Archive for October, 2008

Fussball im Alter

Friday, October 31st, 2008

Im Oktober hat es ja bekanntlich vor 300 Jahren letztmals soviel geschneit wie am letzten Mittwoch. Das hält aber diejenigen, die den Fussball wirklich lieben, nicht davon ab, ein völlig unbedeutendes Trainingsspiel durchzuführen. Die Affiche hiess FCZ All Stars gegen den FCZ Business Club. Weil man ein bisschen Angst hatte, dass sich einer der ehemaligen FCZ Spieler verletzen könnte, hatten die Organisatoren vorsichtshalber sogar einen Arzt aufgeboten. War allerdings unnötig. Spieler wie Ruedi ″Turbo″ Elsener, Pirmin Stierli (59)oder Raimondo Ponte (53) zeigten, dass man auch jenseits von 50 Jahren noch sehr gut Fussballspielen kann. Aber auch Roger Kundert, Fritz Baur, Beat Studer und Urs ″Longo″ Schönenberger bewegen sich so, als ob sie immer noch täglich trainieren würden. Im Sturm spielte ausserdem Petar Aleksandrov (immer noch mit Stirnband), der ja ab sofort neuer Assistenztrainer in Luzern ist. Die All Stars gewannen 4:1 – war aber egal, das Schöne war zu sehen, dass man zwar älter wird, die kindliche Freude am Fussballspielen aber kaum verloren geht. (Foto: Knut Bobzien)

15′600 Cervelats und 63 Basler

Friday, October 31st, 2008

Eine aufschlussreiche Lektüre bietet “Eurokanal”, die Hochglanzbroschüre des Zürcher Polizeidepartementes zur Bilanz der Euro 08. Tenor: Es war alles sehr gut.

Ins Auge sticht ein ganzseitiges Adidas-Inserat, das aber nicht als “Anzeige” deklariert ist. Oder ist es gar keine? Fanden die Herausgeber der Stadtpolizei die herzigen grossen Männer im Hauptbahnhof einfach so gut, dass sie unbedingt ins Heft gehörten? Gleich neben dem Bild bilanziert Hooliganspezialist Beni Brack vom städtischen Sicherheitsdienst die Zusammenarbeit mit ausländischen Spottern: Gemeinsam wurden nur 120 Risikofans ausgemacht. “Diese relativ geringe Anzahl sorgte für eine gewisse Gelassenheit bei den Einsatzverantwortlichen”, schreibt er.

Höhepunkt der Publikation ist aber die von Reto Casanova (Polizeidepartement) zusammengestellte Liste “Die Euro 08 in Zahlen”. Ein Auszug:

- 15′600 Cervelats wurden in der Fanzone verkauft

- 1000 Zivilschutzpflichtige standen insgesamt im Einsatz

- 63 Fans des FC Basel verhaftete die Stapo nach einem Match ihres Clubs in Wil

Leider wurde erst nach Drucklegung bekannt, dass sämtliche dieser 63 Verfahren eingestellt wurden. Oder war es nicht von Interesse? Von Interesse wäre aber sicher gewesen, wie die Stapo dazu kommt, während der EM ihren Klub in Wil zu unterstützen.

(Dank an den Herrn aus dem Zivilschutz für den Hinweis und das Heft)

Tschuttiheftli: Ergic reloaded

Friday, October 31st, 2008

“Das Problem für einen Fussballer besteht darin, eine eigene Identität aufzubauen. Der Spieler muss sich während seiner Karriere jederzeit den Gesetzmässigkeiten des Profifussballs unterordnen können. Er kann oftmals nicht autonom entscheiden, da er in der Öffentlichkeit die Philosophie des Vereins verkörpern muss. Unter solchen Umständen ist es sehr schwierig, sich als Mensch zu entfalten, geschweige denn eigene Ansichten entwickeln zu können. Der Spieler kompensiert dieses Defizit, indem er seine Selbstverwirklichung im engen Korsett des Fussballs vollzieht. Dies führt teilweise zu skurrilen Idealen: Die Rückennummer wird zum zentralen Thema, die Art des Torjubels oder sogar die Schuhmarke.”

Basels Ivan Ergic im Interview im neuen TSCHUTTIHEFTLI, das es an einigen schönen Orten zu kaufen gibt.

Felder (10)

Tuesday, October 28th, 2008

Titel: Es ist noch ein langer Weg zum Kunstrasen

Aufgenommen von Filippo (bzw. seinem Bekannten, denn Filippo spielt selbst mit) im Nationalstadion von Dili in Timor-Leste (Osttimor), Frühling 2008

Transfermarkt an Springer

Tuesday, October 28th, 2008

Die doch recht bekannte Seite transfermarkt.de gehört jetzt zu 51% dem Springer-Verlag. Was das zu bedeuten hat, wird die Zukunft zeigen. Die Ablöse soll auf alle Fälle relativ hoch gewesen sein.

Begriffe

Tuesday, October 28th, 2008

Seit gestern wird am Basler Strafgericht die sogenannte «Schande von Basel» verhandelt. Die Medien berichten ausführlich. Ist vor allem in Online-Medien von (mutmasslichen) Hooligans die Rede. Verwenden zumindest die NZZ und der Tages-Anzeiger in ihren redaktionellen Beiträgen heute zum Prozessbeginn den weniger belasteten Begriff «Rowdys» (= (jüngerer) gewalttätiger Mensch). Dieser Begriff wurde schon in den 1980er-Jahren in Zusammenhang mit Ausschreitungen von Fans verwendet und wurde erst in den letzten Jahren durch den missverständlichen Begriff «Hooligan» verdrängt. Es wäre zu wünschen, dass sich der Begriff «Rowdie» (oder ein anderer, ähnlich unbelasteter Ausdruck) im Zusammenhang von Sport und Gewalt durchsetzen würde – und damit hoffentlich auch eine möglichst differenzierte Berichterstattung.

Das kann nur die Revolution!

Monday, October 27th, 2008

Endlich gehen sie in Italien auf die Strasse – und wie! Zusammen! Wie das Bild aus einer NZZ von letzter Woche zeigt, empören sich die jungen Fans von Roma (oben rechts) und Lazio (unten Mitte) gemeinsam, und zwar über die Rückbombardierung des Bildungswesens in die Zeit der Baumschulen. Ob die Handzeichen ein ebenso frivoles Jekami verraten wie die Fussballtextilien, lassen wir mal offen.

Samstag in Solothurn

Monday, October 27th, 2008

Bis jetzt war mir das gar nie aufgefallen. Aber am Wochenende war ich in Solothurn an einem Konzert, und dort war ein Raum volltapeziert mit Plakaten der letzten Jahre. Und da sah ich, dass unter jeder zweiten Band HOOLIGAN als Sponsor steht: The Business, The Buzzcocks, Misconduct, Discipline, Agnostic Front, Napalm Death, The Exploited, Deadline, Hatebreed und viele mehr, alle von HOOLIGAN unterstützt. Ich finde nichts Anrüchiges auf deren Homepage, nicht einmal einen halbwegs suspekten Link. Aber die Buzzcocks in HOOLIGAN-T-Shirts? Irgendwie gewöhnungsbedürftig.

Kein HOOLIGAN-T-Shirt trägt der Sänger von The Business auf einem der Plakate, sondern eins vom Athletic Club Bilbao, schön ohne Werbung, wie immer. Ich würde gerne mal ein Fotobuch anschauen nur mit Bildern drin von Punk-, Skin- und Oi-Bands, deren Sänger Fussballtrikots tragen, aber wahrscheinlich hat noch nie jemand einen Verlag gefunden, der so ein Buch herausgeben möchte. Aus dem Stand erinnere ich mich jetzt auch nur grad an eine Handvoll Beispiele: Real Deal mit Inter, Leatherface mit Sunderland, All because the lady loves mit Newcastle United und, ja, ok, Campino mit Bayern München. 

Auf dem Weg nach Solothurn hatten wir auf der A2 einen holländischen Car des Herstellers Van Hool überholt. Das ist ein gutes Busunternehmen für Auswärtsfahrten, finde ich, gerade in Holland. Reisen zum Beispiel die Fans von Feyenoord mit Van Hool ans Spiel in Amsterdam, dann kann sich der niederländische Konsumentenschutz beruhigt zurücklehnen, denn dann ist auch sicher drin, was drauf steht.

Auf der Autobahnraststätte Gunzgen Nord fuhr uns dann ein Kleinbus des FC Thun vor die Sonne, und dieser Fall war dann schon eher etwas für die Lauterkeitskommission: Gesponsert von COOP, shoppen sie an der Migrol-Tankstelle. Nicht unbedingt das, was der Herr Loosli gern sieht. Aber hängen wir es nicht an die grosse Glocke. Der FC Thun hat weiss Gott schon genug Sorgen. Und ausserdem war es ein Nachwuchsbus.

Am Konzert in Solothurn trat dann übrigens wieder ein Sänger in einem Fussballshirt auf, diesmal in einem von Argentinien. Aber er ist leider kein Fall für das erwähnte Buch. Denn die Band war die Sektion Chuchikäschtli, und die machen keinen Oi. Was mich auch noch irritierte: In der Disco nach dem Konzert tanzte ein junger Mann in einer neuen, blendend weissen Adidas-Trainerjacke mit grünen Streifen, und halbrund über den Rücken war das Wort “Beckenbauer” geschrieben. Es mag ja schon sein, dass die Jungen von nichts mehr eine Ahnung haben, aber dass sie sich jetzt spasseshalber zum Affen machen, muss denn das wirklich sein?

Split – Ancona 1:1

Friday, October 24th, 2008

Während der Überfahrt  mit der Fähre von Italien Richtung Kroatien fällt mir im Reiseführer eine Passage über Split auf: „ Besuchen Sie unbedingt ein Heimspiel von Hajduk.“  Nicht gerade üblich, dass kulturell und historisch ausgerichtete Reisebücher Fussballspiele empfehlen. Spätestens nach der Ankunft in der kroatischen Hafenstadt wird klar, dass Hajduk weit mehr ist als ein Fussballklub.  Jeder Souvenirstand verkauft Klubtrikots und -andenken. An Hauswänden haben sich die Fanklubs verewigt: Torcida nennen sich die einzelnen Fraktionen, denn egal wohin wir auch fahren, überall an der Küste tauchen weitere Hajduk-Fanklubs auf, selbst im kleinen Küstendorf auf Korcula  hat jemand mit schwarzem Klebband „Torcida Lumbarda“ auf ein Fenster geschrieben. Auf einem Schulhof ist in der Mitte des Spielfelds  das Hajduk-Emblem aufgemalt, ein rotweisses Schachbrettmuster in blauem Kreis. Ich lese in  Miljenko Jergovics „Walnusshaus“, aber auch dort  komme ich nicht an Hajduk vorbei, denn der Autor skizziert mit wenigen Sätzen eine ganze jugoslawische Fussballtradition: „Statt das Radio einzuschalten, wirbelten in seinem Kopf alle Begegnungen zwischen Hajduk und Roter Stern durcheinander, die er in er in einer langen Reihe von dreissig Jahren bewusst erlebt hatte, Jahre, in denen sich Fussballergenerationen abgelöst hatten.  Talente wurden geboren, die mit dem ersten Rausch in sich zusammenfielen, die grössten Spieler trugen die Neun oder Zehn auf dem Rücken, bei Hajduk Split Jurica Jerkovic, beim Roten Stern Jovan Acimovic….“ – Jerkovic? Spricht Autor Jergovic in seinem Roman etwa vom  ehemaligen FCZ-Star Jure Jerkovic, dem unvergesslich herausragenden Fussballer? – Nach einer Woche Strandfussball  geht’s zurück Richtung Italien. In Ancona stärken wir uns am Montag Morgen in einer Bar mit Kaffee und lesen die Schlagzeilen. Ancona hat in Treviso vor 1368 Zuschauern nur 1:1 gespielt. Aber die Zeitung berichtet vor allem von den Zwischenfällen vor dem Anpfiff, drei der fünfzig Ancona-Ultras wurden festgenommen. Ziemlich trostlos, der Fussball scheint in der bedeutendsten Hafenstadt an der italienischen Adria weit weniger zu beschäftigen als auf der anderen Seite des Meers. Dann fällt mir in der Bar per Zufall ein kleines Heftchen der „Associazione Clubs Forza Ancona“  in die Hände, das mein Interesse weckt. Mittendrin in der Werbung verbirgt sich ein Juwel: Auf der einen Seite ist Johannes der 23. abgebildet, gegenüber Franz von Assisi. Offenbar liegt dem freiwilligen Kulturverein „Quadro Di Giovanni XXIII“, der sich der Aufwertung der Stadt Ancona und der Unterstützung von Personen in Schwierigkeiten verschrieben hat, gerade auch der Fussball am Herzen. Einzigartig und Split ebenbürtig ist zumindest der Einfallsreichtum Anconas:  Politiker, Showstars und  Wirtschaftsgrössen sonnen sich überall auf der Welt gerne im Erfolg der Fussballklubs.  Päpste und Heilige habe ich aber ausser in Ancona noch in keiner Klubzeitschrift angetroffen.

Fredy Bickel: Nein zum modernen Fussball!

Thursday, October 23rd, 2008

Was ein wirklicher “Vollblutstürmer” ist, das wissen wir heute ja gar nicht mehr. Denn wir leben in einer furchtbaren Zeit: stürmende Verteidiger, verteidigende Stürmer – die einen nennen es Total Football, doch letztlich ist es Total Beliebig. Einer, der noch wusste, wo er hingehörte, war die treue GC-Seele Fredy Bickel (1918-1999). Der Mann, der 21 Jahre lang im selben Team spielte, über 200 NLA-Tore schoss und an zwei Weltmeisterschaften dabei war, erklärt sein Verständnis von Rollenteilung:

Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.

(Gefunden auf der LP “Die grosse Sportparade” von 1975. Der unsaubere Schnitt gegen Ende der Sequenz stammt vom Original)