Der Musikjournalist Colin Irwin wollte ein Buch schreiben über die Gesänge in englischen Fussballstadien. Herausgekommen ist eine Bestandesaufnahme britischer Fussballkultur zwischen Plymouth und Wick, ein überaus lesenswertes Oszillieren zwischen Premierleague-Snobismus und unterklassigen Leidensgeschichten.
Gleich vorweg: Wer sich das Werk mit dem Titel “Sing when you’re winning” gönnen möchte, sollte unbedingt zum Original greifen. Die deutsche Übersetzung ist leider an vielen Stellen ein Ärgernis. Dass bei einem Buch, das als zentrales Element die Gesänge behandelt, die englischen Original-Chants bisweilen fehlen, dafür haarsträubende deutsche Übersetzungen geboten werden, ist das eine. Dass aber aus der im Englischen nun mal gängigen ing-Form konsequent das überhaupt nicht gängige deutsche Partizip I gemacht wird, ist schwer zu ignorieren. Was da wohl alles an Sprachwitz verloren ging, ach herrje. Nun denn, der Inhalt ist zum Glück reichlich und üppig und Irwin ein selbstironischer Erzähler, sodass die 300 Seiten auch mit etwas leer Schlucken zu schaffen sind.
Leer schlucken musste Irwin übrigens selten. Oft genug begoss er seine neuen Freundschaften ausgiebig, im Klublokal, im nahen Pub oder mit einer Flasche Whiskey aus dem Off-Licence gegenüber des Stadions. Irwin schildert auf plausible Art die Entfremdungstendenzen im englischen Spitzenfussball und stellt Menschen vor, die der unsäglichen Abzockerei und Arroganz in der Premierleague etwas entgegensetzen wollen. Dabei singt er mit Stockport County und Colchester United, redet mit Leuten des AFC Wimbledon und dem United FC of Manchester und erinnert sich an seine eigene Kindheit, an der Hand des Vaters beim Woking FC. Was “Sing when you’re winning” von anderen Fussball-Fanbüchern abhebt, ist Irwins Beschlagenheit in musikalischen Fragen. Er seziert Gesänge nach Tonalität und Ursprung, kennt dazu eine Unmenge unnötiger, aber grossartiger Details und amtet gleichzeitig – deformation professionelle – als harter, aber fairer Kritiker. So attestiert er ManUtd, entgegen landläufiger Meinung, eine intakte Gesangeskultur und (u.a. dank seines Gesprächspartners, dem ManUtd-Poeten Pete Boyle) eine reiche Vielfalt.
Beim häufigsten aller Gesänge, der Hommage “There’s only one XY” zur Melodie von “Guantanamera”, erzählt Irwin, womit der an Schizophrenie leidende ehemalige schottische Nationalgoalie Andy Goram von den Fans bedacht wurde: “Two Andy Gorams, there’s only two Andy Gorams.” Wer sich mit dieser Art Humor schwer tut, kann sich “Sing when you’re winning” sparen. Allen andern sei das Buch sehr nahe gelegt.

Nicht zu vergessen die Interpretation des Guantanamera-Songs zu Ehren eines unvergleichlichen aber nicht unersetzlichen FCZ-Spielers: Ein David Pallas, es git nur zwei David Pallas. Drü David Paaaaallas, es git nur vier David Pallas …