ragt eine überdimensionale Videowand, die das Spiel live überträgt. Die Geschichte dazu ist folgende: Vor ein paar Jahren kam ein edler Mann auf den Club zu und sagte, er würde diese Videowände gratis spendieren, aufstellen und betreiben. Ok, dachte der Club. Der Spender installierte postwendend seine Videowände, auf Drehsockeln. Ist nämlich praktischer, weil dann kann er, wenn grad kein Spiel ist (also meistens) die Wände um 180° drehen und in jede Himmelsrichtung den ganzen Tag richtig tolle Werbebotschaften für richtig tolle Produkte laufen lassen. Und wahrscheinlich ordentlich was verdienen dabei. pieter2

Beide Teams zeigen von der ersten Minute an schnellen und technisch hochstehenden Ostblock-Fussball. Der russische V-Mann meines Schweizer V-Manns erklärt uns während des Spiels ein paar Eigenheiten des Dargebotenen. So geht zur Zeit offenbar ein tiefer Graben durch die Zuschauerreihen Zenits. Die Fankurve verwünscht den vor kurzem aus Moskau zurückgekehrten (in ihren Augen abtrünigen) ex-Zenit-Jungstar Vladimir Bistrov mit wüsten Gesängen und zahlreichen Transparenten. Der Rest der Fans im Stadion stimmt mehrmals lautstarke “Vova-Vova”-Gesänge an. Vova als Kosename für Vladimir. Die beiden Lager bekämpfen sich mitunter auch handfest. Das sieht dann wohl etwa so aus.

In der Pause geniessen wir Gastrecht in einer kleinen Vodka-Bar im Tribünenbauch. Dort stossen wir ein paar Mal an, testen allerlei Fischköstlichkeiten und trinken auf den FCZ. Auch der FC Zenit bedient sich dieser Abkürzung und am Souvenirstand finden sich zahlreiche Artikel, die wir nun praktischerweise auch in Zürich tragen können. Der russische V-Mann erzählt uns stolz von einem Freund, der letztes Jahr “die goldene Reise” absolviert habe. Diese Auszeichnung erhalten in Petersburg Fans, die in einer Saison sämtliche Auswärtsspiele von Zenit besucht haben. Wir verschaffen uns Respekt, indem wir erwidern, dass wir ihren FCZ schon vor sieben Jahren einmal beim Gastspiel im Hardturm gesehen haben. Wir platzierten uns damals inmitten der Zenit-Fans. Einige von ihnen waren ziemlich mitgenommen von der 40-stündigen Bus- und Trinkfahrt. Beim verlassen des Hardturms sahen wir eine Frau mit einem Zenit-Zottelhut, auf dem “Crazy Fan” stand. Das sah blöd aus, sehr blöd. Seither ist Crazy Fan für uns ein stehender Begriff für Zuschauer mit Zottelhüten oder farbigen Perücken oder Sponsorenfähnchen oder Lederhandschuhen und Lendenschutz. pieter3

In der zweiten Halbzeit nimmt sich das Heimteam meinen liebsten russischen Fangesang “v’piriod!” (nach vorn!) zu Herzen und erzielt das verdiente 2:2. Zu mehr reicht es nicht mehr, was die Zuschauer aber nicht sonderlich erzürnt. Eine Schlussbemerkung noch für alle, die bis hierher durchgehalten haben: Das Kino Rodina ist sehr schön und der Flohmarkt bei der U-Bahn-Station Udelnaja gross und wild.

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One Response to Спортивная

  1. SO: womit bewiesen wäre, dass es keine Polizei braucht.

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