Das Buch hab ich vor ein paar Jahren geschenkt bekommen, aber erst diese Woche gelesen. Es kommt wie ein Bildband daher, deshalb hab ich die Texte bis vor kurzem vernachlässigt. Die Rede ist von “Ragazzi di stadio” von Daniele Segre, herausgegeben 1979 von der Edition Gabriele Mazzotta.
Das Buch enthält Schwarzweissfotos der Fanszene Turins (viel Juve, wenig Toro) Ende 70er Jahre, meist Portraitaufnahmen wie auf dem Umschlag, aber auch Graffitis, Transparente, Gruppenfotos; ein grossartiges Werk. Die Bilder zeigen die extreme Überschneidung politischer mit Fan- Subkulturen, die die Anfangszeit der italienischen Fan- und Ultra-Kultur prägte. Ein Grossteil der damaligen Gruppierungen ordnete sich dem linken Spektrum zu – ein heute nahezu vollständig verschüttetes Erbe.
Wie ich jetzt erfahren habe, sind die Buchtexte ebenso wertvoll wie die Aufnahmen. Daniele Segre hat sich für “Ragazzi di stadio” mit jungen Männern und Frauen aus der Turiner Fanszene unterhalten: lange Gespräche in einer aus heutiger Sicht unvorstellbaren Direktheit und Offenheit. Herausragend hier das Gespräch mit Beppe, einem der Gründer und erstem Capo der “Fighters” von Juventus. Beppe erzählt hier vom Verhältnis zu seinen Eltern, die ihn schon als Kind verstossen hätten, von der Beziehung zu seiner Freundin Teresa (die beim Gespräch ebenfalls anwesend ist), von seiner Liebe zu Juventus und seinen Vorstellungen von “tifo”. Beppes Aussagen sind insofern ein interessantes Dokument, als der junge Capo Ende 70er Themen anspricht, die wir heute gerne als neuzeitliche Phänomene und Auswirkungen einer überbordenden Kommerzialisierung des Fussballs verstehen, wie etwa die fehlende Unterstützung seitens des Tribünenpublikums oder die Arroganz überbezahlter Spieler.
Geradezu rührend sind die Passagen, wo Beppe von einer Fankultur wie in England, speziell in Liverpool, träumt, nur mit Schals, Klatschen und Gesängen, ohne Trommeln. Um dem Interviewer Segre verständlich zu machen, was er meint, legt er die Pink-Floyd-LP “Meddle” auf, in deren Song “Fearless” ein Sample des Liverpooler Kop zu hören ist. Offenbar ist dies Beppes einziges Tondokument englischer Fangesänge. Per Zufall entdeckte ich genau diese Gesprächssequenz auf Youtube. Es ist dort zu sehen, dass Beppe dem Interviewer den ganzen Song vorspielt, bis am Schluss endlich “You’ll never walk alone” ertönt. Dass der Interviewer Daniele Segre ist, nehme ich an, denn gemäss seiner Homepage hat er unter dem selben Titel “Ragazzi di Stadio” 1980 auch einen Dokumentarfilm veröffentlicht. Daraus stammt wohl die Sequenz mit Beppe.
Jetzt stellt sich natürlich die Frage, was es bringt, ein vermutlich seit Ewigkeiten vergriffenes Buch vorzustellen. Ich weiss es auch nicht. Ausser dass ich ohne das Buch nicht auf den Youtube-Clip gekommen wäre, und den zu schauen lohnt sich auf jeden Fall. Was die Bilder angeht, so stell ich vielleicht irgendwann noch das eine oder andere hier rein. Wobei ich etwas Skrupel habe bei so guten Arbeiten. Die sollten nicht einfach so im Netz landen.
Danke, Fabio, für das Geschenk.