“Hohe Haftstrafe für Marseille-Hooligan”, überschreibt die Agentur Sportinformation (Si) eine Kurzmeldung vom Samstag. Inhalt:
“Ein Madrider Gericht verurteilte einen französischen Hooligan (34) im Schnellverfahren wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt, Körperverletzung und Anstiftung zur Gewalt zu einer Haftstrafe von drei Jahren und sechs Monaten. Das Gastspiel von Atlético Madrid in der Champions League am kommenden Dienstag bei Olympique Marseille hat dadurch weiteren neuen Zündstoff erhalten.”
Genau, das Gastspiel von Atlético. Was war da noch im Hinspiel? Richtig. Atlético-Anhänger, die ja auch mittels Transparent dem abgelebten Jörg Haider den ewigen Frieden wünschten, hatten Marseille-Spieler rassistisch beleidigt, was deren Fans in Wallung brachte. Zudem – wie zynisch – wollte ausgerechnet Atleticos Sicherheitschef in der OM-Zaunfahne “Comando Ultra 84″ eine rassistische und gewaltverherrlichende Botschaft entdeckt haben. Ordner wurden beauftragt, die Fahne zu entfernen, was sie nicht schafften (klingt etwas an?). Darauf schritt die Polizei ein. Und zwar so heftig, dass die nicht unbedingt für Fan-Freundlichkeit bekannte Uefa Atlético mit zwei Geisterspielen (später reduziert auf eines) für den Rassismus, die unnötig provozierten Ausschreitungen und alle anderen Unzulänglichkeiten bestrafte. Über all dies hatte ja auch die Si berichtet. Der vermeintliche Hooligan, der nun eiligst zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde, war einer jener Fans, die sich erst über die rassistischen Beleidigungen aufgeregt und danach gegen Polizei und Ordner zur Wehr gesetzt hatten. Wer mag, kann sich hier selbst ein Urteil bilden in der Frage, von wem die Gewalt ausging. Der Verurteilte ist, mit geringem Recherche-Aufwand, darauf zu erkennen. Wenn mich nicht ganz alles täuscht, sucht er vergeblich den Dialog mit der Polizei.
Die Si ist leider bekannt sowohl für die sinnentleerte Verwendung des Hooligan-Begriffs als auch für die Verbreitung falscher Nachrichten, wenn es um Ausschreitungen oder Übergriffe geht. Das ist deshalb fatal, weil sämtliche Tages- und Sonntagszeitungen die Dienste der Agentur in Anspruch nehmen. Ungern erinnern wir uns an die “Schläger aus Graz”, die in Budapest beim Spiel gegen Honved gewütet haben sollen. In Wirklichkeit – und wie z.B. die Si-Kundin NZZ Tage später richtig stellen musste – schlugen als Ordner getarnte Honved-Hooligans und Polizei blind auf die Gästefans ein. Was sich die Si nun aber im Fall des OM-Supporters Santos erlaubt, geht auf keine Kuhhaut. Sind bei denen wirklich alle zu faul, um mal 1-2 Beiträge aus internationalen Medien zu lesen, bevor sie so eine Meldung schreiben und verschicken? Und Zeitungen wie die NZZ, sollten die bei Hooligan- und Fan-Nachrichten aus dem Hause Sportinformation nicht endlich mal ein wenig vorsichtiger werden?
Dreieinhalb Jahre für Widerstand gegen die Staatsgewalt, Körperverletzung und Anstiftung zur Gewalt – allein das Strafmass zeigt, dass hier etwas nicht stimmen kann. Liberté pour Santos.
