Anfang Oktober war ich zwei Tage in Nürnberg, Franken. Die Franken wechselte ich in Euro, die Euro gab ich aus. Für Kaffee mit Kirschkuchen im Café am Fluss, dessen Namen ich mir nicht merken konnte. Aber Nürnberg ist schöner als sein Ruf. Hat es überhaupt einen Ruf? Ich war angereist über München. Es war das letzte Wiesn-Wochenende. Der Schnellzug aus der Schweiz ein einziger Testosterontransport mit gute-Laune-Wettbewerb. Männer jeden Alters türmen Biere vor sich auf, die sie noch vor der Ankunft getrunken haben wollen. Um dann auch richtig Mass halten zu können im Paulanerzelt. Eine grosse Gruppe welscher Bauern in Edelweisshemd, Ehering und Filz-Gilet macht sich breit. Pro Viererabteil gibts ein Fässchen Feldschlösschen, bis Lindau bleibt davon nur Alu übrig. Dann kommt der Weisswein und die Frauen werden begrüsst. Mit dem Charme, den ein welscher Bauer nach einem Viertelfass Bier eben so parat hat. In München sind geschätzte 78% der EC-Passagiere bedient. Ich bedaure, nicht dazu zu gehören.
Für je einen Euro kaufe ich mir einen guten Milchkaffee und einen grossen Butterbrezel am Münchner Hauptbahnhof. Es ist interessant: Zuhause herrscht ein Kampf um die Preisobergrenze, Kaffee unter vier Franken am Bahnhof wird schwierig. Ein paar Reisestunden weiter werben alle Buden mit den tiefsten Preisen. Aber zwei Euro für einen Kaffee mit Brezel, was gibt das wohl für einen Stundenlohn, Herr Hartz?
In Nürnberg lerne ich die Hersteller des an diesem Abend preisgekrönten Fanzines zur Alemannia Aachen kennen. Und schätzen. Sie sagen Sachen wie “Hannover, Wolfsburg, Braunschweig – das Bermudadreieck der Langeweile” oder “Von dir will ich mich in Ernährungsfragen nicht länger bevormunden lassen!” Am nächsten Morgen geht es vor die Tore der Stadt. Nach Fürth. Nach einer Nacht mit Vollbier bin ich als Vollzahler Gast bei der SPVGG im leider nicht mehr Playmobil genannten Stadion. Es ist ein selten hässliches Flickwerk aus nicht weniger als acht verschiedenen Tribünenelementen, wobei der Klotz mit den Logen als besonders misslungen hervorzuheben ist. Wer sich hier als VIP niederlässt und dafür auch noch bezahlt, sollte sich freiwillig bevormunden lassen. Das Spiel ist in der zweiten Hälfte gut, die vielen mitgereisten Fortunen friedliche Menschen. Als ein paar die Fürther
verhöhnen mit “Für ein Heimspiel – seid ihr ganz schön laut”, meint der Capo: “Na gut, viel lauter sind wir auch nicht.” Zurück gehts nach Nürnberg. In der S-Bahn kommentiert ein Düsseldorfer den Look einer dem Zug entsteigenden Mutter: “Frauen ab 40 sollten sich kein Metall mehr aus dem Gesicht wachsen lassen.” Sein Kumpel sagt: “Wenn Quelle zumacht, ist hier nix mehr.” Ich glaube, er hat recht.
Bei einer schönen böhmischen Wirtin schaue ich, wie der Club in Leverkusen auf die Nüsse bekommt. Ein paar ältere Franken schauen mit. Ich esse dazu ein mir bis dahin unbekanntes Gericht:
Ein grosses Schnitzel, eingeklemmt zwischen zwei Rösti-artigen Kartoffeldeckeln. Dazu ein Blatt Salat und zwei grosse Pilsner. Dann fährt der Regio nach Buchloe. Er ist hoffnungslos überfüllt. Eine Frau hält das schlecht aus. “Schatzi, das ist so Scheisse hier”, sagt sie ihm ins Telefon. Schatzi kann auch nichts machen in dem Moment. Aber er darf sich schon mal freuen auf das Wiedersehen. In Buchloe dann ist meine Vorfreude gross auf den EC aus München. Und ich werde nicht enttäuscht: Die Wiesn auf Schienen. Was ich zuvor noch nie gesehen habe: Die Minibar ist mit reduziertem Angebot, dafür mit einer Zapfsäule unterwegs (Heineken). Für Güter die Bahn. Gute Nacht.