Archive for November, 2008

Dribbeln, passen, schiessen

Sunday, November 30th, 2008

Wegen der Titelgeschichte -- “Ruhe bitte! Wie Ultras die Stimmung in den deutschen Fankurven kaputt machen” -- hab ich mir die aktuelle Ausgabe des 11freunde-Magazins gekauft (dazu aber vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt mehr). Der Rest des Heftes bot auch so einiges, vorausgesetzt, man kennt die 11freunde und hat seine Erwartungen an das Heft im Laufe der Jahre entsprechend justiert. Wie dem auch sei, ich freute mich sehr, auf S. 56 ein ganzseitiges Foto eines meiner grossen All-Time-Idole zu sehen, Matthew Le Tissier.

Im Winter 1996 habe ich die Reise per Zug und Fähre von Stretford-upon-Avon nach Zürich für fünf Stunden unterbrochen, nur um ihn wenigstens einmal im Leben gesehen zu haben. Le Tissiers Southampton war bei Tottenham zu Gast. Es war ein schrecklich langweiliges Spiel zweier gegen oben und unten ambitionsloser Mannschaften, aber irgendwann in der zweiten Halbzeit nahm Le Tissier im Mittelfeld einen hohen Ball volley mit dem Absatz und lancierte so mit einem 40-Meter-Steilpass einen Mitspieler, und dann war mir der Rest egal. Ich hatte es gesehen, ich hatte ihn gesehen.

Jetzt widmen sie ihm in 11freunde also zwei Seiten, eine Bild, eine Text. Aber es ist nicht die Art Andenken, die ich mir gewünscht hätte. “Je nach Situation entschied Le Tissier, ob er eines seiner furiosen Dribblings startete, mit einem Pass das Spiel verlagerte oder direkt den Abschluss suchte”, wird sein Spiel umschrieben. Na gut. Gilt das nicht -- “furios” mal ausgeklammert -- für so ziemlich jede Spielerin und jeden Spieler auf Erden, einschliesslich meiner Wenigkeit? Seit ich mich erinnern kann, stelle ich mir bei Ballbesitz die Frage: Dribbling, Pass oder Schuss? Deswegen hat aber noch niemand über mich geschrieben. Und auch völlig zurecht nicht.

Es ist diese bekannte, leidige Geschichte mit den Herzensangelegenheiten: Liest man über etwas, das man gut kennt und gerne hat, macht es irgendwie traurig, wenns dann, wie soll ich sagen, nicht so schön ist. Oder nicht ganz richtig. Es gibt dann den Reflex des Leserbriefes, in dem man sein Leiden an der richtigen Adresse deponieren kann, aber wirkliche Linderung verspricht das ja in den seltensten Fällen. Ach herrje. Ich will auch den 11freunden nicht zu nahe treten, immerhin haben sie uns im Oktober zum Blog des Monats gekürt, aber vielleicht einfach mit der Bitte schliessen, beim nächsten Mal, wenn dann vielleicht Bruno Conti dran ist oder Alain Giresse, daran zu denken, dass es da draussen welche gibt, die ihr halbes Leben, oder zumindest ihre halbe Jugend… Aber eben. Es ist nur Fussball.

Frage an die NZZ

Friday, November 28th, 2008

Liebe NZZ

Schon sehr lange habe ich Sie abonniert. Auch Ihre Sonntagsausgabe. Das Folio lese ich gerne und einige seiner Redaktoren spielen wirklich schönen Hallenfussball. Jetzt nimmt mich aber einmal etwas wunder.

Diese Woche haben Sie wieder einmal einen Artikel des angesehenen deutschen Sport-Enthüllungsjournalisten Jens Weinreich publiziert, zur ISL-Pleite, zum Fifa-Gemauschel, zu korrupten Funktionären. Es war Weinreichs x-ter Beitrag in Ihrer Zeitung. Offenbar halten Sie ihn also für seriös und glaubwürdig genug (bzw. in dieser Sache mindestens so glaubwürdig und kompetent wie Ihre eigenen Leute), für Sie über ein derart delikates Thema wie die ISL-Geschichte zu berichten. Jens Weinreich ist in seiner Heimat nun aber seit vielen Wochen Zielscheibe einer beinahe grotesken Kampagne des Deutschen Fussball Bundes (DFB). Ist Ihnen das keine Zeile wert? Heute habe ich im Freitagsdossier den hoch geschätzten Medienbund durchgeblättert. Auch nichts, trotz der jüngsten Entwicklung in diesem Fall.

Wie ist das möglich? Haben Sie das verschlafen oder finden Sie das unwichtig? Oder habe ich da etwas übersehen, eine Kurzmeldung vielleicht?

Hochachtungsvoll

Ihr Leser P. Claude

Einwurfgefahr

Friday, November 28th, 2008

Einwürfe waren lange Zeit ein notwendiges Übel, um das Spiel irgendwie fortzusetzen, wenn der Ball ins Out gerollt ist. Die erste Erinnerung an spezielle Einwürfe haben junggebliebene Mittdreissiger an diesen lustigen Esten Risto Kallaste, der in der WM-Quali zur WM 94 gegen die Schweiz jeweils diese «Salto-Einwürfe» vorführte.
In dieser Saison spricht man vor allem von Rory Delap von Stoke City, der jeweils das macht, was Christian Schwegler auch gerne können würde. Doch das alles ist nix gegen diesen US-Junior Paul Ladd, der nicht nur ebenso lustig wie Kallaste rumturnt, sondern auch gleich noch begründet, warum die Spielregeln bei Einwürfen einen 2-Meter-Abstand verlangen.

Schiri mit Zweihänder

Tuesday, November 25th, 2008

Schön choreografiert und wahrscheinlich wochenlang geprobt: die Doppelgelbe von Mainz. Was im Anschluss daran alles über den armen Manne ausgeschüttet wurde, ist an anderer Stelle zu erfahren.

Ferdribbelt

Tuesday, November 25th, 2008

Während die Angriffe des Fussballverbandes gegen Constantin gleich reihenweise hängen bleiben, verdribbelt sich der BLICK in der Engmaschigkeit der Abkürzungen. Eingangs genannter Verband wird in der heutigen Online-Ausgabe nicht nur im Teaser zum Schweizerischen Vussball-Ferband (SVF). Wohl inspiriert durch die heiss laufende Diskussion um die SVP-Nachfolge für Sämi Schmid. Oder hat CC am Ende gar den Schweizerischen Volk-Fussball in die Knie gezwungen?

Natürlich: Luxemburgerli

Sunday, November 23rd, 2008

Herr Inler hat sich ja etwas sagen lassen müssen nach dem 1:2 gegen Luxemburg. Weil er am Tag zuvor für den “Blick” posiert hatte, das Maul weit aufgerissen vor einem Luxemburgerli. Jetzt hab ich auch mal wieder welche gegessen. Herr Inler ist mir dabei zwar in den Sinn gekommen, aufgefallen ist mir aber etwas anderes: Auf der neuen, goldenen Schachtel hat es zwei informative Aufdrucke. Der erste: zur Geschichte und Eigenart. Da heisst es: “Wir verwenden ausschliesslich naturreine Zutaten bester Qualität”. Der zweite: die Zutaten. Ein Auszug: “Feuchthaltemittel (Sorbit), Emulgator (Soja-Lecithin), Säuerungsmittel (Apfelsäure), Aroma, Farbstoffe (Zuckercouleur E141, E124, E153, E170, E172, E122, E160a, E101, E104, E133)”.

Gut, ursprünglich war alles einmal Natur. Von daher… Aber trotzdem. Das ist fast wie beim Happy Meal: Bleibt jedes Mal nachher ein extremer Berg Müll zurück, aber auf der Kartonschachtel können die Kleinen einen “Vertrag mit sich selber” unterschreiben, dass sie (um die Umwelt zu schonen), bei jedem Zeichnungspapier auch die Rückseite bemalen.

Den Zeitungen fehlen Hooliganbilder

Thursday, November 20th, 2008

Es ist offensichtlich: Die Presse hat zu wenig Hooligan-Bilder. Genauer gesagt: Sie hat nur eines. Es stammt aus der Partie Schaffhausen-FCZ, zeigt eine richtige Prügelszene und wird von der Agentur Keystone angeboten. Dieses Bild findet sich circa alle drei Wochen in irgendeinem Blatt. Weil es häufiger einfach nicht mehr geht, greifen die Fotoredaktionen zur Bebilderung von Hooliganismus auf andere Fan-Bilder zurück. Ein journalistisches Unding.

Nach der Gemeinderatsdebatte zur Stadtzürcher Präventiv-Datenbank HOOLDAT (neu: GAMMA) bebildern sowohl NZZ als auch Tages-Anzeiger ihre Artikel mit Kurvenszenen. Die NZZ zeigt den Gästesektor im Hardturm bei einem Gastspiel des FC Basel und zwei Fans, die auf den Zaun geklettert sind und Leuchtfackeln in der Hand halten. Der besser erkennbare Fan ist vermummt. Die Bildlegende der NZZ: “Gewaltbereitschaft an Sportanlässen genügt, um in einer Datenbank registriert zu werden.” Den Abgebildeten wird also unterstellt, gewaltbereit zu sein. Dies schliesst die NZZ vermutlich aus der Vermummung und dem Hantieren mit Feuerwerk. Richtig ist: Feuerwerk in Sportstadien wird laut Verordnung zum Hooligangesetz (BWIS II) als “gewalttätiges Verhalten” taxiert. Diese Definition unterläuft aber die gängigen Vorstellungen von Gewalt und Gewalttätigkeit. So ist aufgrund dieses NZZ-Bildes nicht auszumachen, welchen körperlichen Schaden die Abgebildeten Dritten zugefügt haben oder bald zuzufügen gedenken.

Der Tages-Anzeiger zeigt ebenfalls einen Gästesektor (wohl in Basel) und Fans des FC Zürich. Zwei Fans haben den Zaun erklommen, einer der beiden ist vermummt und hält eine Leuchtfackel in der Hand. Im Hintergrund brennen weitere Fackeln. Die Bildlegende: “Im Visier der Politik: Zürcher Hooliganismus an einem Super-League-Fussballspiel.” Der Tagi geht also noch einen Schritt weiter als die NZZ und identifiziert die abgebildeten Personen als Hooligans im Sinne von Gewalttätern. Erneut ist aber nicht zu erkennen, welche Gewalttätigkeiten im gebräuchlichen Sinne von den beiden ausgegangen sind oder ausgehen werden. Beim nicht vermummten Fan handelt es sich im Gegenteil um einen Aktivisten der Zürcher Südkurve, der sich eher durch Besonnenheit und integrative Stärken als durch körperliche Rohheit einen Namen gemacht hat.

Bilder vermummter Fans, die Fackeln zünden, eignen sich als Blickfänge unzweifelhaft gut und bedienen die gewünschte Assoziation zu Gewalt. Nur – und das wissen mit Sicherheit sämtliche zuständigen Redaktorinnen und Redaktoren – vermummen sich diese Leute nicht, weil sie im nächsten Moment auf andere loszugehen gedenken, sondern weil sie mit dem Zünden einer Fackel gegen das Sprengstoffgesetz, die Stadionordnung und die Richtlinien der Fussballliga verstossen und unvermummt eine ordentliche Ladung Sanktionen und Bussen zu befürchten hätten.

Fackeln gehören nach Auffassung dieser Fans zu einer Fankurve wie Transparente, Fahnen und Gesänge. Dass die Fackelträger mit dieser Haltung gegen Gesetze und Reglemente verstossen, ist Fakt. Folgerichtig ist Feuerwerk in Stadien seit langem Gegenstand intensiver Diskussionen. Man kann (auch als NZZ oder Tagi) noch so berechtigterweise gegen diese Art von Fankultur sein: sie in die Nähe von Hooliganismus zu rücken, ist unzulässig. Sie aus Mangel an Bildern echter Hooligans in die Nähe von Hooligansmus zu rücken, ein Skandal. Oder zeigt eine Zeitung, die grad kein gutes Raserbild findet, zur Not auch mal ein falsch parkiertes Auto?

Unterste Schublade

Thursday, November 20th, 2008

Vor kurzem ist die zweite Ausgabe des Lifestyle-Magazins „93. Minute“ des FC Zürich erschienen. Trotz grossem Zirkus um die Lancierung des jeweils über 100 Seiten dicken (und 10 Franken teuren!) Hefts, hat man dieses in der FCZ-fernen Öffentlichkeit bisher kaum wahrgenommen. Macht überhaupt nix, denn das 08/15-Marketing-Produkt bietet auf allen Ebenen durchwegs dürftige Kost. Wären darin nicht ein paar ganz bedenkliche Sachen zu lesen, so würden auch Knappdaneben-Blog-LeserInnen davon verschont bleiben.

FCZ-Präsident und Neo-Fussballliga-Funktionär Ancillo Canepa gibt im Editorial des neuen Hefts zu, dass die vereinzelten „Typos“ in der ersten Ausgabe „inhaltlich nicht relevant aber trotzdem ärgerlich waren“. Mit Typos meint er etwa zwei dutzend völlig vernachlässigbare Tipp- und Orthographie-Fehler, welche auf ein offensichtlich fehlendes Korrektorat zurückzuführen sind. (Das Programm der „93. Minute“ lautet gemäss Heft 1: „Nicht nur vom Geschehen auf den Fussballplätzen berichten, sondern die Fakten hintwwchen Spieler verpflichtet ihr nun?“ sind Tagespresse und nicht Inhalt dieses neuen Magazins.“)

Die wahren Tiefpunkte des Hefts finden sich dann jeweils in den Porträts von Fussballerinnen der FCZ-Frauen-Sektion. Nach Lara Dickenmann („Eine attraktive Frau, die eigentlich eher in die Kategorie Beach Volleyball gehört“) und Sandra Betschart („Mit 19 Jahren macht die Blondine keinen sehr reifen Eindruck“) wartet man mit Spannung darauf, wer in der nächsten Ausgabe die sexistische Schreibe von Chefredaktor Alexander Kuszka über sich ergehen lassen muss. Ziemlich übel wird einem auch, wenn ein jetziger Blick- und ehemaliger NZZ-Sportjournalist seine Ex-Freundin im Heft mit den Worten „bemüht sich stets um Ballkontakt“ umschreiben darf. Autsch. Unterste Schublade. Oder besser grad ab ins WC. Und bitte spülen.

Saro Pepe Fischer

Chrigel und Litti

Thursday, November 20th, 2008

Als sie diesen Pierre Littbarski nach Vaduz holten, wurde ich ein bisschen nostalgisch. Ich hatte dem einen Brief geschrieben, damals Anfang 80er Jahre, wollte ein Autogramm. Die Adressen auf meinen Briefen lauteten damals so: Pierre Littbarski, Fussballer, 1. FC Köln, Köln, Deutschland. Oder: Ian Rush, FC Liverpool, Liverpool, England. Erstaunlich vieles kam an bzw. zurück. Auch wenns manchmal eine Weile dauerte. Trevor Steven vom damals grossen Everton war einer der letzten, dem ich schrieb. 1985 warf ich den Brief ein, 1987 kam die Autogrammkarte.

Es war eine aufregende Zeit damals und ein aufregendes Hobby. Es ging zwar alles Sackgeld für Briefmarken drauf, dafür kam die Post damals noch zweimal am Tag. Das hiess zweimal Hochspannung, am Morgen nach der Schule, am Nachmittag nach der Schule. Erstaunlich vieles hab ich noch in wacher Erinnerung. Bernd Nickel von YB kam zum Beispiel mit der Nachmittagspost.

Und also eben Litti. Gestern holte ich meinen alten grünen Ordner “Autogramme” aus der Versenkung. Und dann fand ich ihn, den Pierre Littbarski, mit “Doppel Dusch” auf dem Bauch, und wer sekundiert ihn? Der Chrigel Gross im Bochum-Dress. Hat wohl auch eine Weile gebraucht mit antworten. Als ich ihn einklebte, spielte er auf jeden Fall schon für St. Gallen.

Arsenal-Tottenham 4:4

Tuesday, November 18th, 2008

Wer sich das epische Unentschieden zwischen den beiden Londoner Rivalen von vor ein paar Wochen noch einmal auf etwas andere Art gönnen möchte: Hier drei Minuten aus FANZONE, dem, sagen wir mal, kontradiktorisch angelegten Kommentatorenformat von Sky Sports. Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte Tottenham noch ein fünftes geschossen.