Die andere Sicht auf FCB-FCZ
Friday, November 27th, 200960% aller redaktionellen Inhalte von Tageszeitungen beruhen laut einer Studie auf Pressekonferenzen, Medieninformationen oder PR-Veranstaltungen. Darunter fallen auch Polizei-Communiqués. Ein beträchtlicher Teil dieser einseitigen Information wird mittlerweile ungeprüft übernommen, ohne dass dabei die Informationsquelle jeweils offen gelegt würde. Nach dem Cupspiel FCB-FCZ vom vergangenen Freitag spielte derselbe Mechanismus: Die Polizei diktierte, was in die Spalten kam, und das hiess dann: 200 Zürcher haben mit noch nie dagewesener Brutalität den Eingang zum Gästesektor gestürmt, drinnen alles verwüstet und, indem sie diverse Gegenstände aus den Stadionfenstern geschmissen hätten, 25 Fankollegen verletzt. Ein Basler (!) hat sich nun die Mühe gemacht, die andere, nicht-polizeiliche Sicht der Dinge ans Licht zu bringen. Er kommt zu folgendem Schluss, was die Chronologie der Ereignisse und die Ursache der Verletzungen angeht:
Kommuniziert wurde, dass nach Ankunft des Extrazugs gegen 18:30 Uhr sofort der Gästesektor gestürmt und zu Kleinholz verarbeitet worden sei, wobei 25 Zürcher durch eigene Leute verletzt worden seien.
Die Sanität ist im Joggeli immer mit mehreren Fahrzeugen vor Ort, aber bei mehr als 15 verletzten Personen wird ein Erste-Hilfe-Zelt angefordert, welches durch die Bezirksfeuerwehr innert Minuten aufgestellt wird, nachdem sie einmal am Einsatzort eingetroffen ist.
Wenn die offizielle Randalemeldung stimmen würde, hätte die Bezirksfeuerwehr um etwa 19:15 Uhr alarmiert werden müssen, sie wurde aber erst um 21:15 Uhr aufgeboten.
Aufgrund von Zeugenaussagen wurde folgender Ablauf rekonstruiert:
Etwa 18:30 Uhr: Nach Eintreffen des zweiten Extrazugs Pyros auf der Treppe der Bahnstation und auf der Strasse, anschliessend Blocksturm.
Die Tore zum Gästesektor werden geschlossen. Von der St. Jakob-Strasse her gelangen Polizisten in Vollmontur via den angrenzenden Sektor A in den Gästesektor. Die Blockstürmer (nach Angaben der Polizei 200, nach Zeugenaussagen höchstens 50) werden mit Gummischrot in den Balkon des Gästesektors gedrängt. Die Polizei bleibt vorerst im Gang (Cateringbereich) des Gästesektors.
Dann passiert etwa eineinhalb Stunden lang nicht viel.
Vor Spielbeginn: Die Polizei und die Clubs entscheiden, die noch wartenden Zürcher nach Hause zu schicken und das Spiel anpfeiffen zu lassen.
ab 20 Uhr: Inhaber von Tickets für den Gästesektor stehen immer noch vor dem Stadion und werden mit Gummischrot, Tränengas und mobilen Absperrgittern zum Extrazug gedrängt.
Die im Balkon Eingeschlossenen riechen den Braten, brechen aus dem Balkon aus, öffnen die Eingänge und beginnen, den Gästesektor in seine Einzelteile zu zerlegen.
Vor dem Stadion werden zwischen 20:00 Uhr und 20:45 Uhr rund 25 Personen durch Gummischrot der Polizei aus naher Distanz auf Kopfhöhe verletzt.
20:45 Uhr: Die letzten Inhaber von Gästesktortickets werden ins Stadion gelassen.
21:15 Uhr: Die Bezirksfeuerwehr wird aufgeboten, um das Erste-Hilfe-Zelt aufzubauen.
Erst am 25. November 2009 gelangten entsprechende Meldungen durch die online-Ausgabe von 20 Minuten an die Öffentlichkeit: Die Lage vor dem Eingang spitzte sich zu. Augenzeugin Melina D: «Kurz vor Spielbeginn kletterten einige an den Gittern beim Eingang hoch.» Dann ging offenbar alles ganz schnell: Die Polizei fuhr mit Gitterwagen auf, drängte die Fans zusammen und setzte schliesslich Tränengas und Gummischrot ein. «Ich musste fassungslos zusehen, wie Tränengas und Gummischrot aus nächster Nähe in die Menge gefeuert wurden», beschreibt 20 Minuten Online-Leser Markus S. die Situation.



