Es soll eine Liste geben der schlimmsten Städte der Schweiz, hab ich mal irgendwo gehört, und da stehe Porrentruy zuoberst drauf. Man kann ja trotzdem mal hinfahren. Porrentruy, erzählt mir der Einheimische vor Ort, habe wie andere Städte im Jura Einwohner verloren in den vergangenen zwanzig Jahren. Heute lebten noch etwa 6800 Leute dort, und man schätze den Bestand an leerstehenden Wohnungen auf fünf- bis sechshundert. Am Bahnhof macht sogar die SBB Werbung für ihre Liegenschaften, jedes zweite Bahnwärterhaus in der Gegend scheint frei zu stehen, die angegebenen Mietzinse alle im dreistelligen Bereich.
Von Porrentruy führt eine der entlegensten Schweizer Bahnstrecken nach Bonfol. Eine schöne Gegend, irgendwie mal belastet durch eine Giftmülldeponie, ich weiss es nicht mehr genau. Auf dem Spaziergang von Bonfol zurück nach Vendlaincourt passiere ich den Platz des FC Bonfol. Man sieht ihn schwach im Bild, jenseits der Gleise. Der Fotograf Markus Scherer hat sich in dieser Gegend gut umgesehen für seine Diplomarbeit über Schweizer Provinzfussballplätze, Alle, Bassecourt und so weiter, eine grossartige Serie, und jetzt sehe ich, dass Scherer seit der neusten Ausgabe für das Magazin ZWÖLF seine Arbeit fortsetzt, unter dem Titel “Feldstudien”, doppelseitig, angelehnt an Hans van der Meer in 11freunde, aber ohne nachzuahmen. Eine durch und durch erfreuliche Neuerung.
In der Bahnhofsunterführung von Porrentruy wird auch mit Edding gearbeitet. Erstaunlich, wer hier schon alles zu Gast war: FCB-Fans, GC-Fans und offenbar auch solche, die weder FCB noch GC mögen. Auch erstaunlich: Im Stadtführer von Porrentruy findet man Michael Owen. Der Jura verkauft sich touristisch ja als “Watch Valley”, und im kleinen Prospekt wirbt deshalb Tissot, eben mit Herrn Owen. Das wird die vielen englischen Touristen, die jeden Tag nach Porrentruy fahren, sicher beeindrucken.
Am Abend empfängt der HC Ajoie den HC Sierre zum 5. Spiel der Nati-B-Playoffs. Die alte Wellblechhalle ist proppenvoll, 3100 Zuschauer werden angegeben, also fast die Hälfte aller Einwohner. Welche Eishockeystadt der Welt erreicht wohl noch so eine Quote? Küsnacht auf jeden Fall nicht, auch nicht Basel. Die Stadionbeiz ist eine kaum zu fassende Höhle, in der sich Frittieröl und Marocaine-Rauch einen erbitterten Kampf um die Geruchshoheit liefern. Die Wände sind dekoriert mit uralten Wimpeln, verbleichten Wald-Fotografien und, sehr speziell, Stecktafeln, die eigentlich als Preislisten gedacht sind, hier aber die Resultate der Junioren der vergangenen Jahre festhalten. Die Sierre-Ultras, während des Spiels rigoros von den Einheimischen getrennt, dürfen in den Drittelspausen durch den Hintereingang in die Buvette. Sie wissen diese Behandlung zu schätzen und stellen sich anständig und unauffällig in die Schlange, um kurz darauf, nach Wiederbeginn, weiterzufahren mit obszönen Gesten Richtung Ajoie-Anhang.
Der Metzger verkauft mir noch ein Paar seiner exzellenten Saucisses d’Ajoie, dann geht es heimwärts. Porrentruy ist nicht die schlimmste Stadt der Schweiz. Man kriegt in der Beiz “Les 2 Cerfs” das Einerli Roten für 1.80, und es gibt einen “Collector Shop” mit AC/DC-Singles. Und die Fahrt zurück über Courgenay, Glovelier, Bassecourt ist schön. Ich gehe vermutlich wieder mal nach Porrentruy.